Kritik

Cactus Jack

„Cactus Jack“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Für seinen Dokumentarfilm hat sich Chris (Chris Sandberg) überlegt, das Leben von Jack (R. Michael Gull) zu dokumentieren. Dieser lebt sehr zurückgezogen, verlässt das Haus sehr selten und lebt im Keller, während seine Mutter die übrigen Etagen beherbergt. Hat sich Chris zu Anfang noch das filmische Porträt eines Außenseiters ausgemalt, vielleicht sogar eines Konflikts oder eines Familiendrama, ist die Realität, die sich ihm schon bei den ersten Aufnahmen zeigt eine ganz andere. Jack ist nämlich ein wahrer Menschenfeind, der seine Mutter zutiefst verabscheut und zu seinem Vater mit einer Mischung aus Nostalgie für dessen Beruf als Elektriker und Abscheu wegen seiner charakterlichen Schwäche aufschaut. Sobald die Kamera läuft, ergießt sich ein Wortschwall von Beleidigungen gegen Afroamerikaner, Einwanderer, Frauen und Homosexuelle, der schier kein Ende nimmt, und bei dem sich Jack immer mehr in Rage redet. Scheinbar wenig interessiert an Chris’ Plan, der sich in erster Linie auf das Verhältnis zu der Mutter und den Alltag konzentriert, sieht Jack den Film als eine Art Plattform, sich einmal den ganzen Hass von der Seele zu reden. Schon bald wird Chris klar, dass Jack wahnsinnig und gefährlich ist, jeder Zeit also hochgehen kann.

Die Angst vor deinem Nachbarn

Eigentlich wäre einem Film wie dem Spielfilmdebüt von Chris und Jay Thornton eine Premiere auf einem der zahlreichen Genrefilmfestivals in ihrer Heimat den USA vergönnt gewesen, doch aufgrund der Corona-Pandemie muss die Weltpremiere von Cactus Jack online stattfinden. Aufgrund der Tatsache, dass sie nun ein breites Publikum erreichen, mag dies durchaus sinnvoll sein, doch gerade dieser Film hätte ein Festivalpublikum mehr als verdient, denn nun, da die Zeit eines Donald Trump als US-Präsident vorbei ist, erscheint Cactus Jack aktueller denn je. Mittels einer Ästhetik, wie man sie beispielsweise aus dem found footage-Subgenre kennt, geht es in der Geschichte um nichts weniger als den Hass Amerikas, die Ressentiments, des Rassismus, die Schwulen- und die Frauenfeindlichkeit, welche noch lange nicht verschwunden sind.

In gewisser Weise erinnert Cactus Jack in erzählerischer und formaler Hinsicht an Werke wie Mann beißt Hund, welche nicht nur ähnliche Themen, sondern auch einen semi-dokumentarischen Ansatz verfolgen. Vor allem aber geht es um die Diagnose oder die Annäherung an einen Zustand, der aktueller nicht sein könnte und dessen Ausmaße jedes Monster des Horrorgenres in den Schatten stellt. Wie der Auftragsmörder in Mann beißt Hund ist auch Jack rein äußerlich ein Jedermann, der einem zunächst einmal nicht auffallen würde und in so mancher Hinsicht dem Stereotyp eines „Redneck“ nachempfunden ist. Er ist, wie er sich selbst an einer Stelle ganz zu Anfang des Filmes präsentiert, ein „Nachbar“, einer von vielen, und das Erschrecken beginnt erst, wenn er den Mund öffnet und er seine rechten Ansichten mitteilt, sichtlich dankbar dafür, in Chris endlich jemanden gefunden zu haben, der gewillt ist, ihn dabei zu filmen.

Gerade in den letzten Jahren hat immer wieder das Bild des „Aluhutträgers“ oder des „Covidioten“ die Runde gemacht, in den Medien wie auch im sozialen Diskurs. Zwar geht es in den Tiraden Jacks nicht um die Pandemie, dafür aber um jene abstrusen Verschwörungstheorien, jenen Abscheu vor dem Politisch-Korrekten sowie ein tiefer Hass auf das, was man als das Establishment wahrnimmt, kombiniert mit einer gewissen Bewunderung für jemanden wie Trump, der „endlich einmal alles ausspricht“. Der von R. Michael Gull mit großer Intensität gespielte Jack ist ein Nachbar, den man nicht haben will, der aber dennoch da ist und nicht mehr gehen wird und der – was für eine Ironie – in unserer Abscheu vor ihm eine Plattform geboten bekommt, um seinen Hass in die Welt zu tragen.

Der Keller Amerikas

Das eigentlich Verstörende ist nämlich keinesfalls das, was Jack sagt und an das er glaubt, sondern vielmehr unser Versagen, ihm darauf etwas zu entgegnen. Wenn auch nicht besonders subtil, zeigen die immer wieder eingeblendeten Reaktionen der linksliberal-bürgerlichen Teile der Bevölkerung vor allem das Unvermögen, auf diesen Hass angemessen zu reagieren. Auch Chris, an einer Stelle von Jack konfrontiert, wird es sichtlich unbequem, als dieser ihm selbst Antworten auf die Fragen abzuringen versucht, wie er zu Frauen steht, ob er Afroamerikaner als „Untermenschen“ sehe oder am liebsten alle Einwanderer gleich an der Grenze erschießen würde. Die Antwort ist ein langes Schweigen und der Angstschweiß, ein Hinweis darauf, dass Jack ihm unter die Haut geht, genauso wie dem Zuschauer.

In ihrem Film zeigen die Gebrüder Thornton nichts weniger als den Keller Amerikas, das lange Unterdrückte und Verschwiegene, was durch Trumps Präsidentschaft sowie die hilflose Reaktion der linksliberalen Elite eine Plattform bekam und diese eigentlich immer noch innehat. Das ist mutig und teils sehr unangenehm, wobei lediglich das etwas inkonsequente Ende stört.

Credits

OT: „Cactus Jack“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Chris Thornton, Jay Thornton
Drehbuch: Chris Thornton, Jay Thornton
Musik: Antonio Tranquilino
Kamera: Jay Thornton
Besetzung: R. Michael Gull, Chris Thornton, Chris Sandberg, Sam Kozé

Trailer

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Cactus Jack
„Cactus Jack“ ist eine Mischung aus Drama und Horrorfilm über den Hass und die Ressentiments Amerikas. Dank eines cleveren formalen Ansatzes sowie einer intensiven Darstellung R. Michael Hulls als Jack gelingt ein beachtlicher Film, der seinem Zuschauer abverlangt, sich vielleicht nicht mit den Ansichten eines Jacks zu befassen, aber doch die Frage stellt, wie man auf diese reagiert und was man diesen erwidert. Denn solche wie Jack gibt es viele, bisweilen leben sie nur eine Wohnung weiter.
8von 10

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