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„Home“ // Deutschland-Start: 29. Juli 2021 (Kino)

17 Jahre verbrachte Marvin Hacks (Jake McLaughlin) im Gefängnis, nachdem er eine Frau getötet hatte. Doch jetzt ist er wieder zurück in seiner alten Heimatstadt Newhall und hofft auf einen Neuanfang. Doch während seine schwerkranke Mutter Bernadette (Kathy Bates), bei der er wieder einzieht, versucht ihn irgendwie wieder willkommen zu heißen, sieht es bei der restlichen Bevölkerung schwieriger aus. Die Menschen haben weder vergessen noch vergeben, was er seinerzeit getan hat. Vor allem der Flintow Clan, zu dem auch die Getötete gehörte, tut alles dafür, um ihn wieder aus der Kleinstadt zu vertreiben. Aber dann lernt Marvin ausgerechnet Delta Flintow (Aisling Franciosi) kennen, die ihre eigene Sicht auf den Ausgestoßenen entwickelt …

Der Wechsel hinter die Kamera

Als Schauspielerin ist Franka Potente natürlich einem hiesigen, wie auch internationalen Publikum bestens bekannt. Seit ihrem Durchbruch 1998 in Lola rennt war sie in zahlreichen Filmen und Serien zu sehen, darunter etwa Die Bourne Verschwörung (2004) und Taboo (2017). Doch wie das so ist, wenn man in einer Karriere viel erreicht hat: Irgendwann entsteht da schon mal der Wunsch, auch etwas Neues auszuprobieren. Einen ersten vorsichtigen Versuch als Regisseurin wagte sie 2006 mit dem Kurzfilm Der die Tollkirsche ausgräbt. 14 Jahre später folgte mit Home der erste Langfilm, der tatsächlich aufzeigt, dass Potente auch hinter der Kamera gut aufgehoben ist und es sich hier nicht allein um ein aus Eitelkeit entstandenes Projekt handelt.

Dass die Deutsche, die seit einigen Jahren in den USA lebt, sich in ihrem Debüt Home mit dem Thema Heimat auseinandersetzt, ist interessant. Man merkt dem Film auch an, dass er auf vielen persönlichen Beobachtungen und Überlegungen basiert. Der Film ist zudem nicht so amerikanisch, wie es das Setting vermuten ließe. Vieles von dem, was Potente hier erzählt, könnte ebenso gut an anderen Orten spielen. Das Szenario ist dabei natürlich nicht neu. Zuletzt hat es diverse andere Filme gegeben, die damit beginnen, dass ein Mann aus dem Gefängnis kommt und wieder in der alten kleinen Heimatstadt Anschluss sucht. Lorelei und Palmer fallen einem an der Stelle beispielsweise ein, da gibt es schon diverse inhaltliche Überschneidungen – etwa eine schwierige amouröse Bindung oder kranke, alte Verwandte.

Ein Mikrokosmos der Hoffnungslosigkeit

Potente konzentriert sich dabei aber weniger stark auf den Protagonisten und seine konkrete Beziehung zu einem einzelnen Menschen. Sie betrachtet mehr die Kleinstadt als solche, nutzt die Geschichte von Marvin, um einen Mikrokosmos eines ländlichen Amerikas zu entwerfen. Eine echte Perspektive gibt es hier schon länger nicht mehr. Wer noch da ist, schlägt sich irgendwie durchs Leben, und sei es durch den Diebstahl von Medikamenten, die anschließend an Junkies weiterverkauft werden. Home erzählt davon mit zwar lichtdurchfluteten, oft aber auch blassen Bildern. Vergilbte Fotos einer Welt, für die es heute keinen Platz mehr gibt. Umso stärker ist der Kontrast zu Marvin, der mit seinen roten Haaren immer hervorsticht und fremd wirkt. Überhaupt ist allein schon das Erscheinungsbild des Mannes interessant: Jake McLaughlin hat einen massigen Körper, wirkt dabei aber wie ein Kind. Die großflächigen Tätowierungen scheinen nicht zu dem sanften Typen zu passen, der alles zu erdulden versucht, als Sühne für sein Verbrechen.

Aber ist das genug? Kann der Mord an einem anderen Menschen jemals gesühnt sein? Das Drama spricht sich schon dafür aus, anderen zu verzeihen oder es zumindest zu versuchen. Gleichzeitig macht Home aber auch klar, dass sich das alles toll und einfach und richtig anhören mag. Das heißt aber nicht, dass es realistisch ist. Selbst wenn die Sympathien in dem Film relativ eindeutig verteilt sind – der von James Jordan gespielte Russell, Bruder von Delta, ist der klare Antagonist –, so betont der Film doch auch das Menschliche bei der Gegenseite. Ein geliebter Mensch ist tot. Und daran werden weder die Jahre noch große Predigten etwas ändern, selbst wenn Letztere schon recht didaktisch und moralisierend formuliert sind.

Eine echte Entdeckung

Sehenswert ist das Drama, welches auf dem Filmfest München 2021 Deutschlandpremiere feierte, zum einen wegen dieser Fragen, über die im Anschluss viel nachgedacht werden darf. Kann ich als Gesellschaft einen verurteilten Mörder nach seiner Bestrafung wieder integrieren? Und will ich das überhaupt? Gerade auch das Ensemble liefert aber gute Gründe, weswegen es sich lohnt Home anzuschauen. Kathy Bates ist als fluchende und trinkende Mutter das zu erwartende Ereignis. Auch jenseits der 70 hat die Schauspielerin eine Präsenz, von der andere nur träumen können. Eine echte Entdeckung ist jedoch Jake McLaughlin, der nach seiner Zeit beim Militär mehr oder weniger zufällig beim Film gelandet ist. Er verkörpert die Ambivalenz seiner Figur, das Starke und das Schwache, das Raue und das Zerbrechliche, während Marvin nach einem Weg sucht, wieder zurück in die Welt zu finden. Zurück in etwas, das einmal seine Heimat war und das einzige ist, das ihm noch geblieben ist.

Credits

OT: „Home“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Franka Potente
Drehbuch: Franka Potente
Musik: Volker Bertelmann
Kamera: Frank Griebe
Besetzung: Jake McLaughlin, Kathy Bates, Aisling Franciosi, Derek Richardson, James Jordan, Lil Rel Howery, Stephen Root

Bilder

Trailer

Interview

Was versteht sie selbst unter dem Konzept Heimat? Und kann man dem Mörder eines geliebten Menschen wirklich verzeihen? Diese und weitere Fragen haben wir Regisseurin und Autorin Franka Potente in unserem Interview zu Home gestellt.

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Home (2020)
„Home“ folgt einem Mann, der nach einer langen Haftstrafe wegen Mordes zurück in seine Heimatstadt kommt – was viele auf keinen Fall wollen. Franka Potentes Regiedebüt ist ein sehenswertes, von einer starken Besetzung getragenes Drama über eine perspektivlose Provinz, die Suche nach Heimat und die Schwierigkeit von Vergebung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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