„Wonder Wheel“, USA, 2017
Regie: Woody Allen; Drehbuch: Woody Allen
Darsteller: James Belushi, Juno Temple, Kate Winslet, Justin Timberlake, Jack Gore

Wonder Wheel

„Wonder Wheel“ läuft ab 11. Januar 2018 im Kino

Damit hätte Humpty (Jim Belushi) wohl nie gerechnet: Als der Betreiber eines Karussells auf Coney Island eines Tages von der Arbeit nach Haus kommt, findet er dort seine Tochter Carolina (Juno Temple). Viele Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen, seitdem sie gegen seinen Willen einen Gangster geheiratet hat. Jetzt hat sie sich aber doch noch von dem Schurken getrennt und dabei vielleicht das eine oder andere Wort zu viel gesagt – weshalb sie auch auf der Flucht vor den Schergen ihres Mannes ist. Humptys zweite Frau Ginny (Kate Winslet) ist alles andere als begeistert davon, dass Carolina nun bei ihnen wohnen soll. Viel zu gefährlich. Schlimmer noch: Sie scheint ein Auge auf den Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) geworfen zu haben. Und mit dem hat Ginny selbst gerade eine heiße Affäre …

Es gibt so ein paar Dinge, auf die ist ja immer Verlass. Donald Trump, der mit jeder Äußerung Zweifel an der Richtigkeit der Evolutionstheorie nährt. Das Wetter, das meint, immer vor und nach Weihnachten Schnee bringen zu müssen, aber nie an Weihnachten selbst. Und Woody Allen, der uns jedes Jahr einen neuen Film beschert, obwohl man inzwischen gar nicht mehr so recht weiß, ob man das noch will. Andererseits: Kaum ein Filmemacher ist wohl vergleichbar wie er zu seinem eigenen Kosmos geworden. Keiner lässt vergleichbar regelmäßig wie er die Vergangenheit wiederaufleben. Und keiner tut das schöner als er.

Zurück in die Vergangenheit
Nachdem er zuletzt unter anderem in den 1920ern (Magic in the Moonlight) und 1930ern (Café Society) unterwegs war, stehen nun die 1950er auf dem Programm. Dass das bei dem Altmeister mit reichlich Nostalgie verbunden ist, versteht sich von selbst. Umso mehr, da er sich als Setting den Vergnügungspark auf Coney Island ausgesucht hat, der Mitte des Jahrhunderts schon langsam an Popularität einbüßte und später von der Zeit überrollt wurde. In Wonder Wheel ist die Welt aber noch in Ordnung. Vor allem sieht sie wahnsinnig toll aus: Der italienische Kameraveteran Vittorio Storaro (Der letzte Kaiser) zaubert hier eine sonnendurchflutete, kunterbunte und doch auch langsam verblassende Wunderwelt auf die Leinwand, durch die man nur allzu gern schlendert.

Nun reicht es natürlich nicht, den Ort einfach nur zu zeigen. Da muss schon auch ein bisschen was passieren. Und das ist der Punkt, an dem Wonder Wheel nicht mehr ganz so wunderbar ist. Er träumt davon, große Dramen zu schreiben, erklärt Mickey zu Beginn des Films – direkt in die Kamera, so wie er häufig die vierte Wand durchbricht. Und ein solches soll ja auch die Geschichte sein, in der er mitspielt. Die Elemente dafür sind sicher da: zerstrittene Familien, Ehebruch, doppelte Affären, dazu der konstante Schatten der Vergangenheit, der auf Carolina liegt.

Schöne Fassade ohne emotionalen Tiefgang
Nur: Beim Zuschauer kommt davon wenig an. Wonder Wheel ist zu hübsch zurechtgemacht, zu sehr durchkomponiert, um real zu wirken. Die beiden Schergen, die immer mal wieder Unruhe in die Familie bringen, man wartet eigentlich ständig darauf, dass sie sich à la Three Stooges eine Ohrfeige geben. Bedrohlich ist das nicht. Der Film selbst wirkt mit seinen begrenzten Schauplätzen oft auch mehr wie ein Theaterstück anstatt wie das tatsächliche Leben. Die Illusion, hier Menschen über die Schulter zu sehen, die stellt sich nie ein. Und das obwohl Allen mal wieder ein hochkarätiges Ensemble um sich schart. Gerade die emotionale Tiefe fehlt, die ein solches Drama ja für sich beanspruchen würde.

Besser fährt, wer solche Ansprüche gar nicht erst mitbringt. Wer sich daran gewöhnt hat, dass Allen zuletzt durchgängig nette, aber doch recht seichte Filme dreht. Als Komödie funktioniert Wonder Wheel nämlich schon deutlich besser. Kate Winslet als leicht hysterische Frau, die sich vor ihrem 40. Geburtstag fürchtet. Justin Timberlake, der gerne tiefgründig wäre, aber letztendlich doch an Fassaden klebenbleibt. Juno Temple, die wie so oft charmant-naiv durch die Gegend stolpert. James Belushi als grober Klotz mit Hang zum Alkohol. Und Jack Gore, der als Sohn von Ginny in einem tatsächlich witzigen Running Gag alles anzündet, was ihm vor die Füße fällt. Man kann also durchaus seinen Spaß mit Allens Vergnügungspark haben. Nur dass der ebenso vergänglich und banal ist wie die Attraktionen des Films.

Wonder Wheel
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Wonder Wheel
In „Wonder Wheel“ zeigt sich Woody Allen erneut von seiner nostalgischen Seite. Sein Ausflug in den Vergnügungspark auf Coney Island ist wunderbar bebildert, weckt reale und eingebildete Erinnerungen an die 1950er. Die Geschichte selbst kann da nicht mithalten, spielt zwar viel mit dramatischen Elementen, funktioniert als solches jedoch wenig – trotz der gewohnt hochkarätigen Besetzung.
6von 10

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