Inhalt / Kritik

Les Beaux Jours Die schönen Tage

„Die schönen Tage“ // Deutschland-Start: 19. September 2013 (Kino) // 25. April 2014 (DVD/Blu-ray)

So richtig weiß Caroline (Fanny Ardant) nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen. Einige Monate ist es her, dass ihre beste Freundin gestorben ist. Auch ihre Arbeit als Zahnärztin hat sie aufgegeben und ist stattdessen in Frührente gegangen. Um sie auf andere Gedanken zu bringen, schenken ihr ihre Töchter daher einen Schnupperkurs in dem Seniorenclub „Die schönen Tage“. Große Lust hat sie darauf nicht. Nennenswerte Alternativen aber ebenso wenig, zumal ihr Mann Philippe (Patrick Chesnais) nur wenig Zeit für sie hat. Der erste Tag in dem Club ist ein Debakel, Caroline kann mit den Übungen im Schauspielkurs so gar nichts anfangen. Dafür findet sie rasch Gefallen an Julien (Laurent Lafitte), der den Computerkurs leitet. Und auch er macht ihr schöne Augen. Für Caroline ist das jedoch gleich doppelt kompliziert. Nicht nur, dass sie verheiratet ist. Julien ist zudem deutlich jünger und als Frauenheld bekannt …

Der späte Neuanfang

Die Zeiten, in denen man jenseits der 60 nur noch für ein langsames Dahinsiechen in den eigenen vier Wänden gut war, die sind inzwischen vorbei. Reifere Menschen sind heute nicht nur fitter als früher, es stehen ihnen darüber hinaus auch deutlich mehr Möglichkeiten offen. Jeder kann und darf sich selbst entfalten, gleich welchen Alters. Und so häuften sich in den letzten Jahren die Filme, in denen Protagonisten und Protagonisten im fortgeschrittenen Alter noch einmal einen Neustart wagen, ihr bisheriges Leben hinterfragen und herausfinden wollen, wer sie eigentlich sind. Das geht dann meist mit einer positiven Grundaussage einher. Britt-Marie war hier oder Tanz ins Leben etwa ermuntern dazu, dass es nicht zu spät ist, um etwas auszuprobieren und das Leben zu genießen.

Die schönen Tage tut das auch, gleich in mehrfacher Hinsicht. So bezieht sich der Titel auf den gleichnamigen Seniorenclub, in denen die Damen und Herren von Töpfern über Weindegustation bis zu Computerkursen alles Mögliche erlernen können und zugleich neue Bekanntschaften schließen. Doch die einzelnen Angebote rücken schnell in den Hintergrund. Nicht allein dass Caroline mit dem Ganzen nichts anfangen kann, weder Wert auf die Inhalte, noch die anwesenden Leute legt. Es ist vielmehr das Begehren, ausgelöst durch den rund zwanzig Jahre jüngeren Julien, das in ihr neue Lebensgeister weckt. Liebe im Alter wurde natürlich ebenfalls zuletzt immer wieder filmisch thematisiert. Aber hat eine solche Liebe eine Zukunft, wenn sie nur heimlich ausgeübt wird und es dabei einen so großen Altersunterschied gibt?

Das Warten auf den Knall

Zumindest Caroline hat daran ihre Zweifel, weshalb es bei Die schönen Tage ein wenig dauert, bis die Geschichte in Gang kommt. Aber selbst dann sollte man sich nicht allzu viel Handlung erwarten. Ein Großteil des Films besteht darin, wie die beiden sich heimlich treffen, zunächst vorsichtig, später zunehmend achtlos. Die große Frage des Publikums ist dann nicht mehr, ob die Affäre ans Tageslicht kommt, sondern wann und unter welchen Umständen. Und natürlich auch: Was sind die Konsequenzen? Wird Caroline wirklich eine jahrzehntelange Ehe hinwerfen, um mit einem jüngeren Mann zusammen zu sein? Und wie wird der Ehemann reagieren, der auf immer dreistere Weise betrogen wird?

Regisseurin Marion Vernoux, die hier einen Roman von Fanny Chesnel adaptierte und mit dieser auch das Drehbuch schrieb, verurteilt dabei nicht. Weder wird wie in so vielen Geschichten um Affären der Mann daheim verteufelt, um den Seitensprung zu rechtfertigen. Noch wird Caroline das Recht auf ein erfüllteres Leben abgesprochen. Stattdessen handelt Die schönen Tage von Sehnsucht und Verunsicherung, handelt von Trauer und der Suche nach Glück. So etwas kann schnell kitschig und wehleidig werden. Vernoux zieht jedoch einen leichteren, geradezu heiteren Ton vor. Immer wieder finden sich humorvolle Momente in dem Drama, sei es bei den Versuchen der beiden, ihre Affäre zu verstecken oder in den Kursen in dem Club.

Die Schönheit des kleinen Glücks

Fanny Ardant (Die schönste Zeit unseres Lebens), die hierfür eine César-Nominierung als beste Hauptdarstellerin erhielt, hält dabei sehr schön die Balance aus Lebenslust und Nachdenklichkeit. Gerade auch das Zusammenspiel mit ihrem Kollegen Laurent Lafitte (Elle) als unbekümmertem Filou bereitet große Freude. Dann und wann hat man den Eindruck, dass sich Vernoux ein bisschen zu sehr auf die Schauwerte verlässt: Sie inszeniert die große französische Schauspielerin als einen Fixstern, der das Umfeld überstrahlt, und hat zudem sichtlich Gefallen an der pittoresken Küstenlandschaft. Doch auch das trägt dazu bei, dass Die schönen Tage ein sehenswertes Drama ist, das nicht nur über Liebe im Alter etwas zu sagen hat, sondern Liebe im allgemeinen, und dabei das Glück im Kleinen entdeckt.

Credits

OT: „Les Beaux Jours“
IT: „Bright Days Ahead“
Land: Frankreich
Jahr: 2013
Regie: Marion Vernoux
Drehbuch: Marion Vernoux, Fanny Chesnel
Vorlage: Fanny Chesnel
Musik: Quentin Sirjacq
Kamera: Nicolas Gaurin
Besetzung: Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais, Jean-François Stévenin, Fanny Cottençon, Catherine Lachens, Alain Cauchi

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2014 Beste Hauptdarstellerin Fanny Ardant Nominierung
Bester Nebendarsteller Laurent Lafitte Nominierung

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Die schönen Tage
In „Die schönen Tage“ lernt eine Frau jenseits der 60, die nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen weiß, einen jüngeren Mann kennen und beginnt mit ihm eine Affäre. Die Romanadaption ist dabei ein schön bebildertes Drama, das von Liebe im Alter und Liebe im Allgemeinen erzählt und mit heiterem Ton dazu ermuntert, sich immer wieder neu zu finden.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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