Inhalt / Kritik

Während die COVID-Pandemie zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Rezension noch in vollem Gange ist, gibt es auch schon jetzt erste Stimmen, die danach fordern, den Familien und Angehörigen der vielen Verstorbenen eine adäquate Gelegenheit zu geben, endlich Abschied zu nehmen. Speziell auf dem Höhepunkt der Pandemie fehlte schlichtweg die Zeit für Trauerarbeit, musste man direkt zum nächsten Patienten oder zum nächsten Fall übergehen, weil es einfach nicht der Moment war, sich auf diese Emotionen einzulassen und einfach mal einzuhalten. Nach einer langen Krankheit, die ja meist auch die ganze Familie betraf, welche am Krankenbett stand oder ihren Angehörigen versorgte, ist der Abschied eine wichtige Phase nach einer so langen Zeit des Hoffens, Bangens und Trauerns, in der wohl mehr als einmal die Emotionen überhandgenommen haben.

Diese Zeit steht im Zentrum von The Ark, dem ersten Dokumentarfilm des chinesischen Regisseurs Dan Wei. Der Film, der auf dem diesjährigen DOK.fest München zu sehen ist, behandelt die letzten Wochen der Großmutter des Filmemachers, die wegen ihres Krebsleidens ins Krankenhaus gebracht wurde, während das Land immer mehr von der COVID-Pandemie in Beschlag genommen wurde. Dieses bildet aber nicht den Fokus des Films, sondern verbleibt im Hintergrund, während die Familie ihrer Verwandten beisteht, den behandelnden Ärzten und Krankenschwestern hilft so gut es geht und hofft um das Überleben der Mutter, deren Zustand sich allerdings zusehends verschlechtert.

Hoffnung und Schutz

Bereits zu Anfang der Dokumentation erscheint ein Hinweis des Filmemachers, dass The Ark Szenen beinhalte, die vielen Zuschauer wohl sehr nahe gehen würden und verstörend sein können, was man durchaus ernst nehmen sollte. Dan Weis Kamera lässt kaum ein Detail aus der aufwühlenden Tage und Stunden, die er und seine Familie durchmachen mussten, angefangen bei diversen Zwistigkeiten und Schuldzuweisungen bis hin zu nackter Verzweiflung, weil der Tod unaufhaltbar zu sein scheint. Auch die medizinischen Prozeduren, vom Entleeren und Anlegen eines Kolostomiebeutels bis hin zu einer Einstellung von einem Paar Gallensteine, die man Dan Weis Mutter operativ entfernen musste., werden nicht aufgespart und sind Teil der Geschichte. Nichts bleibt außen vor oder fällt dem Schnitt zum Opfer, denn alles wird hier gezeigt, von den rohen Emotionen bis hin zu der medizinischen Wahrheit einer Krankheit, die den Tod bedeutet.

Im Kontext der Pandemie, die sich um die Familie herum immer stärker bemerkbar macht, liest sich das Leiden wie ein Bild, welches für viele andere Familien stehen kann. Immer wieder ist es die Hilflosigkeit und die Ohnmacht, kombiniert mit der Ahnung, etwas nicht getan zu haben, was sich nun rächen könnte, was den Filmemacher oder aber seine Verwandte sichtlich fertigmacht. Über allem erscheint die Sehnsucht nach einem Hoffnungsschimmer oder einer Art Schutz zu schweben, wie ihn der christliche Glaube, den Dan Wei wie auch Teile seiner Familie praktizieren, verspricht, doch wo dieser sich nun zeigt, bleibt in vielen Momenten fraglich. Vielleicht in jenen, in denen sich die Familie findet, vereint in der Trauer um die Person im Krankenbett.

Film, egal ob Spiel- oder Dokumentarfilm, darf natürlich viel, aber es sollte doch angemerkt sein, dass in The Ark durchaus an mehr als einer Stelle eine Grenze überschritten wird. Auch wenn das Dokumentieren im Sinne des bereits genannten Abschiednehmens durchaus eine Art therapeutischen Wert besitzt, so darf man doch die Frage stellen, ob ein derartiges Extrem, wie es The Ark bisweilen erreicht, wünschenswert ist. Es mag ein kontroverses Thema sein und kein leichtes, wie uns der Filmemacher ganz zu Anfang bereits warnt, aber alleine schon bei einer Länge von 102 Minuten wirkt dies doch zumindest exzessiv.

Credits

OT: „Fang Zhou“
Land: China
Jahr: 2020
Regie: Dan Wei
Drehbuch: Dan Wei
Kamera: Dan Wei



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The Ark
"The Ark" ist eine schwierige und bisweilen schwer auszuhaltende Dokumentation über den Tod und das Abschiednehmen. Dan Weis Auge fürs Detail und die Dynamik einer Familie mündet in Bilder, die dem Zuschauer einiges abfordern und nicht selten auch Grenzen überschreiten, bei denen man sich nicht sicher ist, ob dies im Sinne des Themas und der Sterbenden ist.
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