Inhalt / Kritik

Glueck

„Glück“ // Deutschland-Start: 22. Juli 2021 (Kino)

Ursprünglich kommt Sascha (Katharina Behrens) aus Brandenburg. Doch das alte Leben, zu dem auch ein Ex-Mann und ein 11-jähriger Sohn gehören, hat die 42-Jährige schon vor einiger Zeit hinter sich gelassen, inzwischen arbeitet sie im Berliner Bordell Queens. Dabei ist sie erfolgreich und beliebt, noch immer, sie weiß, wie der Hase läuft. Dachte sie zumindest. Doch dann begegnet sie Maria (Adam Hoya), die ganz anders ist als sie und der Rest. Die 25-Jährige Italienerin hat ihren eigenen Kopf, schert sich nicht viel darum, was andere von ihr halten. Schnell ist Sascha von der jüngeren Kollegin fasziniert und fühlt sich zu dieser hingezogen. Doch kann eine Beziehung innerhalb des Bordells funktionieren?

Eine Liebe wie keine andere

Mit ungewöhnlichen Liebesgeschichten in einem nicht ganz einfachen Kontext kennt sich Henrika Kull natürlich aus. In ihrem ersten Spielfilm Jibril erzählte sie von einer Frau, die sich in einen Gefängnisinsassen verliebt und eine Beziehung zu diesem aufbaut – während dieser noch hinter Gittern sitzt. Um das Thema Freiheit geht es auch in ihrem zweiten Film. Dieses Mal sind es zwei Sexarbeiterinnen, die es gewohnt sind, jeden Tag Gefühle und Begierde vorzuspielen, und nun auf einmal mit echten Gefühlen zu tun haben. Gefühle, bei denen sich die Frauen nie ganz sicher sind, ob sie diese nun wollen oder nicht. Ob sie in diesem Umfeld eine Zukunft haben.

Dabei ist der Film nicht von einer schweren Tragik erfüllt, wie man es vielleicht erwarten könnte. Das Bordell wird hier nicht zu einem Ort des Schreckens, an dem Frauen zu schlimmen Dingen gezwungen werden. Beide Protagonistinnen haben sich bewusst für diese Arbeit entschieden, das Geld hat gelockt. Die Atmosphäre dort ist gelöst, man fühlt sich wie in einem Büro. Selbst der Kaffeeautomat darf nicht fehlen, als Symbol der Normalität. Viele Jahre hat Kull in diesem Umfeld recherchiert, hat zahlreiche Sexarbeiterinnen kennengelernt. Tatsächlich wurde Glück auch vor Ort gedreht, um möglichst nahe am Alltag zu sein. Der fällt hier dann auch meist recht unspektakulär aus. Der Film verurteilt nicht, glorifiziert nicht. Er problematisiert nicht einmal wirklich: Prostitution wird hier zu einem Job unter vielen. Es hätte genauso gut ein Call Center sein können.

Die Zweifel im Paradies

Nur hin und wieder schimmert dann doch durch, dass die Arbeit Schwierigkeiten mit sich bringt. Mal ist es ein Mann, der offensichtlich gewalttätige Tendenzen hat. Mal kommt es bei einem Gespräch in Saschas alter Heimat zu einem Disput der Frauen, wenn die eine sich als Performerin bezeichnet, die andere als Nutte. Das Spiel mit der Täuschung, es wird auch außerhalb des Bordells fortgeführt. Es ist nicht die einzige Stelle in Glück, bei der die beiden Frauen unterschiedlicher Ansicht sind. Denn auch wenn da von Anfang an eine starke Anziehungskraft auf beiden Seiten ist und sie sich rasch gegenseitig umkreisen: Da bleibt doch auch immer das letzte Zögern, bleiben Zweifel und ein Fremdsein.

Das Drama, welches auf der Berlinale 2021 Premiere feierte, ist deshalb eines des kleinen Glücks und einer sinnlichen Sehnsucht, das sich aber nie zu mehr durchringen kann. Kull bleibt dabei immer sehr nahe bei den Protagonistinnen, setzt auch die dokumentarische Anmutung fort, die schon bei Jibril zu sehen war. Da treffen ungewöhnliche Umstände auf eine betont alltägliche Inszenierung. Als Mischung ist das interessant, auch wenn die Entwicklung sicher etwas konkreter hätte sein dürfen. Vieles von dem, was in den Frauen vorgeht, bleibt nur angedeutet, bis es dann – manchmal – aus ihnen herausbricht. Sehenswert ist das nicht zuletzt wegen des Duos, das hier ein Paar verkörpert, das sich inmitten von Wünschen und Erwartungen selbst sucht. Das sich auch schon mal in Träumen und Gedichten verliert, in der Hoffnung, irgendwann einmal anzukommen.

Credits

OT: „Glück“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Henrika Kull
Drehbuch: Henrika Kull
Musik: Dascha Dauenhauer
Kamera: Carolina Steinbrecher
Besetzung: Katharina Behrens, Adam Hoya, Nele Kayenberg, Jean-Luc Bubert, Petra Kauner

Bilder

Trailer

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Berlinale 2021

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Glück
In „Glück“ verlieben sich zwei sehr unterschiedliche Sexarbeiterinnen ineinander. Der Film arbeitet geradezu dokumentarisch, zeigt einen unspektakulären Alltag im Bordell, während gleichzeitig zwei Menschen sich zueinander hingezogen fühlen und noch herausfinden müssen, was sie damit anfangen wollen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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