Kritik

Palmer Apple TV+ Justin Timberlake

„Palmer“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2021 (Apple TV+)

Für Eddie Palmer (Justin Timberlake) ist die Zeit eines Neuanfangs gekommen, so zumindest hofft er. Tatsächlich ist es jedoch schwierig. Niemand reißt sich um einen verurteilten Verbrecher, der auf Bewährung draußen ist. Immerhin auf seine Großmutter Vivian (June Squibb) kann er sich verlassen, die immer wie eine Mutter für ihn war und ihn auch jetzt wieder mit offenen Armen aufnimmt. Während er noch dabei ist sich neu zu orientieren und sein Leben zu ordnen, droht von nebenan Chaos. Nachbarin Shelly (Juno Temple) ist verschwunden, wieder einmal, und hat ihren Sohn Sam (Ryder Allen) allein zurückgelassen. Also nimmt sich Palmer des Jungen an, auch wenn der ihn anfangs immer wieder irritiert. Schließlich schaut der sich im Fernsehen mit Vorliebe eine Zeichentrickserie über Prinzessinnen an und will selbst wie eine aussehen …

Ein neuer Anlauf

Nachdem es eine Zeit lang danach aussah, als würde Justin Timberlake zu einer festen Größe im Filmgeschäft werden, war es in der Hinsicht die letzten Jahre recht ruhig um ihn geworden. Beschäftigt war er zwar, nahm mal wieder ein Album auf und kümmerte sich um seine Familie. Filmisch war er jedoch seit 2013 kaum mehr zu sehen. Wonder Wheel von 2017 war sein einziger tatsächlicher Spielfilm in dieser Zeit, ansonsten lieh er im Animationsfilm Trolls sowie der Fortsetzung einer der Figuren seine Stimme. Es war daher schon eine kleine Überraschung, als es hieß, dass er in dem Apple TV+ Original Palmer wieder eine Hauptrolle übernimmt und einen neuen Anlauf startet.

Noch überraschender ist aber, womit er sich wieder zurückmeldet. Die Zeiten, in denen Timberlake harmlose Massenware drehte, will er offensichtlich hinter sich lassen und jetzt auch als Schauspieler einmal ernst genommen werden. Dafür schlüpft er in Palmer in die Rolle eines verurteilten Verbrechers, der auch sonst wenig im Leben auf die Reihe bekommen hat, dank der Freundschaft zu einem Jungen aber endlich eine Art Sinn und Aufgabe erkennt. Sonderlich glücklich ist seine Figur über die Umstände zwar nicht, eigentlich will er Sam gleich wieder loswerden. Er ist zunächst auch überfordert mit der Aussicht, eine Art Ersatzvater zu spielen. Aber es hilft nichts, außer ihm ist sonst niemand da.

Solche Geschichten gibt es natürlich nicht gerade wenige. Kinder werden in Filmen immer wieder gern herangezogen, um Erwachsenen eine neue Perspektive aus Leben zu ermöglichen. Letztes Jahr erschien mit Lorelei ein ganz ähnliches Drama um einen Ex-Sträfling, der draußen in der realen Welt zu kämpfen hat und dabei langsam in seine Rolle als Ersatzvater hineinwächst. Palmer bewegt sich hier also auf vertrauten Bahnen, versucht auch gar nicht, in irgendeiner Form aus diesen auszubrechen und das Publikum zu fordern. Die Dramaturgie des Films ist letztendlich so vorhersehbar, dass man hier doch sehr genau weiß, was alles passieren wird, noch bevor es passiert ist. Und auch bei der Titelfigur begnügte man sich letztendlich mit Klischees.

Geschlechterrollen sind Ansichtssache

Ungewöhnlich ist dafür die Darstellung des Kindes. Ein Junge, der mit Puppen spielt, sich mit Mädchen zu Tee Partys trifft und wie eine Prinzessin aussehen will? Das sieht man dann doch nicht alle Tage in einem Film. Dass ein solches Verhalten zu einem Problem werden kann, versteht sich von selbst, vor allem wenn die Geschichte in einer ländlichen Gegend spielt. Während alle Frauen gerne mitspielen und ihn machen lassen, bleiben die obligatorischen Konflikte mit den Rednecks oder auch Mitschülern nicht aus. Schön ist dabei, wie der Film klar macht, dass Sam zwar anders ist, sich deswegen aber nicht zwangsläufig ändern muss. Palmer ist kein Coming-of-Age Film über einen Jungen, der seinen Platz findet, sondern zeigt einen Erwachsenen, der selbst erst einmal lernen muss, dass die Welt da draußen bunter ist, als er es ursprünglich dachte.

Dabei ist es gerade das Zusammenspiel von Timberlake und seinem jungen Nachwuchskollegen Ryder Allen, der hier sein Filmdebüt gibt, welches das Drama auszeichnen. Es ist einfach rührend mitanzusehen, wie sich die zwei anfangs fremden Menschen näherkommen, ein gemeinsames Band knüpfen und dadurch sicherer und reicher durchs Leben finden. Die Zuspitzungen, die sich Drehbuchautorin Cheryl Guerriero dabei ausgedacht hat, hätte es gar nicht unbedingt gebraucht. Zumindest nicht in dieser formelhaften Form. Aber auch wenn es schöner gewesen wäre, wenn das Drehbuch sich stärker um Details und Figurenzeichnung gekümmert hätte, mehr auf den Alltag vertraut hätte, anstatt da nur Konventionen neu einkleiden zu wollen, so bleibt doch ein solides Werk, dessen Einsatz für Toleranz und Selbstentfaltung nie verkehrt ist.

Credits

OT: „Palmer“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Fisher Stevens
Drehbuch: Cheryl Guerriero
Musik: Tamar-kali
Kamera: Tobias A. Schliessler
Besetzung: Justin Timberlake, Ryder Allen, Alisha Wainwright, June Squibb, Juno Temple

Bilder

Trailer

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Palmer
Ein perspektivloser Verbrecher wird zum Ersatzvater eines Jungen, der eine Prinzessin sein will: Die Konstellation ist sicher ungewöhnlich. Sie ist auch gut und rührend gespielt. Ansonsten hält sich „Palmer“ aber schon an die üblichen Konventionen, folgt brav den ausgetretenen Pfaden, anstatt wie der junge Protagonist selbst nach einem Weg zu suchen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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