Inhalt / Kritik

An seiner Seite

„An seiner Seite“ // Deutschland-Start: 7. Mai 2021 (Arte) // 10. Mai 2021 (ZDF)

Ihr ganzes Leben lang waren der Dirigent Walter Kler (Peter Simonischek) und seine Frau Charlotte (Senta Berger) auf Achse, lebten in den großen Städten dieser Welt. Doch damit soll nun Schluss sein. Walter hat eine Stelle als Orchesterleiter angetreten, das neue Haus in München soll endlich wieder Ruhe bringen. Die ist auch dringend nötig, in der Familie liegt einiges im Argen. Vor allem das Verhältnis zur Tochter Viola (Antje Traue) ist schwierig, da sie sich immer von ihren Eltern vernachlässigt fühlte und ihnen dafür schwere Vorwürfe macht, in einem Internat aufgewachsen zu sein. Letztendlich ist es jedoch Martin Scherer (Thomas Thieme), der die Familie dazu ermuntert, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Dabei hat er selbst seine Sorgen und Probleme, leidet er doch unter dem Tod seiner Frau …

Die Entbehrungen eines Künstlerlebens

Wer es im künstlerischen Bereich zu etwas bringen will, der muss zu Einschränkungen und Verzicht bereit sein. Vor allem das Privatleben kann sehr darunter leiden, wenn man ständig unterwegs oder mit Üben beschäftigt ist. In den letzten Jahren haben einige Filme anschaulich aufgezeigt, welche Auswirkungen eine solche Laufbahn auf junge Menschen haben kann. Titel wie Whiplash oder Prélude handelten von ambitionierten Nachwuchsmusikern, die zwischen Schikane und Selbstverzicht immer wieder an ihre Grenzen gebracht wurde. Doch wie ist das eigentlich, wenn man es geschafft hat? Wenn man wirklich einer der wenigen Glücklichen war, die ihren künstlerischen Träumen folgen konnten  und ihr Leben dieser Leidenschaft gewidmet haben?

Die Antwort ist bei An ihrer Seite zwiespältig. Regisseur und Co-Autor Felix Karolus zeigt auf, welche hohen Opfer damit verbunden waren, wenn Walter durch die Weltgeschichte tourte und große Konzerte gab. Irritierenderweise scheint er selbst darunter aber nicht sonderlich gelitten zu haben. Vielmehr waren es seine Frau und seine Tochter, die immer wieder zurückstecken mussten. Das Drama arbeitet da schon mit den klassischen Rollenmustern, wenn der Mann das Oberhaupt ist und ihm alle Wege offenstehen, die Frau darf sich um den Rest kümmern, obwohl sie – das wird mehrfach angesprochen – selbst musikalisches Talent hatte, das sie aber nie wirklich nutzen konnte.

Probleme über Probleme

Karolus gibt sich an der Stelle auch wenig Mühe, Walter irgendeine Form von Ambivalenz oder Brüche zuzugestehen. Er ist ein selbstsüchtiger und zugleich unsicherer Mann, der einem schon nach einigen Minuten tierisch auf die Nerven geht. Wobei auch Charlotte nicht gerade die große Sympathieträgerin ist. An ihrer Seite gibt einem zunächst nur wenig Gründe, warum man unbedingt Zeit mit dem Ehepaar verbringen wollte. Interessant wird das Drama erst, als Martin hinzustößt und mit einer ungewöhnlichen Bitte die Dirigentengattin völlig aus dem Konzept bringt. Wenn dann endlich auch mal die Probleme angegangen werden, die schon lange unter der Oberfläche brodelten.

An denen mangelt es nicht. Tatsächlich ist An ihrer Seite in der Hinsicht schon recht überladen. Eine nicht wirklich funktionierende Ehe, eine entfremdete Tochter, dazu auf der anderen Seite der nicht verarbeitete Tod der Ehefrau – der deutsche TV-Film mutet sowohl den Protagonisten und Protagonistinnen wie auch dem Publikum eine Menge zu. Dankenswerterweise verzichtet Karolus zwar darauf, diese ganzen Punkte zu sehr auszuschlachten. Es gibt hier – anders als bei so manchem Werk der öffentlich-rechtlichen Sender – keine hochdramatischen Herzschmerz-Momente, keine manipulative Musik, welche das Publikum zu Emotionen nötigen will. Stattdessen wird hier recht ruhig und unaufgeregt davon erzählt, wie Menschen durchs Leben gehen und nach einem Weg suchen, nach den richtigen Worten suchen, um das auszusprechen, was zu lange unbeachtet blieb.

Schön, aber ohne echte Geschichte

Das hat ein paar schöne Momente, wenn sich Senta Berger (Martha & Tommy) mit eigenen Verfehlungen auseinandersetzen muss. Es fehlt dem Ganzen jedoch eine klar definierte Geschichte. Eben weil hier so viele Probleme herumwabern, kommt der Film nie auf den Punkt. Es wird nie klar, worum es denn letztendlich gehen soll, ob es ein Ziel gibt. Nennenswerte Erkenntnisse bleiben aus, irgendwann ist alles vorbei, obwohl noch gar nicht die Zeit war, die angesprochenen Themen zu vertiefen. Auch wenn sich An ihrer Seite von einer sehr nachdenklichen Seite zeigt, am Ende hat der Film erstaunlich wenig zu sagen. Das ist in der Summe noch solide. Zu mehr reicht es trotz bester Absichten bei dem überfrachteten, zu wenig ausgearbeiteten Inhalt nicht.

Credits

OT: „An seiner Seite“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Felix Karolus
Drehbuch: Felix Karolus, Florian Iwersen
Musik: Renzo Vitale
Kamera: Wolfgang Aichholzer
Besetzung: Senta Berger, Peter Simonischek, Antje Traue, Thomas Thieme, Marlene Morreis, Petra Michelle Nérette

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An seiner Seite
In „An seiner Seite“ streitet sich eine Frau mit ihrem Mann, hat Probleme mit der Tochter, lernt dann aber jemanden kennen, der unter dem Tod der eigenen Frau leidet. Der Film schneidet dabei einige interessante Themen an, von künstlerischer Selbstverarbeitung bis Trauerarbeit. Er kann sich aber nicht entscheiden, was eigentlich die Geschichte sein soll, schlingert deshalb die ganze Zeit umher, bis es dann irgendwann vorbei ist.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

3 Responses

  1. Gerald Druminski

    Stimme Ihnen zu. Außerdem ist mir der Film viel zu „sophisticated“ (ein adäquates deutsches Wort fällt mir nicht ein). Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, dass in deutschen Fernsehfilmen nicht mal ein Streifenpolizist unter 800 qm hausen muss, und nur Fantasieprodukte konsumiert werden, aber im Abspann stets ein Autokonzern als Produktionshilfe genannt wird?

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  2. Josef Koller

    Großartig stiller, intensiver und berührender Film der von den 3 Hauptdarstellern unglaublich fantastisch gespielt wird. Senta Berger ist wohl die beste, noch lebende Schauspielikone Österreichs. Chapeau!

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  3. Marlene Haupt

    Ich vermisse in Ihrem Kommentar den Blick auf das erwähnte Buch, das die Enkelin im Gegensatz zur Großmutter ja bereits gelesen hatte. Dass ein Mensch über sozialen Entzug zum Tode verurteilt werden könne, wird darin erwähnt. Soweit muss es nicht immer kommen, aber seit „Kaspar Hauser“ ist es wissenschaftlich erwiesen, dass soziale Ausgrenzung eine starke Auswirkung auf die Psyche des Menschen hat, das bis zum Tod führen kann, was ja im Film auch angedeutet wird. Der Dirigent hat leider bedingt durch seine erfolgreiche und ihn stets fordernde Welt vergessen, „seine Frau zu sehen“, was er ganz am Schluss ihr ja auch in einem direkten Satz, wie ich finde auch erleichtert, sagt! Herr Scherer hat zunächst ihr, aber dann auch ihrem Mann, die Augen für diese Welt erst geöffnet. Dieser Aspekt, dass sie gegen die soziale Einsamkeit jetzt endlich rebelliert, der muss in einer zentralen Betrachtung für die Bewertung des Filmes stehen.

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