Kritik

Im Reich der Sinne Leidenschaft

„Im Reich der Sinne“ // Deutschland-Start: 28. Januar 1978 (Kino) // 20. Oktober 2004 (DVD)

Im Jahre 1936 arbeitet die junge Abe Sada (Eiko Matsuda) in einem Hotel als Bedienstete, die auch über ihre Pflichten hinaus immer wieder zur Befriedigung der sexuellen Gelüste der männlichen Kundschaft eingesetzt wird. Angezogen von dessen entspannter Art beginnt sie eine Affäre mit dem Besitzer Kichizo Ishida (Tatsuya Fuji), der dies zunächst als eine Ablenkung von seiner Ehe sieht und der Beziehung mit wenig Ernst begegnet. Jedoch verfällt er Abes Art schnell, die sich Hals über Kopf in die Beziehung stürzt, die für sie schon bald mehr ist als nur Anziehung, sondern eine Liebe, die keine Grenzen kennt. Auch Kichizo muss einsehen, dass es mehr ist als eine Affäre und flieht mit ihr in ein anderes Hotel, wo sie beide ihrer Leidenschaft füreinander freien Lauf lassen. Jedoch brauchen sie beide Geld und für Abe, die Kichizo vor lauter Eifersucht nicht erlaubt, das Hotelzimmer zu verlassen, gibt es nur einen alten Klienten, den sie von ihrer Zeit als Prostituierte her kennt und mit dem sie einige Nächte verbringt. Allerdings kann sie die Zeit ohne ihre große Liebe kaum mehr aushalten und wird immer fordernder, auch während des Sex, der schon bald weit über das rein Körperliche hinausgeht.

Ein nationaler Skandal

Da Regisseur Nagisa Oshima durch jahrelange Erfahrung um die Zensur in seiner Heimat Japan wusste, suchte er gleich für die Verfilmung des Skandals um die reale Abe Sada, ein Ereignis, welches seinerzeit Gesellschaft wie Politik beschäftigte, Unterstützung im Ausland, sodass Im Reich der Sinne als eine französische Produktion durchging. Dennoch wurde der Film in vielen Ländern, auch in Deutschland, Gegenstand zahlreicher Kontroversen, die sich an den expliziten Sexszenen störten, sodass das Werk, trotz Fürsprache vieler Kritiker und Intellektueller, teils verboten wurde oder nur stark verkürzt gezeigt wurde. Über die Jahre hinweg gelangte Im Reich der Sinne aber nicht nur deswegen zu einem bestimmten Ruf, sondern auch wegen seiner Themen, befasst er sich doch wie viele Werke über gesellschaftliche Tabus mit Themen wie Sexualität, Liebe und Politik in seiner Heimat Japan, besonders die problematische Verbundenheit von Politik und Körper.

Interessanter- oder vielmehr ironischerweise spiegeln viele der Reaktionen auf das Werks Oshimas sich in den Reaktionen des Umfeldes von Abe und Koichi auf deren Beziehung wider. Bereits in einer frühen Szene wird jenes paradoxe Verhältnis zur Sexualität deutlich, wenn eine Gruppe Schaulustiger einem Betrunkenen die Hose auszieht und sein Geschlechtsteil entblößt. Als dieser protestieren will und sich der Demütigung wehrt, wird ihm zu allem Überfluss noch ein Schneeball in den Hoden geworfen, sodass er schmerzverzerrt in eine schmutzige Pfütze fällt, wo er dann Abe wiedererkennt, mit welcher er, als sie noch Prostituierte war, einige schöne Stunden verbracht hat. Mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu wird das Geschehen von den umstehenden Frauen beobachtet, die nicht anders können, als zu verfolgen, wie die Geschichte weiter verlaufen wird.

Es ist jener verbotene Blick durch einen Türschlitz oder halbgeöffnetes Fenster, der sich immer wieder in Im Reich der Sinne einschleicht. Nach außen hin als Skandal, als verachtenswertes Verhalten getadelt, zeigt sich doch immer wieder, jene Faszination mit allem, was verboten ist. Jedoch verändert das Tabu sowie die gesellschaftliche Ächtung das Individuum, wie man anhand Abe und Koichi sehen kann, die nur in ihrem Zimmer eingeschlossen ihrer Liebe nachgehen, ihrer Utopie der absoluten Vereinigung, was man in vielfacher Weise verstehen kann.

Ein Akt der Liebe

Die Tatsache, das Gesellschaften, nicht nur die japanische, ein schwieriges Verhältnis zu offen vorgetragener Sexualität haben, ist nichts Neues, doch für Oshima, wie in vielen seiner anderen Werke, geht es um die Ursache, warum gerade jene Utopie der Liebe nicht existieren kann und letztlich in Gewalt umschlägt. Sind Abe und vor allem Koichi noch zu Anfang in ihren gesellschaftlich festgelegten Rollen verankert, beobachtet die Handlung, wie die Leidenschaft sie verändert und gerade Abe nach der absoluten Vereinigung, der absoluten Ekstase trachtet, welche immer mehr dem Tode nahekommt. Anders als man es traditionell erwartet und duldet, stellt sie Besitzansprüche, stellt Regeln auf und wird zur eifersüchtigen Furie, wenn sie auch nur ahnt, Koichi habe sich nicht an die Absprachen gehalten. Mehr als nur einmal beschreibt dieser, wie Abe Männer nicht nur verführe, sondern sie geradezu verschlinge.

In Im Reich der Sinne wird dieser Akt als einer der Liebe beschrieben, der aber gleichzeitig auf den Tod verweist. Während sich die Gesellschaft in den Krieg stürzt, erlebt man diesen einen Moment der absoluten Ekstase, der aber fatalerweise nicht lange halten kann.

Credits

OT: „Ai no korida“
Land: Japan, Frankreich
Jahr: 1976
Regie: Nagisa Ôshima
Drehbuch: Nagisa Ôshima
Musik: Minoru Miki
Kamera: Hideo Ito
Besetzung: Tatsuya Fuji, Eiko Matsuda

Filmfeste

Cannes 1976
Locarno 1976
Berlinale 1990
Berlinale 2010
Cannes 2017

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Im Reich der Sinne
Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“ ist ein Drama über Liebe, Sexualität und Tabus. Über teils sehr explizite Szenen erzählt der Regisseur die Geschichte einer großen Leidenschaft, aber auch eine des Todes, was wiederum verbunden wird mit der historischen Wirklichkeit seiner Heimat.
8von 10

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