Kritik

Vor ihren Augen

„Vor ihren Augen“ // Deutschland-Start: 9. Juni 2016 (Kino) // 20. Oktober 2016 (DVD/Blu-ray)

13 Jahre ist es inzwischen her, dass die Tochter von Jess (Julia Roberts) brutal vergewaltigt und ermordet wurde. Doch noch immer sitzen die Wunden tief, umso mehr, da nie ein Schuldiger gefunden wurde. Zwar hatten der FBI-Ermittler Ray (Chiwetel Ejiofor) und die assistierende Bezirksstaatsanwältin Claire (Nicole Kidman) einen Verdächtigen gefunden. Der musste seinerzeit jedoch freigelassen werden und verschwand im Anschluss. Für Ray, der sich für den Tod der Jugendlichen verantwortlich fühlt, ist die Zeit seither stehen geblieben, auch nach dem Ausscheiden vom FBI hat er die Jagd auf den Mörder nie aufgegeben. Da findet er tatsächlich eine vielversprechende Spur, der er unbedingt nachgehen will – zum Missfallen von Jess und Claire, die lieber nichts mehr damit zu tun haben wollen …

Ein schweres Erbe

Eine Zeit lang galt das spanischsprachige Kino als einer der spannendsten Motoren im Krimi- und Thrillerbereich. Filme wie Der unsichtbare Gast oder Mörderland – La Isla Mínima sorgten weltweit für Begeisterungsstürme. Umso eigenartiger ist, dass Hollywood, sonst nie verlegen beim Versuch, aus der Arbeit anderer Geld zu machen, sich mit Remakes dieser Werke ziemlich zurückgehalten hat. Eine der wenigen Ausnahmen ist Vor ihren Augen aus dem Jahr 2015, eine Neuverfilmung des sechs Jahre zuvor erschienenen argentinischen Thrillerdramas In ihren Augen. Das war nicht nur an den Kinokassen ein großer Erfolg, sondern begeisterte international auch Kritiker und Kritikerinnen. Unter anderem erhielt es einen Oscar als beste fremdsprachige Produktion.

Von einer solchen Resonanz war Vor ihren Augen weit entfernt. Trotz der prominenten Besetzung nahmen relativ wenige Notiz von dem Film. Und die, die es taten, reagierten meist mit einem Achselzucken. Tatsächlich ist die Geschichte um drei Menschen, die durch eine Tragödie aneinander gekettet sind, nicht so spannend, wie man sich das im Vorfeld hatte erhoffen dürfen. Sie ist auch nicht so provokant, wie sie sich gibt, wenn sie die mitunter fragwürdige Terrorbekämpfung in Folge der Anschläge vom 11. September 2001 thematisiert. Zwar werden hier mal keine Unschuldigen gefoltert, mit dem Verweis auf die gerechte Sache. Der Blick hinter die Kulissen von FBI und Justiz bringt aber ebenfalls unschöne Anblicke mit.

Allerdings kann sich Regisseur und Drehbuchautor Billy Ray (Gemini Man, Der Fall Richard Jewell) nicht dazu durchringen, aus diesem Aspekt Chefsache zu machen. Vielmehr besteht der Film aus drei Komponenten. Das eine ist der gesellschaftliche, der zweite der kriminologische, wenn Protagonist Ray Jagd auf den Mörder macht, der dritte der emotionale, wenn aufgezeigt wird, welche persönlichen Auswirkungen sowohl der Fall wie auch die Beschäftigung damit hat. Während beispielsweise Ray so sehr von der Aufklärung besessen ist, dass er selbst alle möglichen Grenzen überschreitet, da ist von Jess nicht mehr viel als Mensch übrig geblieben. Claire wiederum steht irgendwo dazwischen, wenn sie versucht, rational zu handeln und mit den Einschränkungen der Strafverfolgung umgehen muss.

Verschachtelt, aber ohne Tiefe

Das hört sich nach ziemlich viel an. Ist es auch, gleichzeitig irgendwie nicht. Eigentlich bläst Vor ihren Augen eine im Grunde sehr sparsame Geschichte ziemlich auf, vor allem durch die vertrackte Erzählstruktur. Anstatt chronologisch voranzuschreiten, springt der Film immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart herum, erzählt parallel von den ersten Entwicklungen und den aktuellen. Das bedeutet schon eine gewisse Herausforderung für das Publikum, zumal die beiden Ebenen nicht sofort voneinander zu unterscheiden sind. So etwas kann ganz reizvoll sein, wenn sich auf diese Weise nach und nach Puzzleteile zusammensetzen und man so der Wahrheit näherkommt.

Nur lohnt sich der Aufwand hier nicht so wirklich. Warum über lange Zeit und über Umwege aufzeigen, weshalb die Ermittlungen gescheitert sind, wenn wir das schon vorher wissen? Hinzu kommt, dass der Film bei der Ausführung irgendwie nichts zeigt oder sagt, das groß in Erinnerung bleiben würde. Die Figuren sind nicht übermäßig interessant, die Konflikte hinter den Kulissen entwickeln sich nicht weiter. Wenn überhaupt sind es die zum Teil emotionalen Auftritte des Trios, welche hervorstechen und Vor ihren Augen eine Daseinsberechtigung verleihen. Und natürlich hat auch das wendungsreiche Ende seine Vorzüge, wenngleich die dort angesprochenen Themen wie so vieles im Thriller noch weiter hätte vertieft werden dürfen. So bleibt nur viel Potenzial, aber wenig Eindruck.

Credits

OT: „Secret In Their Eyes“
Land: USA
Jahr: 2015
Regie: Billy Ray
Drehbuch: Billy Ray
Vorlage: Eduardo Sacheri
Musik: Emilio Kauderer
Kamera: Danny Moder
Besetzung: Chiwetel Ejiofor, Nicole Kidman, Julia Roberts, Dean Norris, Michael Kelly, Joe Cole, Alfred Molina

Bilder

Trailer

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Vor ihren Augen
„Vor ihren Augen“ erzählt von einem grausamen Mord, den folgenden Ermittlungen, aber auch wie die Beteiligten Jahre später damit umgehen. Der Film hat dabei durchaus interessante Themen, sowohl gesellschaftlicher wie moralischer Art, hält sich aber zu lange mit einer vertrackten Erzählstruktur auf, anstatt auch mal in die Tiefe zu gehen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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