Inhalt / Kritik

Nach der Hochzeit Efter Brylluppet

„Nach der Hochzeit“ // Deutschland-Start: 1. Februar 2007 (Kino) // 3. September 2007 (DVD)

Für Jacob Pederson (Mads Mikkelsen) gibt es im Leben eigentlich nur eins: sein Waisenhaus, das er in Indien führt. Unentwegt arbeitet er daran, dass es den Kindern dort besser geht. Doch trotz aller Bemühungen, das Geld ist knapp. Ohne finanzielle Hilfe von außen droht der Einrichtung über kurz oder lang das Aus. Da trifft es sich ganz gut, als er von dem schwerreichen Unternehmer Jørgen Lennart Hansson (Rolf Lassgård) eingeladen wird, wieder in seine alte Heimat Dänemark zurückzukehren, um über die Unterstützung seines Projektes zu reden. Da Hanssons Tochter Anna (Stine Fischer Christensen) am nächsten Tag heiratet, soll Jacob noch so lange bleiben und zur Hochzeitsfeier kommen. Nach Feiern ist ihm aber nicht zumute. Nicht nur, dass Jørgen mit Helene (Sidse Babett Knudsen) verheiratet ist, mit der Jacob vor vielen Jahren selbst zusammen war. Anna stellt sich zudem als seine Tochter heraus, von der er die ganze Zeit nichts wusste …

Gemeinsam und gegeneinander

Ein weißer Europäer, der indischen Waisenkindern hilft? Das ist heutzutage schwer zu verkaufen – auch wenn man das in After the Wedding versuchte. Zu sensibilisiert wurde man inzwischen für das White-Saviour-Syndrom, wonach alle dunkelhäutigen Menschen irgendwelche Weißen brauchen, um aus ihrem Elend befreit zu werden. In Nach der Hochzeit sind es sogar zwei Weiße. Da ist Jacob, der wohlmeinende Einzelgänger, das Idol aller Kinder. Und da ist Jørgen, der reiche Unternehmer, der so viel angehäuft hat, dass er es sich leisten kann, sich ein bisschen gönnerhaft zu geben. So unterschiedlich sie sind: Am Ende braucht es beide, um das Waisenhaus zu retten.

Daraus hätte man einen interessanten Einblick in das Thema Entwicklungshilfe machen können, welcher die Schwierigkeiten und verschiedenen Ansätze aufzeigt. Regisseurin und Co-Autorin Susanne Bier (Bird Box – Schließe deine Augen) streift diesen Aspekt aber nur beim Vorbeigehen. Stattdessen geht es ihr in erster Linie um die Figuren und ihre komplizierten Verhältnisse untereinander. Dass bei denen etwas nicht stimmt, das ahnt man dabei schon früh. So dauert es nicht lange, bis es auf der Hochzeit zu ersten Konflikten kommt, die über die üblichen Festtagsstreitereien hinausgehen. Doch bis alles fein säuberlich aufgedröselt ist, dauert es eine Weile. Nach der Hochzeit lässt sich dabei viel Zeit, gibt sich selbst lieber einen Hauch des Mysteriösen.

Konstruiert und umständlich

Dabei ist die Auflösung dieses Geheimnisses mit Sicherheit nicht die Stärke des Films. Tatsächlich ist die Geschichte von Nach der Hochzeit schon sehr konstruiert. Sie ist auch nicht sonderlich subtil erzählt. Die dänische Filmemacherin greift da schon mal gern zum Holzhammer, um damit die passenden Gefühle ins Publikum zu prügeln. Gerade später neigt das Drama zu unschönen Manipulationen bis hin zum Kitsch. Ginge es nur nach der Handlung, der Unterschied zu Seifenopern hielte sich daher schon ziemlich in Grenzen. Für einen skandinavischen Film ist das hier erstaunlich wenig zurückhaltend. Da waren die naturalistischeren Familiendramen im Stil von Das Fest doch um einiges wirksamer und näher am Leben.

Deutlich besser sieht es bei der europäischen Coproduktion, die seinerzeit für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film im Rennen war, bei den Figuren aus. Während besagte Seifenopern normalerweise mit starren Schwarzweiß-Mustern arbeiten, man immer genau sagen kann, wer denn nun gut und wer böse ist, da ist das bei Nach der Hochzeit schwieriger. Zunächst sieht es zwar danach aus, dass Jacob als Waisenhausleiter der Richtige ist, Jørgen als reicher Unternehmer der Falsche. Am Ende ist es aber doch um einiges vielschichtiger, wenn jeder positive wie negative Stärken hat. Probleme entstehen zuweilen, weil die Menschen es trotz bester Absichten und Gefühle nicht hinbekommen.

Starke Schauspielleistungen

Damit einher gehen gute Leistungen des Ensembles. Im Mittelpunkt stehen dabei klar Mads Mikkelsen (Hannibal) und Rolf Lassgård (Ein Mann namens Ove), die sich als völlig unterschiedliche Menschen annähern. Die beiden skandinavischen Schauspieler schaffen es, unterdrückte Gefühle an der Oberfläche brodeln zu lassen, bevor es zu den Ausbrüchen kommt. Aber auch die beiden Kolleginnen überzeugen, während ihre Figuren nach und nach in Krisen rutschen. Wer also ein Beispiel europäischer Schauspielkunst sehen möchte, der findet in Nach der Hochzeit ein noch immer überzeugendes Beispiel. Schöner wäre es nur gewesen, wenn der Film ihnen auch eine gute Geschichte an die Hand gegeben hätte, anstatt ganz umständlich Dramen konstruieren zu wollen, wo es diese gar nicht gebraucht hätte.

Credits

OT: „Efter Brylluppet“
Land: Dänemark, Schweden
Jahr: 2006
Regie: Susanne Bier
Drehbuch: Susanne Bier, Anders Thomas Jensen
Musik: Johan Söderqvist
Kamera: Morten Søborg
Besetzung: Mads Mikkelsen, Sidse Babett Knudsen, Rolf Lassgård, Stine Fischer Christensen, Mona Malm, Christian Tafdrup

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2007 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Europäischer Filmpreis 2006 Beste Regie Susanne Bier Nominierung
Bester Hauptdarsteller Mads Mikkelsen Nominierung

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Nach der Hochzeit
„Nach der Hochzeit“ führt den Leiter eines Waisenhauses, seine Ex-Freundin, ihren Mann und die Tochter zusammen, um gemeinsam die Vergangenheit aufzuarbeiten und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Das Ensemble ist stark, arbeitet viel mit Schattierungen und Nuancen jenseits der üblichen Zeichnungen. Das kann jedoch nicht ganz von der sehr konstruierten und umständlichen Geschichte ablenken, die eher im Seifenoper-Bereich zu Hause ist.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Sieglinde Tafelmeier

    Sehr gut die Herausarbeitung von Materialismus und Idealismus. Sehr gut auch die vielen subtilen Hinweise und nonverbalen Verhaltensweisen. Die Synchronsprecher (deutsche Sprache) sind nur an wenigen Stellen (liegt auch an der Übersetzung) nicht identisch mit dem visuellen Eindruck. Hervorragend in Körperhaltung und Mimik Mads Mikkelsen, der absolut echt im Gefühlsausdruck wirkt. Aber auch die übrigen Schauspieler können überzeugen. Schade, dass der Film knapp am Oscar vorbeiging.
    Ich wußte das nicht, als ich den Film zum ersten Mal sah. ER beeindruckte mich so, dass ich ihn weiterempfahl, was ich selten mache.

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