Inhalt / Kritik

Die Morde von Madrid

„Die Morde von Madrid“ // Deutschland-Start: 27. April 2018 (DVD/Blu-ray) // 10. Mai 2021 (Arte)

Als die Leiche der älteren Frau aufgefunden wird, scheint der Fall klar zu sein. Jemand wollte sie in ihrer Wohnung ausrauben, dabei stürzte sie die Treppe hinab und erlag ihren Verletzungen. Doch der hinzugezogene Polizeibeamte Velarde (Antonio de la Torre) ahnt schnell, dass da etwas nicht stimmt mit der Geschichte. Tatsächlich stellt sich heraus, dass die betagte Witwe vergewaltigt wurde. Kurze Zeit später taucht eine weitere Frauenleiche auf: Erneut handelt es sich um eine Seniorin, erneut wurde diese vergewaltigt. Während für Velarde und seinen Kollegen Alfaro (Roberto Alamo) klar ist, dass es sich um einen Serienmörder handeln muss, wollen die Oberen davon nichts hören. Schließlich kommt der Papst demnächst nach Madrid, da können sie eine solche Geschichte nicht brauchen …

Hoch gelobter Geheimtipp

Auch wenn der Hype inzwischen etwas verflogen ist, vor einigen Jahren noch galt Spanien als die Genrehoffnung Europas. Vor allem im Bereich der Thriller macht das südeuropäische Land von sich reden, Titel wie Mörderland – La Isla Mínima oder Der unsichtbare Gast wurden weltweit gefeiert. Ein weiterer Film, der seinerzeit Teil dieser Welle wurde, war Die Morde von Madrid. International ging der Film zwar ein wenig unter. Daheim in Spanien gab es dafür Lob ohne Ende. Bei den Goya Awards, dem wichtigsten Preis des Landes, war der Thriller für sechs Kategorien nominiert, darunter den besten Film und die beste Regie. Am Ende gab es immerhin einen für den besten Hauptdarsteller.

Tatsächlich liefert Roberto Alamo (Mord auf La Gomera) hier auch eine sehr beachtliche Leistung ab. Ein Sympathieträger ist Alfaro sicher nicht. Der Polizist ist laut, aufbrausend, eine Mischung aus Wrack und Vulkan. Aber er kann sich durchsetzen, was dem Team mehrfach zugutekommt. Der von Antonio de la Torre (Der endlose Graben, El Autor) gespielte Velarde ist das genaue Gegenteil, ist zurückhaltend, neigt zum Stottern, was ihm regelmäßig Spott einbringt. Außerdem ist er zwischenmenschlich sicherlich nicht das ganz große Talent, wie eine schockierende Szene demonstriert. Dafür ist er ein begabter Profiler, der die Tatorte wie kein anderer lesen kann. Die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren ist sicherlich ein wenig konstruiert. Aber sie sorgt in Die Morde von Madrid für eine interessante Dynamik und Figuren, die so fertig sind, dass man nicht immer weiß, ob sie wirklich zu den Guten gehören.

Explizit und abgründig

Das passt natürlich zu der Stimmung des Films, die betont düster angelegt ist. Teilweise wird der Thriller auch recht explizit, was die Darstellung der Leichen angeht. Mit einem gemütlichen Whodunnit-Krimi hat das weniger am Hut. Ohnehin sollte man sich in der Hinsicht von Die Morde von Madrid nicht allzu viel erwarten. Regisseur und Co-Autor Rodrigo Sorogoyen bietet kaum Spuren, wer denn nun dahinter stecken könnte. Die Ermittlungen sind ziemlich willkürlich. Die Auflösung selbst kommt dann auch mehr oder weniger aus dem Nichts. Sie kommt auch überraschend früh. Es steht damit weniger die Frage im Raum, wer der Mörder ist, sondern ob und wie die beiden Polizisten ihn schnappen werden.

Das ist durchaus spannend, zumal die Mörderjagd 2011 spielt und so zu einer besonderen Zeit stattfindet. Sowohl die Wirtschaftskrise wie auch der nahende Papstbesucht prägen die Gesellschaft, liefern den Kontext für das, was geschieht. Richtig viel holt Die Morde von Madrid in der Hinsicht zwar nicht aus der Vorlage raus. Die gesellschaftliche Komponente spielt eigentlich überhaupt keine Rolle, was schon ein wenig verschwendetes Potenzial bedeutet. Die äußeren Umstände tragen jedoch zu einer angespannt Stimmung bei, wenn die Stadt überquillt von Leuten, die gekommen sind, um den Papst zu sehen. Überhaupt finden sich immer wieder religiöse Motive, die sich gerade auch im Originaltitel Que Dios nos perdone zeigen: Möge Gott uns vergeben.

Zwischen Hektik und Längen

Das ist über weite Strecken gut geglückt. Mit der Zeit machen sich aber schon diverse Schwächen bemerkbar. So ist der Film mit einer Laufzeit von 110 Minuten viel zu lang. Auch bei der Balance gibt es Mängel, wenn manche Stränge und Entwicklungen ewig brauchen, es später dann aber auf einmal sehr schnell gehen muss. Vor allem am Ende werden sich die Geister scheiden: Während Die Morde von Madrid hier seiner ambivalenten und abgründigen Linie treu bleibt, lässt die Glaubwürdigkeit zu wünschen übrig. Da bleiben doch recht viele Fragen offen. Insgesamt ist der Thriller aber auf jeden Fall sehenswert. Wem die zahlreichen Krimis zu bieder sind, die immer wieder im deutschen Fernsehen laufen, der findet hier eine bittere Alternative, die noch lange nachwirkt.

Credits

OT: „Que Dios nos perdone“
Land: Spanien
Jahr: 2016
Regie: Rodrigo Sorogoyen
Drehbuch: Isabel Peña, Rodrigo Sorogoyen
Musik: Olivier Arson
Kamera: Alejandro de Pablo
Besetzung: Antonio de la Torre, Roberto Alamo, Javier Pereira, Luis Zahera, Raúl Prieto, María de Nati, María Ballesteros, José Luis García Pérez

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Goya Awards 2017 Bester Film Nominierung
Beste Regie Rodrigo Sorogoyen Nominierung
Bester Hauptdarsteller Roberto Álamo Sieg
Bester Nebendarsteller Javier Pereira Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Isabel Peña, Rodrigo Sorogoyen Nominierung
Bester Schnitt Alberto del Campo, Fernando Franco Nominierung

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Die Morde von Madrid
In „Die Morde von Madrid“ machen zwei grundverschiedene, jeweils kaputte Polizisten Jagd auf einen Serienmörder, der betagte Witwen vergewaltigt. Die Dynamik des Duos und die abgründige Atmosphäre zeichnen den spanischen Thriller aus. Die Ermittlungen selbst sind jedoch recht willkürlich, der Film ist insgesamt auch zu lang.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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