Kritik

Frantz DVD

„Frantz“ // Deutschland-Start: 29. September 2016 (Kino) // 23. März 2017 (DVD)

1919 ist der Erste Weltkrieg zwar vorbei, doch die Auswirkungen sind noch immer überall zu spüren. So auch bei Anna (Paula Beer), die um ihren im Krieg gefallenen Verlobten Frantz trauert. Als sie eines Tages zum Friedhof geht, um dessen Grab zu besuchen, trifft sie auf einen Fremden (Pierre Niney), der gerade frische Blumen dort hinterlegt hat. Er stellt sich später als Adrien vor und gibt an, zusammen mit Frantz in Paris studiert zu haben. Dr. Hoffmeister (Ernst Stötzner) und seine Frau Magda (Marie Gruber), die Eltern des Toten, sind zunächst nicht begeistert, einen jungen Franzosen vor sich zu haben, ist ihr Sohn doch durch die Hand der Franzosen gestorben. Gerührt von der Geschichte wächst der Fremde aber auch ihnen bald ans Herz, sehen sie in ihm doch eine Verbindung zu Frantz …

Die leise Begegnung mit dem Tod

Man bringt den Regisseur François Ozon ganz gerne mit seinen überbordenden, etwas grellen, teils sehr sexualisierten Filmen in Verbindung. Seine berühmtesten Werke sind noch immer das Krimimusical 8 Frauen und der bedrohliche Thriller Swimming Pool. Dabei kann der französische Filmemacher auch ganz anders, beherrscht ebenso die leisen Töne, die er in einem bewusst nüchternen Umfeld anschlägt. Das beste Beispiel hierfür ist vermutlich Frantz, welches eigentlich die Themen für ein großes, lautstarkes Melodram mitbringt. Und doch ist die Geschichte um den Verlust eines geliebten Menschen und den Umgang mit dem Tod fast schon irritierend zurückhaltend inszeniert.

Zunächst lässt einen Ozon bei seiner losen Adaption des Films Der Mann, den sein Gewissen trieb von Ernst Lubitsch etwas im Unklaren, worum es in dem Drama genau geht. Während die Ausgangssituation schnell etabliert ist, wirft gerade der geheimnisvolle Fremde Fragen auf. Dass bei ihm etwas nicht stimmt, dass an seiner Geschichte mehr dran ist, als er zugeben möchte, das wird zwar relativ schnell deutlich. Zu zurückhaltend, zu verunsichert agiert der junge Mann. Dennoch lässt sich Frantz Zeit dabei, den Schleier zurückzuziehen. Ob es das gebraucht hätte, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Die sich lange abzeichnende Wendung dürfte kaum jemanden im Publikum wirklich überraschen.

Trauerarbeit am Rand der Illusion

Dennoch passt die Geheimniskrämerei zu einem Film, der sich auf eine ganz eigene Weise mit dem Thema Trauerarbeit auseinandersetzt. Nur selten wird in Frantz wirklich darüber gesprochen, was vorgefallen ist oder wie es einem geht. Die Menschen, alle von den Erfahrungen des Krieges traumatisiert, hüllen sich in einen Mantel des Schweigens. Manche Verständigung läuft dabei implizit und wortlos. Genauso kommt es aber auch vor, dass sich die Männer und Frauen in Illusionen retten, die einzige Möglichkeit für sie, mit Schmerzen umzugehen, die zu groß für sie sind. Zu weiten Teilen hat Ozon daher ein Trauerdrama gedreht, das zwar einen konkreten historischen Kontext hat, aber auch losgelöst von diesem funktioniert. Vieles von dem, das hier geschieht, würde genauso gut in einer heutigen Geschichte passen.

Das betrifft auch die Frage nach Vergebung und Aussöhnung. Frantz erinnert an das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch als erbitterte Feinde gegenüberstanden. Veranschaulicht wird dies durch Adrien, dem die Feindseligkeit eines von Schmerzen erfüllten Landes entgegenrollt, unabhängig davon, wer er ist und was er getan hat. Seine Nationalität allein ist Grund genug ihn zu hassen. Nach den rund zwei Stunden Laufzeit wird vieles jedoch nicht mehr so eindeutig sein, wie man es sich zunächst noch ausmalte. Auf beiden Seiten entstehen Ambivalenzen, löst sich die Einteilung in Gut und Böse auf. Gerade Anna macht eine innere Reise durch, die nicht immer rational motiviert ist, sondern vielmehr von der Sehnsucht nach einem Sinn und Halt in der für sie stehen gebliebenen Welt.

Dass Paula Beer (Undine) hierfür besonders gelobt wurde, sie unter anderem für einen César und den Europäischen Filmpreis im Rennen war, ist daher nur folgerichtig. Sie hat die komplexeste, widersprüchlichste Figur, der sie Leben einhauchen musste. Insgesamt ist Frantz trotz seiner strengen, unterkühlten Schwarzweiß-Bilder ein nuancierter Film, auf der einen Seite herzerweichend und tragisch, gleichzeitig wieder hoffnungsvoll. Das ergibt im Einzelnen vielleicht nicht immer Sinn, soll es aber auch nicht. Vielmehr zeigt Ozon auf, wie unglaublich schwierig Gefühle manchmal zu fassen sind, dass es da nicht unbedingt ein Richtig und ein Falsch gibt und dass jeder letztendlich einen eigenen Weg finden muss, um durch das Leben zu kommen.

Credits

OT: „Frantz“
Land: Frankreich, Deutschland
Jahr: 2016
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo
Musik: Philippe Rombi
Kamera: Pascal Marti
Besetzung: Paula Beer, Pierre Niney, Ernst Stötzner, Marie Gruber, Johann von Bülow

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
César 2017 Bester Film Nominierung
Beste Regie François Ozon Nominierung
Bester Hauptdarsteller Pierre Niney Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellerin Paula Beer Nominierung
Beste Kamera Pascal Marti Sieg
Bester Schnitt Laure Gardette Nominierung
Bestes adaptiertes Drehbuch François Ozon Nominierung
Beste Filmmusik Philippe Rombi Nominierung
Bester Ton Martin Boissau, Benoît Gargonne, Jean-Paul Hurier Nominierung
Bestes Szenenbild Michel Barthélémy Nominierung
Beste Kostüme Pascaline Chavanne Nominierung
Europäischer Filmpreis 2017 Beste Darstellerin Paula Beer Nominierung
Bestes Drehbuch François Ozon Nominierung
Publikumspreis Nominierung
Prix Lumières 2017 Beste Nachwuchsdarstellerin Paula Beer Nominierung
Bestes Drehbuch François Ozon Nominierung
Beste Kamera Pascal Marti Nominierung
Beste Filmmusik Philippe Rombi Nominierung
Venedig 2016 Goldener Löwe Nominierung
Beste Nachwuchsdarstellerin Paula Beer Sieg

Filmfeste

Venedig 2016
Toronto International Film Festival 2016
Telluride Film Festival 2016
Sundance Film Festival 2017

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Frantz
„Frantz“ handelt von einer Familie, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen kämpft und dabei Besuch von einem geheimnisvollen Mann bekommt. Das beginnt mit einem größeren Mystery-Faktor, ist letztendlich aber ein Drama um komplexe, widersprüchliche Gefühle, den Umgang mit Trauer und auch Versöhnung sowie die Suche nach einem eigenen Weg.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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