Inhalt / Kritik

Da scheiden sich die Geister

„Da scheiden sich die Geister“ // Deutschland-Start: 22. Juli 2021 (Kino)

Eigentlich wollte der zuletzt glücklose Autor Charles Condomine (Dan Stevens) nur ein paar Inspirationen, als er das selbsternannte Medium Madam Arcati (Judi Dench) zu einer Séance bittet. Deswegen störte es ihn auch nicht weiter, dass es sich bei ihr ganz offensichtlich um eine Schwindlerin handelt und ihr letzter Trick in einem peinlichen Debakel endete. Er glaubt schließlich eh nicht daran. Umso größer ist seine Überraschung, als die ältere Dame tatsächlich den Kontakt zu Verstorbenen aufnimmt. Genauer ist es Charles’ vor einigen Jahren verstorbene Ehefrau Elvira (Leslie Mann), die plötzlich wieder vor ihm auftaucht. Die ist nicht allzu begeistert darüber, dass ihr alle unter die Nase reiben, sie sei eigentlich tot. Noch mehr empört es sie jedoch, dass ihr treuloser Gatte nun mit Ruth (Isla Fisher) verheiratet ist. Davon lässt sich der Geist aber nicht entmutigen. Um wieder mit Charles zusammen sein zu können, ist sie zu allem bereit …

Geister mit langer Vorgeschichte

Auf der Bühne erfreute sich das vor inzwischen 80 Jahren veröffentlichte Stück Blithe Spirit von Noël Coward immer größerer Beliebtheit. Im heimischen England stellte es sogar einen neuen Rekord für ein Nicht-Musical auf. Auch am Broadway wurde es viele hundert Male aufgeführt. Irgendwie gelang es aber nie, diesen Erfolg auch in Filmform zu wiederholen. Die lange Zeit einzige Kinoadaption Geisterkomödie aus dem Jahr 1945 enttäuschte an den Kassen, stieg erst später in den Rang eines Klassikers auf. Die Fernsehumsetzungen aus den 1950ern und 1960ern sind komplett in Vergessenheit geraten. Insofern war die Idee eines neuen Films eigentlich ziemlich reizvoll, zumal Da scheiden sich die Geister auch wirklich hochkarätig besetzt ist.

Ganz überzeugend ist die Version von Regisseur Edward Hall (Ruhelos) aber nicht. Dabei hatte man sich schon einige Mühe gegeben, um die aus dem Theater bekannte Geschichte ein bisschen zu erweitern. Beispielsweise gibt es hier deutlich mehr Schauplätze als damals, etwa das Theater, in dem Madam Arcati ihr Publikum hinters Licht zu führen versucht. Und selbst die Szenen innerhalb des Anwesens nutzen die filmischen Möglichkeiten mehr. Man merkt hier nicht so stark wie noch 1945, dass die Handlung normalerweise auf einer Bühne stattfindet. Auffallend ist in dem Zusammenhang jedoch, dass bei der Erscheinung der verstorbenen Elvira wenig unternommen wurde. Schimmerte diese damals noch grünlich, um die Unwirklichkeit zu veranschaulichen, sieht die Nachfahrin völlig normal aus – sofern sie überhaupt gerade sichtbar ist.

Eine feministische Note

Und auch inhaltlich versuchte das Drehbuchtrio Nick Moorcroft, Meg Leonard und Piers Ashworth, die Komödie sanft zu erweitern. Ging es ursprünglich vorrangig um die Konflikte eines Liebesdreiecks mit (un-)toter Beteiligung, tritt Elvira in Da scheiden sich die Geister als Muse für Charles auf. Das ist als Idee ganz interessant, gibt dem Film auch eine aktuelle Note. Schließlich ist das Phänomen, dass Frauen bei ihrer Arbeit gerne mal übergangen werden und Männer die Lorbeeren einstreichen, eines, welches in den letzten Jahren zunehmend ins Bewusstsein gerückt ist. Der Kampf zweier Frauen um einen Mann bekommt hier eine stärker feministische Ausrichtung. Es geht da eben auch um Selbstbehauptung.

Sympathisch ist das, witzig eher weniger. Tatsächlich regt Da scheiden sich die Geister sehr viel seltener zum Lachen an, als es eigentlich bei dem Stoff zu erwarten gewesen wäre. Dem Ensemble ist das nicht unbedingt anzulasten. Dan Stevens versteht es, dem typisch britischen, langsam wahnsinnig werdenden Charles komische Seiten abzugewinnen. Vor allem Leslie Mann ist großartig in ihrer Darstellung des rücksichtslosen Rachegeistes, der sich nicht darum schert, was andere von ihrem Leben wollen. Die beiden anderen Schauspielerinnen enttäuschen jedoch ein wenig. Wo Margaret Rutherford 1945 als hyperaktive Geisterbeschwörerin noch für jede Menge Quatsch sorgte, da wird bei Judi Dench eine eher tragisch-melancholische Gestalt daraus. Isla Fisher wiederum bleibt in dem Quartett ziemlich blass, ist einfach nur irgendwie da.

Schön, aber ohne viel Biss

Insgesamt ist das trotz allem noch ein netter Film, der die verheerenden Kritiken aus den USA so nicht verdient. Zumal Da scheiden sich die Geister einige schöne Kulissen hat – eine deutliche Steigerung zu damals. Zu sehen gibt es bei der Fantasykomödie daher schon einiges. Aber es fehlt der notwendige Biss, gerade auch bei den Auseinandersetzungen der Figuren. Obwohl schon einiges passiert, nimmt die Geschichte nie so richtig Fahrt auf. Gerade weil das hier eigentlich ein Selbstläufer hätte sein sollen, mit einem derart talentierten Ensemble und den heutigen Möglichkeiten des Films, hatte man da schon mehr erwarten dürfen als das, was am Ende dabei raussprang.

Credits

OT: „Blithe Spirit“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Edward Hall
Drehbuch: Nick Moorcroft, Meg Leonard, Piers Ashworth
Vorlage: Noël Coward
Musik: Simon Boswell
Kamera: Ed Wilde
Besetzung: Dan Stevens, Leslie Mann, Isla Fisher, Judi Dench, Emilia Fox, Julian Rhind-Tutt

Bilder

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Da scheiden sich die Geister
„Da scheiden sich die Geister“ nimmt den Bühnenklassiker um eine versehentlich zurückgerufene Verstorbene, die mit Genuss die aktuelle Beziehung ihres Mannes angreift, versucht diesen aber noch sanft zu erweitern. Das ist schön anzusehen und erstklassig besetzt. Und doch will der Funke nicht so recht rüberspringen, da hätte man mehr erwarten dürfen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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