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Ein gefährliches Leben Une vie violente

„Ein gefährliches Leben“ // Deutschland-Start: 17. Mai 2021 (Arte)

Als sein guter Freunde Christophe ermordet wird, beschließt der junge Exil-Korse Stéphane (Jean Michelangeli) Paris zu verlassen und in seine alte Heimat zurückzukehren, um dem Begräbnis beizuwohnen. Das ist nicht ohne Risiko. Schließlich gehörte er einer Terrororganisation an, die in der Kleinstadt Bastia mehrfach Anschläge verübte, um den französischen Staat anzugreifen. Und noch immer ist die Lage dort sehr unruhig, er selbst könnte bei seiner Rückkehr in Gefahr sein. Dabei hatte er immer nur das Wohl seiner Heimat im Sinn gehabt, wollte diese vor den schädlichen Einflüssen beschützen, die er und andere in Frankreich sahen. Und geriet dabei selbst in den schädlichen Einfluss anderer …

Eine junge Radikalisierung

Was veranlasst einen jungen Menschen, sein sicheres, behütetes Leben aufzugeben und sich einer radikalen, oftmals gewaltbereiten Gruppe anzuschließen? Diese Frage beschäftigte in den letzten Jahren nicht nur Politik und Soziologie. Auch Filmemacher und Filmemacherinnen dachten über dieses Thema nach und versuchten in einer Reihe von Geschichten, sich einer Antwort anzunähern. In den meisten Fällen geschah das im Kontext eines erstarkenden Islamismus’, siehe etwa Der Himmel wird warten oder Für meinen Glauben. Schließlich sind das die Fälle, die in den Medien am weitesten verbreitet sind. Von Leuten, die auf einmal Anschläge verüben oder in den Krieg ziehen, hört man immer wieder.

Aber natürlich gibt es auch außerhalb der Religion Beispiele für eine solche Radikalisierung. Und morgen die ganze Welt zeigte beeindruckend, wie der Kampf für eine freiere, gerechte Welt kippen kann und Motivationen auf einmal nicht mehr ganz so eindeutig sind. In eine ähnliche Richtung geht Ein gefährliches Leben, das von jungen Männern erzählt, die sich ihr Korsika nicht wegnehmen lassen wollen. Die Mittelmeerinsel ist seit Jahrzehnten schon von Spannungen geprägt, da die einheimische Bevölkerung die Vereinnahmung durch Tourismus und den Verlust der eigenen Kultur befürchtet. Bis heute pflegt man dort ein gespaltenes Verhältnis zu Frankreich, was in Verbindungen mit lokalen Verbrecherorganisationen gerade in den 1990ern zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führte.

Das Chaos auf engem Raum

Wer da eigentlich gegen wen und wofür kämpft, war dabei nicht immer klar. Es wird auch durch Ein gefährliches Leben nicht richtig klarer. Regisseur und Co-Autor Thierry de Peretti, der selbst auf Korsika geboren wurde, untersucht in seinen Filmen regelmäßig die gesellschaftlichen und politischen Unruhen seiner Heimat. Anders als in anderen Teilen Europas, in denen Separatismus ein Thema ist – beispielsweise das Baskenland – vermischen sich jedoch auf der Insel Fragen der Identität mit organisiertem Verbrechen. Eine besonders bittere Erkenntnis von Stéphane ist, wie er und sein für ihn gerechter Kampf um Freiheit von Gangstern skrupellos ausgenutzt wurde.

Das macht ihn natürlich zu einer irgendwie tragischen und ambivalenten Figur. Zu Beginn seiner Geschichte, die im Rückblick erzählt wird, ist Stéphane noch ein unpolitischer Mensch, der sich zwar zu einem Waffenschmuggel überreden lässt, ansonsten aber mit nichts zu tun haben will. Das ändert sich erst durch seinen Aufenthalt im Gefängnis, wo er durch François (Dominique Colombani), den Kopf einer lokalen Terrororganisation, radikalisiert wird. Das wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf das Gefängnissystem, das noch mehr Verbrechen erzeugt, anstatt sie zu verhindern. Ein gefährliches Leben zeigt zudem, wie schnell sich Menschen beeinflussen lassen, sofern die dafür notwendigen Rahmenbedingungen vorhanden sind. Gerät man erst einmal auf diese schiefe Bahn, rutscht man immer tiefer hinab, ohne es selbst zu merken – auch wenn Stéphanes Mutter mit allen Mitteln versucht, ihren Sohn davor zu bewahren.

Unaufgeregt und nüchtern

Thierry de Peretti erzählt dies alles ziemlich unaufgeregt und nüchtern, teils dokumentarisch. Brenzlige Situationen gibt es hier zwar auch, schließlich haben wir es mit gewaltbereiten Menschen zu tun. Doch es geht dem Filmemacher weniger um klassische Genreunterhaltung als vielmehr das Aufzeigen einer Situation und Stimmung, illustriert am Beispiel des jungen Protagonisten. Ein gefährliches Leben steht damit Werken wie Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra näher, die Verbrechensgeschichten mit gesellschaftlichen Aspekten kombinieren. Wer diese Art Filme mag, sollte sich diesen Geheimtipp nicht entgehen lassen. Das mit vielen Laienschauspielern arbeitende Thrillerdrama überzeugt durch eine düstere Stimmung und raue Bilder und zeigt die schwierige Situation dieser idyllischen Insel.

Credits

OT: „Une vie violente“
IT: „A Violent Life“
Land: Frankreich
Jahr: 2017
Regie: Thierry de Peretti
Drehbuch: Guillaume Bréaud, Thierry de Peretti
Musik: Frédéric Junqua
Kamera: Claire Mathon
Besetzung: Jean Michelangeli, Henri-Noël Tabary, Cédric Appietto, Marie-Pierre Nouveau, Délia Sepulcre-Nativi, Dominique Colombani, Paul Garatte, Jean-Etienne Brat

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 2017

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Ein gefährliches Leben
„Ein gefährliches Leben“ erzählt anhand eines jungen Korsen, der sich dem bewaffneten Unabhängigkeitskampf anschließt, wie sich Menschen manipulieren und radikalisieren lassen. Das Thrillerdrama ist dabei ruhig und unaufgeregt, legt mehr Wert darauf, die schwierigen Verhältnisse auf der Insel zu zeigen, anstatt diese zu Unterhaltungszwecken nutzen zu wollen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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