Inhalt / Kritik

La Discrète Die Verschwiegene

„Die Verschwiegene“ // Deutschland-Start: 14. Mai 1992 (Premiere)

Bislang war es Antoine (Fabrice Luchini) gewohnt, selbst über die Fortdauer einer Beziehung zu entscheiden. So manche Frau hat er dabei schon in den Wind geschossen. Umso größer ist der Schock, als er seine Freundin mit einem anderen Mann entdeckt und sie aus heiterem Himmel mit ihm Schluss macht. Sein Freund und Herausgeber Jean (Maurice Garrel) überredet ihn im Anschluss dazu, diese Erfahrung für ein Buch zu nutzen. Genauer soll er zufällig eine Frau suchen, diese verführen, sie eiskalt abservieren und das Ganze in einem Roman aufarbeiten – als Rache an allen Frauen. Nach anfänglichen Zweifeln lässt sich Antoine darauf ein und begegnet bei seiner Arbeit Catherine (Judith Henry). Doch die hat wesentlich mehr drauf, als es zunächst den Anschein hat …

Die Frau als zweitrangiges Wesen

Gleichberechtigung unter den Geschlechtern? Davon hält der Protagonist von Die Verschwiegene nicht viel. Er ist es nicht nur gewohnt, in einer Beziehung das Sagen zu haben. Er sieht es sogar als natürliches Recht des Mannes an. Das war schon vor mehr als 30 Jahren, als der Film herauskam, nicht ganz zeitgemäß. Heute wirkt es noch eine ganze Spur anachronistischer, wie sich ein noch nicht mal sonderlich beeindruckendes Exemplar des männlichen Geschlechts unsicher an ein vermeintliches Vorrecht klammert. Und auch später wird er seine frauenverachtende Grundeinstellung deutlich machen, indem er sich weigert Catherine zu verführen. Nicht aus moralischen Gründen, sondern optischen: Die Frau, die sich auf seine Zeitungsannonce gemeldet hat, ist ihm schlicht zu hässlich.

Eigentlich ist das Szenario Die Verschwiegene dann auch prädestiniert dazu, die Hauptfigur zu hassen. Ganz so einfach ist das letztendlich aber doch nicht. Vielmehr nimmt der Regisseur und Co-Autor Christian Vincent (Trennung) dieses Ausgangsszenario, um eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Figuren aufzubauen. Denn nicht nur für Antoine wird das Ganze zu einer neuen Erfahrung, bei der er nicht immer weiß, was da gerade vor sich geht. Auch das Publikum darf sich darüber freuen, wie hier eben nicht den Hochglanz-Liebeskomödien-Standards gefolgt wird. Denn während dort eine Läuterung im Vordergrund steht und ein obligatorisches Zusammenbrechen des Kartenhauses, bevor sich alle in die Arme fallen, da geht es hier um mehr.

Mit viel Zurückhaltung erzählt

Für ein Publikum, das gerne in Romantik schwelgt, ist das weniger geeignet. Anstatt zwei Quasi-Models dabei zuzusehen, wie sie sich erst einmal lange selbst im Weg herumstehen, stehen bei Die Verschwiegene Geschlechterrollen auf dem Prüfstand. Wo befinden sich Mann und Frau innerhalb einer Beziehung? Wie lassen sich überhaupt zwei Individuen in der Gemeinsamkeit verorten? Tatsächliche Antworten darauf liefert Vincent zwar nicht. Vor allem zum Schluss hatte es der Filmemacher ein bisschen sehr eilig und bricht die Sache etwas unsanft ab. Für Frust könnte bei manchen zudem sorgen, dass er auf Gags im eigentlichen Sinn verzichtet. Der Humor ist zurückgenommen, bietet mehr Anlass zum Schmunzeln als zu einem wirklichen lauten Auflachen.

Sehenswert ist der Film dennoch, gerade auch wegen des Ensembles: Fabrice Luchini (Der geheime Roman des Monsieur Pick) und Judith Henry (Wir sind alle erwachsen) spielen gut zusammen, beteiligen sich an einer Art Machtspiel, bei dem nicht immer klar ist, wer denn nun tatsächlich vorne liegt. Sie brauchen dafür nicht einmal zwangsläufig große Worte. Da läuft einiges über Mimik und Körpersprache. Doch auch bei diesem Wettstreit gibt sich Die Verschwiegene eher etwas zurückhaltend. Die Situation eskaliert nicht so, wie man das vielleicht hätte erwarten können. Aber das muss ja nicht unbedingt ein Manko sein. Man schaut hier gerne dabei zu, wie sich zwei Menschen umkreisen, dabei näherkommen und sich doch nicht sicher sind, was sie da genau tun.

Credits

OT: „La Discrète“
Land: Frankreich
Jahr: 1990
Regie: Christian Vincent
Drehbuch: Christian Vincent, Jean-Pierre Ronssin
Musik: Jay Gottlieb
Kamera: Romain Winding
Besetzung: Fabrice Luchini, Judith Henry, Maurice Garrel, Marie Bunel, François Toumarkine, Nicole Félix, Brice Beaugier

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 1991 Bester Debütfilm Sieg
Bester Hauptdarsteller Fabrice Luchini Nominierung
Bester Nebendarsteller Maurice Garrel Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellerin Judith Henry Sieg
Bestes Drehbuch Christian Vincent, Jean-Pierre Ronssin Sieg

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Die Verschwiegene
„Die Verschwiegene“ erzählt von einem Autor, der eine zufällig gewählte Frau verführen und anschließend abservieren will, um daraus ein Buch zu machen. Die Liebeskomödie ist dabei zurückhaltend erzählt, ist mehr an Geschlechterfragen interessiert als an großen Gefühlen oder herkömmlichen Gags.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Hendrik Baumgarten

    Tut mir Leid, aber diese Rezension unterschreitet den Anspruch dieses Films. Wie kann man derartig vorbeischreiben an der Melancholie, der feinsinnigen und intellektuellen Subtilität Luchinis, dessen poetische Aura mit großen Film-Legenden wie Roberto Benigni oder Pierre Richard mithält? Seine Figur Antoine erlaubt sich die Autorität der eigenen, stets persönlichen und nach eigenem Ermessen mal reservierten, mal exaltierten Sicht der Dinge. Sein diabolischer Plan, sich aus verletzter Eitelkeit an einer beliebigen Frau zu rächen und ihre Begegnungen literarisch ausbeuten zu wollen, kollabiert peu à peu mit der Faszination, die die Fremde für ihn entwickelt. Eine dramatische Konstellation, in der gerade die Unverblümtheit, mit der Antoine und sein Freund, der Verleger, alles vorausberechnen, herrlich kontrastiert mit der tatsächlichen Entwicklung der Ereignisse. Und es ist ein Film, der von Luchini selbst geschrieben scheint, auf ihn maßgeschneidert, mit einer Empfindsamkeit und einem Gespür für Gesten und Emotionen, dass jede Sekunde zum Genuss wird. Der präsentierte Chauvinismus ist vollkommen nachrangig und übrigens auch ironisch gebrochen, da Antoine ausreichend häufig die Entlarvung seiner selbst ins Spiel bringt. In einer Szene, bevor Antonie sich die „Le Monde“ kauft, lugt er für einen Sekundenbruchteil voyeuristisch in die Zeitung eines Passanten. Als er zurückkommt ins Café, haben sich die beiden Frauen, die sich zuvor in seiner Gegenwart noch belauerten, urplötzlich solidarisiert. Solche subtilen und auf den ersten Anschein irrelevant wirkenden Details würde heutzutage kaum ein Regisseur wagen, weil sie die „klaren Verhältnisse“ und Identifikation mit der Hauptfigur unterminieren. Oder dass Antoine bei einem ungelegenen Besuch des Verlegers verstohlen an der Tür lauscht. Diese Einsprengsel formieren sich wie kleine Unterhöhlungen der selbstverliebten Arroganz der Hauptfigur, und ändern das Planvolle um zu einer bloß formalen Sicherheit; das Leben selbst lässt sich mit Ränkespiel und Vorausberechnung nicht einholen. Ohne das Ende verraten zu wollen: Dieser Film ist ein herrliches Plädoyer für die poetische Unberechenbarkeit und Evidenz dessen, was wir Leben nennen. Manche Schnitte und Überblendungen scheinen von einem geradezu katharsischen Schwarz. Ein wunderbares, verblüffend stimmiges Werk, das mit seiner schauspielerischer Brillanz und feinsinnigen Details Luchinis Ruhm begründet.

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