Kritik

Die Schlange Killer vs Killer

„Die Schlange – Killer vs. Killer“ // Deutschland-Start: 28. Januar 2021 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich würden Omar (Cédric Ido) und Stéphanie (Erika Sainte) gerne nur ihrem Leben nachgehen und ihren Wein anbauen. Doch immer wieder kommt es zu rassistisch motivierten Zwischenfällen, wenn die Nachbarschaft den Schwarzen aus der Gegend vertreiben will. Und es kommt noch schlimmer, denn eines Tages nistet sich ein Profikiller (Tomer Sisley) bei ihnen ein, nachdem er diverse andere Gangster eines südamerikanischen Kartells ermordet hat. Während das Paar irgendwie versucht, heil aus der Sache wieder herauszukommen, schwört das Kartell Rache und schickt seinerseits einen Killer (Terence Yin) los. Dessen Aufgabe: Denjenigen zu finden und zu töten, der sich mit ihnen angelegt hat. Und nicht nur dabei geht dieser über Leichen …

Und wer ist jetzt der Böse?

Viele Thriller basieren, so unterschiedlich sie auch sein mögen, auf einem grundsätzlichen Prinzip: Es gibt eine gute Seite und eine böse Seite, die in irgendeiner Form miteinander kämpfen. Klar kann man bei dieser Konstellation auch ein bisschen variieren und die Grenzen verwischen. Honest Thief zeigt zum Beispiel einen Ex-Bankräuber als Helden, der gegen einen korrupten FBI-Agenten antritt. Doch selbst in solchen Fällen ist meistens recht eindeutig, wer der Protagonist ist. Aus gutem Grund: Das Publikum soll schließlich wissen, wem man da die Daumen drücken soll. Eine Identifikationsfigur ist nun einmal der einfachste Weg, damit die Zuschauer und Zuschauerinnen mitfiebern können.

Bei Die Schlange – Killer vs. Killer ist das einerseits zwar schon auch möglich. Ein Ehepaar, das erst von rassistischen Dorftrotteln terrorisiert und dann zur Geisel eines Killers wird, das ist schon echt viel Pech auf einmal und Grund genug, dem vom Schicksal gebeutelten Paar viel Glück zu wünschen. Brauchen kann es das auf jeden Fall. Gleichzeitig ist es durchaus möglich, dass das Publikum zwischendrin völlig vergisst, da noch die Daumen zu drücken, weil es zu sehr anderweitig beschäftigt ist. Der Film handelt eben nicht allein von einer Familie, die zum Opfer der Umstände wird. Stattdessen gibt es eine Vielzahl an Handlungssträngen und Gruppierungen, die alle mehr oder weniger zufällig aus dem abgelegenen Gut der Familie zusammenlaufen.

Das erinnert an Filme wie Bad Times at the El Royale, bei denen sich ebenfalls die Wege der unterschiedlichsten Leute kreuzen und auf einen tödlichen Showdown hinauslaufen. Während solche Filme aber oft mit schwarzem Humor arbeiten, da ist Die Schlange – Killer vs. Killer eine weitgehend ernste Angelegenheit. Ein weiterer Unterschied ist, dass der Film fast völlig auf irgendwelche Charakterzeichnungen verzichtet. Sicher, da ist man in dem Genre oft ein bisschen sparsam, die Figuren sind nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Hier wurde das aber noch weiter getrieben, wenn die Killer ohne Namen auftreten, ohne Vorgeschichte, ohne irgendwelche Kontexte. Hervé Albertazzi, der unter seinem Pseudonym DOA (für „Dead on Arrival“) die literarische Vorlage geschrieben und mit Regisseur Eric Valette am Drehbuch gearbeitet hat, tut das bewusst, gibt auf diese Weise den zahlreichen Antagonisten einen Hauch des Geheimnisvollen.

Ein Wust an Figuren

Das Ergebnis ist jedoch gelinde gesagt verwirrend. Als Zuschauer hat man hier schon richtig viel zu tun, um bei den Wust an herumwuselnden Figuren noch irgendwie den Überblick behalten zu können. Als wäre es nicht genug, dass da zwei mörderische Parteien im Spiel sind und eine Familie dazwischen gefangen: Da sind ja auch noch die rassistischen Nachbarn und ein überforderter Polizist, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Und als wäre das nicht schon verwirrend genug, ist der Killer der Südamerikaner ein Chinese mit blauen Augen. Wie das alles zusammenpassen soll, das wird maximal Albertazzi noch beantworten können. Und selbst bei ihm sind Zweifel angesagt, ob er da im Einzelnen wirklich so genau wusste, was er tat, und einen konkreten Plan verfolgte. Das Thema des Rassismus wird beispielsweise nie so richtig für die Handlung relevant, diente wohl eher dem Aufbau des Settings.

Gleichzeitig hat die französisch-belgische Coproduktion dadurch auch einen gewissen Reiz. Gerade weil hier so viele gewaltbereite Figuren umherirren, herrscht durchgängig ein düstere und bedrohliche Stimmung. Vor allem der von Terence Yin verkörperte, dem Sadismus nicht abgeneigte Killer genießt die eigene Gefährlichkeit. Dadurch hat Die Schlange – Killer vs. Killer immer wieder seine Momente. Die braucht es aber auch, um bei dem recht gemächlichen Tempo dranzubleiben. Bis der Film mal alle Figuren positioniert hat und die Geschichte wirklich Fahrt aufnimmt, dauert das schon eine ganze Weile. Die 100 Minuten Laufzeit fühlen sich schon nach mehr an. Wer aber die nötige Geduld aufbringt und sich an langsam eskalierenden Thrillern in finsterem Ambiente erfreut, der kann es durchaus mal hiermit versuchen.

Credits

OT: „Le serpent aux milles coupures“
IT: „Thousand Cuts“
Land: Frankreich, Belgien
Jahr: 2017
Regie: Eric Valette
Drehbuch: Hervé Albertazzi, Éric Valette
Vorlage: Hervé Albertazzi
Musik: Christophe Boulanger, Mike Theis
Kamera: Jean-François Hensgens
Besetzung: Tomer Sisley, Terence Yin, Pascal Greggory, Stéphane Debac, Cédric Ido, Erika Sainte

Bilder

Trailer

Filmfeste

International Film Festival Rotterdam 2017
NIFFF 2017
Fantasia Film Festival 2017

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Die Schlange – Killer vs. Killer
Eine von Rassisten terrorisierte Familie wird von einem Killer als Geisel genommen, der selbst von einem Kartell verfolgt wird: An Figuren und Verwicklungen mangelt es in „Die Schlange – Killer vs. Killer“ nicht. Wer aber die Geduld aufbringt, welche das gemächliche Tempo und die überladene Geschichte erfordern, findet hier einen finsteren Thrillern mit gelegentlichen Lichtblicken.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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