Inhalt / Kritik

Fruehling in Paris

„Frühling in Paris“ // Deutschland-Start: 17. Juni 2021 (Kino)

So richtig viel kann die 16-jährige Suzanne (Suzanne Lindon) nicht mit ihren Altersgenossen anfangen. Sie langweilen sie sogar regelrecht. Irgendwie muss es da doch mehr im Leben geben. Da fällt ihr Auge eines Tages auf den 35-jährigen Schauspieler Raphaël (Arnaud Valois), an dessen Theater sie jeden Tag auf dem Weg zur Schule vorbeikommt. Auf Anhieb ist sie von dem älteren Mann fasziniert, der ihr so kultiviert und welterfahren erscheint. Tag für Tag beobachtet sie ihn, versucht ihm irgendwie näherzukommen. Tatsächlich gelingt es ihr, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Aus einem flüchtigen Gespräch werden mehrere, irgendwann kommt die erste Verabredung …

Starkes Debüt

Als Tochter des früheren Schauspielpaares Sandrine Kiberlain (Mit siebzehn) und Vincent Lindon (Streik) war Suzanne Lindon natürlich schon eine filmische Karriere ein wenig in die Wiege gelegt. Und doch überrascht es, mit welcher Selbstverständlichkeit und Finesse sie in diese einsteigt. So spielt sie in Frühling in Paris nicht nur die Hauptrolle, sondern führte auch Regie und schrieb das Drehbuch. Gerade einmal 15 war sie, als sie die Geschichte zusammenstellte. Bis daraus dann auch ein Film wurde, vergingen zwar einige Jahre. Dafür wurde das Debüt auch gleich zu mehreren bedeutenden Filmfestivals eingeladen, unter anderem den in Cannes, wo das Drama 2020 hätte seine Premiere feiern sollen.

Die Beschreibung der Geschichte könnte dabei eventuell Erinnerungen an Lolita wecken, wenn es um eine Liaison eines Mannes mit einer Minderjährigen geht. Und doch könnte beides nicht weiter auseinanderliegen. Zum einen ist es hier die Jugendliche, welche die ersten Schritte macht und davon träumt, dem deutlich älteren Mann näherzukommen. Sonderlich geschickt stellt sie sich dabei auch nicht an. Frühling in Paris führt vielmehr vor Augen, wie das so ist als junger Mensch, der erst noch seinen Weg durchs Leben finden muss und auf der Suche dabei regelmäßig ins Stolpern gerät. Lindon ist nicht an einem möglichen Skandal interessiert, sondern hat vielmehr ein einfühlsames Coming-of-Age-Drama gedreht.

Eine Traumwelt fern des Sexuellen

Tatsächlich spielt das Sexuelle in dem Film keine wirkliche Rolle. Ob Suzanne überhaupt ein Verlangen danach hat, bleibt offen. Es ist mehr eine Schwärmerei, verbunden mit der Sehnsucht, jemand zu sein, erwachsen zu sein. Die ersten Szenen zeigen sie als jemanden, dem es nicht gelingt, irgendwo dazu zu gehören. Der anders ist als die Mitschüler und Mitschülerinnen. Raphaël ist daher ein Ausweg für sie. Jemand, der ihr einen Platz in dieser Welt geben kann, den sie selbst nicht findet. Dass dies zum Scheitern verurteilt ist, gibt Frühling in Paris von Anfang an eine tragische Note. Suzanne verliert sich in einer Traumwelt, ohne sich dessen bewusst zu werden.

Lindon verstärkt das noch, indem sie im weiteren Verlauf immer mal wieder leicht entrückte Momente einbaut, wenn die beiden durch die Straßen tanzen oder synchron ihre Köpfe neigen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Frühling in Paris zunächst besonders durch seinen Realismus auffällt. Passen frühere Szenen, wenn sich Suzanne bei ihren Annäherungsversuchen ungeschickt anstellt, und solche verklärt-verträumten Momente zusammen? Erstaunlicherweise ja. Das Drama lässt beides fließend ineinander übergehen, sucht die Verbindung aus einer äußeren Welt und einer inneren Welt, die man gerne mal für deckungsgleich hält, es aber nicht zwangsläufig sind.

Unbeschwert und sehnsuchtsvoll

Der moralische Aspekt, ob ein 35-Jähriger mit einer 16-Jährigen überhaupt Frühstück gehen und Händchen halten sollte, wird dabei völlig ausgeblendet. Das könnte auf Teile des Publikums sehr befremdlich sein, wenn die Möglichkeit einer solchen Verbindung verharmlost wird. Aber darum geht es eben nicht in dem Film. Hier geht es darum, aus der Sicht eines jungen Menschen aufzuzeigen, wie man sich manchmal in Träumen und Sehnsüchten verlieren kann. Gerne etwas sein möchte, was man gar nicht ist. Doch anstatt daraus ein bleischweres Melodram zu machen, wird dies in Frühling in Paris als unbeschwerter Zwischenschritt auf dem Weg ins Erwachsenenalter aufgezeigt. Ein Zwischenschritt, der zum Scheitern verurteilt ist und dabei doch auch wichtig und auf seine Weise rührend.

Credits

OT: „Seize Printemps“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Suzanne Lindon
Drehbuch: Suzanne Lindon
Musik: Vincent Delerm
Kamera: Jérémie Attard
Besetzung: Suzanne Lindon, Arnaud Valois, Frédéric Pierrot, Florence Viala

Trailer

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Frühling in Paris
In „Frühling in Paris“ verliebt sich eine 16-Jährige, die sich fehl am Platz fühlt, in einen 35-jährigen Schauspieler. Der moralische Aspekt einer solchen Beziehung rückt dabei in den Hintergrund, auch für das Sexuelle ist kein Platz. Vielmehr handelt es sich um ein Coming-of-Age-Drama, das einerseits realistisch die Selbstsuche porträtiert, dies aber mit einer verträumten Stimmung verbindet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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