Kritik

Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen

„Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ // Deutschland-Start: 18. September 1986 (Kino) // 24. März 2016 (DVD/Blu-ray)

Schon seit langer Zeit hat Zorg (Jean Hughes Anglade) sein Projekt, Schriftsteller zu werden, aufgegeben und verbringt die Zeit als Hausmeister einer kleinen Ferienhaussiedlung an der französischen Küste. Die meiste Zeit des Jahres hat er schönes Wetter, er braucht nicht viel zum Leben und die Arbeit ist einfach, sodass Zorg zufrieden ist mit dem, was er hat. Dies ändert sich, als die schöne Betty (Béatrice Dalle) in sein Leben tritt, die anfangs für ihn nur eine weitere Affäre sein sollte, doch zu der er schnell eine ernsthaftere Beziehung aufbaut, als zu den Frauen zuvor. Nicht nur interessiert sie sich für seinen Roman, den Zorg selbst schon so gut wie vergessen hat, sie drängt ihn auch, seiner Berufung nachzugehen und sich vom gemütlichen Leben als Hausmeister verabschiedet. Schließlich ziehen die beiden nach Paris, wo sie in der beschaulichen Pension von Lisa (Consuelo de Haviland), einer Freundin Bettys, eine Bleibe finden. Sie finden sogar Arbeit in der Pizzeria von Lisas Freund Eddy (Gérard Darmon), der schon bald zu einem guten Freund und beliebten Saufkumpanen Zorgs wird. Doch auch, wenn Zorg der Unternehmung noch reserviert gegenüber eingestellt ist, reicht Betty schließlich den Roman ihres Geliebten bei Verlagen ein. Zorg muss sich eingestehen, dass er Betty liebt und alles für sie tun würde.

Eine Utopie der Liebe

Neben dem 1981 entstandenen Diva ist Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen der wohl bekannteste Film in der Karriere des französischen Regisseurs Jean-Jacques Beneix. Nicht nur für den Regisseur, sondern auch Philippe Dijan, der Autor der Romanvorlage, konnte von dem Erfolg profitieren, denn auf einmal kletterte diese auf den Bestsellerlisten nach oben. Trotz dieses Erfolges und zahlreicher Nominierungen, unter anderem für den Filmpreis César, konnte Betty Blue als Film nicht alle Kritiker überzeugen, welche die Geschichte teils als oberflächlich und substanzlos abtaten. Gerade im über 60 Minuten längeren Director’s Cut ist Beneix’ Film bisweilen etwas langatmig, doch die Geschichte von der Utopie einer Liebe berührt dennoch, was nicht zuletzt an der großartigen darstellerischen Leistung von Béatrice Dalle liegt.

Relativ lange – übrigens in beiden Fassungen – lässt sich Beneix’ Film Zeit, die Beziehung zwischen Betty und Zorg zu etablieren, sowie deren Dynamik. Was als eine stürmische Affäre beginnt, die durchaus die Männerfantasien Zorgs wie auch seines Umfelds bedient, verwandelt sich schnell in etwas ganz anderes, vor allem, weil sich Betty nicht als ein „Playboy“-Model, wie es Zorgs zwielichtiger Vorgesetzter in der Feriensiedlung benennt, abstempeln lässt. Nach einiger Zeit weiß der Zuschauer, wie auch der anfangs anscheinend noch etwas skeptische Zorg, dass dies eine sehr ernsthafte, sehr liebevolle Verbindung ist, für die der verkappte Schriftsteller bald schon bereit ist, alles zu tun und sich von der bequemen Passivität zu lösen, die für eine ganze Weile sein Leben bestimmte.

Um nichts weniger als die Suche nach einem Ort für diese Liebe geht es in Betty Blue. Während Betty alles dafür tut, damit ihre Beziehung und ihre Liebe zu Zorg Bestand hat, sieht auch Zorg ein, dass er mehr investieren will, sich von seiner Lethargie verabschieden muss und ein Leben mit dieser Frau starten will. Diese Veränderung stellt Beneix, wenn auch etwas sehr langatmig, in ihrer ganzen Detailfülle dar, unterteilt in verschiedene Segmente, die immer wieder einen weiteren Anlauf, was das Schaffen dieser Utopie der Liebe betrifft, beleuchten. In diesem Suchen und Bestehen auf dieser Liebe besteht aber auch eine Gefahr, eine gewisse Dunkelheit, die immer wieder in kleinen Schüben in dieser Geschichte aufblitzt und sowohl Zorg wie auch Betty in ihren Sog mit hinabzieht.

Die Frau mit dem lila Plastikherz

Eine besondere Faszination geht von dem Charakter Bettys aus sowie von der Art und Weise, wie sie Zorg, welcher gleichzeitig als eine Art Erzähler fungiert, beschreibt. Anfangs noch, wie bereits erwähnt, als eine Männerfantasie mit „lila Plastikherz“ definiert, zeigt sich schon bald, dass Betty keinesfalls in diese Muster fällt, auch wenn Zorg und viele andere Männer Betty immer wieder in diesen sehen wollen. Betty wird zu einer treibenden Kraft für die Handlung, einer Figur, die Zorg wie auch der Zuschauer zu verstehen glaubt, welche einen dann aber wieder durch ihre Handlungen vor den Kopf stößt oder gar verstört. Béatrice Dalle in der Rolle der Betty spielt diese mit der passenden Ambivalenz, zum einen erfüllt von einer großen Warmherzigkeit und Leidenschaft, zum anderen von einer großen Dunkelheit, einer düsteren Passion, die es nicht duldet, wenn man ihren Träumen im Wege steht.

In gewisser Weise ist Betty die wahre Romantikerin, im Gegensatz zu Zorg, für den dies über weite Strecken der Geschichte hin mehr eine Art literarische Pose ist. Bettys Absicht ist es, diese Romantik, diese Utopie in die Realität zu übertragen, was eine gefährliche und potenziell selbstzerstörerische Unternehmung ist.

Credits

OT: „37,2 °C le matin“
Land: Frankreich
Jahr: 1986
Regie: Jean-Jacques Beineix
Drehbuch: Jean-Jacques Beineix
Vorlage: Philippe Dijan
Musik: Gabriel Yared
Kamera: Jean-Jacques Robin
Besetzung: Jean-Hugues Anglade, Béatrice Dalle, Gérard Darmon, Consuelo de Haviland, Jacques Mathou, Clémentine Célarié, Vincent Lindon

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1987 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
BAFTA Awards 1987 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
César 1987 Bester Film Nominierung
Beste Regie Jean-Jacques Beineix Nominierung
Bester Hauptdarsteller Jean-Hugues Anglade Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Béatrice Dalle Nominierung
Bester Nebendarsteller Gérard Darmon Nominierung
Beste Nebendarstellerin Clémentine Célarié Nominierung
Beste Musik Gabriel Yared Nominierung
Bester Schnitt Monique Prim Nominierung
Golden Globes 1987 Bester fremdsprachiger Film Nominierung

Filmfeste

Toronto International Film Festival 1986

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Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen
„Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ ist eine großartig gespieltes Liebesdrama über die Verbindung eines romantischen Ideals mit der Wirklichkeit. Jean-Jacques Beineix zeigt, vor allem im Director‘s Cut, einen etwas überlangen, aber dennoch packenden Film über eine große Liebe, über Geschlechterrollen und wie weit man bereit ist, für die eigene Liebe zu gehen.
7von 10

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