Kritik

Huguette Von wegen altes Eisen

„Von wegen altes Eisen“ // Deutschland-Start: 29. November 2019 (Arte)

Viele Jahre hat Huguette (Line Renaud) gemeinsam mit ihrem Mann in der Wohnung verbracht. Doch das ist nun vorbei. Seit seinem Tod haben sich die Schulden angehäuft, schon seit einem Jahr ist sie nicht mehr in der Lage, ihre Miete zu bezahlen. Als sie deshalb vor die Tür gesetzt wird, bietet ihr die Nachbarin Marion (Romane Bohringer) an, doch erst einmal bei ihr unterzukommen. Dabei hat die ganz eigene Sorgen: Ihr Sohn Rémi (Romann Berrux) kommt an der Schule einfach auf keinen grünen Zweig. Wenn kein Wunder geschieht, dann war es das mit der Versetzung. Und so einigen sie sich darauf, dass die ehemalige Lehrerin Huguette als Gegenleistung für die Unterbringung Rémi Nachhilfeunterricht gibt. Ganz so einfach, wie die zwei Frauen sich das vorgestellt haben, ist es am Ende aber nicht, vor allem da der Teenager ganz andere Pläne hat …

Verkanntes Risiko Altersarmut

Dass die Renten entgegen gewisser Versprechungen seinerzeit heute alles andere als sicher sind, das ist nicht wirklich ein Geheimnis. Wer nicht anderweitig vorgesorgt hat, wird früh feststellen, dass das mit der finanziellen Versorgung im Alter kaum garantiert ist. Immer wieder rutschen Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, dennoch in die Armut. Ein Phänomen, das bei lückenhaften Lebensläufen, wie sie heute sehr viel häufiger sind als früher, noch verstärkt auftritt. Allein deshalb schon ist es sympathisch, wenn bei Von wegen altes Eisen ein Thema angesprochen wird, das gerne mal ignoriert wird: das der Altersarmut.

Vor allem zu Beginn des Films nutzt Regisseur und Co-Autor Antoine Garceau (Call My Agent!) das Szenario effektiv, um beim Publikum daheim vor den Fernsehern Angst und Schrecken zu verbreiten. Was passiert, wenn einem im Alter das notwendige Geld fehlt und man nicht mehr für sich sorgen kann? Wo soll man denn hin mit 80 Jahren? Huguette ist mit der Situation verständlicherweise überfordert, wobei bei ihr auch der Stolz mit rein spielt. Anderen gegenüber zugeben zu müssen, dass man Hilfe braucht und alleine nicht weiter kommt, das kann schon eine beschämende bis demütigende Erfahrung sein. Vor allem in einem fortgeschrittenen Alter, in dem einen das eigentlich nicht mehr passieren sollte, in dem man dachte, sich zurücklehnen und das verbliebene Leben genießen zu können.

Die Notwendigkeit von Freundschaft

Doch Garceau hat Mitleid mit der alten Dame. Bevor es schlimm kommt, findet sie bereits Unterschlupf nebenan. Einerseits ist das natürlich schon sympathisch. Von wegen altes Eisen fungiert hier als Aufruf zu einer generationenübergreifenden Freundschaft sowie zu mehr Solidarität allgemein. Jeder bringt etwas mit, das ihn auszeichnet und das ihn wertvoll macht, so die Schlussfolgerung. Man muss es nur finden. Anfangs eine reine Zweckgemeinschaft, die bestimmte Ziele vor Augen hat – das Bestehen des Unterrichts und ein Dach über dem Kopf –, wird aus dem Miteinander der drei Figuren echte Zuneigung und Freundschaft. Da haben sich am Ende einfach welche gefunden.

Das kann man dann schön finden und rührend und warmherzig. Gleichzeitig gibt sich Von wegen altes Eisen aber so versöhnlich, dass es schon wieder langweilig ist. So verständlich es ist, dass man bei diesem Thema am Ende ein Happy End haben möchte, da hätte schon noch mehr Arbeit für den Weg dorthin investiert werden dürfen. Nicht nur, dass die Dramaturgie den üblichen Regeln haarklein folgt, von Annäherung über die obligatorische Krise bis zur Auflösung der Krise. Man gab sich so gar keine Mühe, diese einzelnen Stationen natürlich entstehen zu lassen. Stattdessen passiert hier etwas, weil es vom Drehbuch und den Vorgaben her passieren muss. Allgemein ist die französische TV-Produktion zu konstruiert, gerade auch gegen Ende hin.

Am stärksten ist die Tragikomödie noch, wenn die inzwischen über 90 Jahre alte Schauspielinstitution Line Renaud (Die Sch’tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen) einfach mal ein bisschen machen darf. Die Rolle der eigensinnigen Seniorin, die sich im Bedarfsfall mit jedem anlegt, steht ihr gut. Da sind schon immer wieder Szenen dabei, die tatsächlich Spaß machen. Verbunden mit den besagten positiven Aussagen und Absichten kommt da genug zusammen, damit man sich hiermit anderthalb Stunden füllen kann. Aber Von wegen altes Eisen ist eben nicht mehr als nur ein netter Film. Dafür hätte es dann doch mehr Mut gebraucht, mehr echte Gefühle anstatt der nur nachgezeichneten, mehr Realität statt Wohlfühlträumerei.

Credits

OT: „Huguette“
Land: Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Antoine Garceau
Drehbuch: Perrine Margaine, Antoine Garceau
Kamera: Antoine Roch
Musik: Maïdi Roth
Besetzung: Line Renaud, Romane Bohringer, Romann Berrux, Miveck Packa, Antoine Chappey

Bilder

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Von wegen altes Eisen
In „Von wegen altes Eisen“ wird eine Seniorin aus ihrer Wohnung geworfen und zieht erstmal bei der Nachbarin ein, um deren Sohn Nachhilfe zu geben. Die Themen sind wichtig, die Aussagen sympathisch, zudem macht es Spaß, Line Renaud in der Rolle der eigensinnigen Alten zuzusehen. Der TV-Film biegt sich aber so viel zurecht, dass am Ende alles zu konstruiert wird und in gefälliger Wohlfühlbelanglosigkeit verschwindet.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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