Kritik

Das Geheimnis des Totenwaldes

„Das Geheimnis des Totenwaldes“ // Deutschland-Start: 2. Dezember 2020 Das Erste)

Als 1989 im niedersächsischen Iseforst in kurzer Folge gleich zwei Liebespaare ermordet werden, sind die Menschen vor Ort in heller Aufregung: Wer könnte nur eine solche Tat vollbracht haben? Lebt etwa ein Mörder mitten unter ihnen? Zwar gibt es bald einen ersten Verdächtigen, doch die Polizei kommt nur mäßig voran, was auch daran liegt, dass die neue Kommissarin Anne Bach (Karoline Schuch) von den männlichen Kollegen nicht ernst genommen wird. Zeitgleich hat Thomas Bethge (Matthias Brandt), der in Hamburg zum neuen LKA-Chef ernannt wurde, ganz eigene Sorgen. Seine Schwester Barbara Neder (Silke Bodenbender), die in der Nähe des Tatortes wohnt, ist nach einem Streit mit ihrem Mann Robert (Nicholas Ofczarek) spurlos verschwunden …

Langzeitsuche nach einem Mörder
Der Fall war ebenso spektakulär wie mühsam: Rund 30 Jahre dauerte es, bis die sogenannten Göhrde-Morde zumindest teilweise aufgeklärt wurden, zwei Doppelmorde im niedersächsischen Staatsforst Göhrde, welche die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Damit rückte eine Geschichte wieder in den Mittelpunkt des medialen Interesses, welche 1989 schon die Nachrichtensendungen beschäftigte. Sie beschäftigte aber auch die Fernsehanstalten, die in dem Stoff eine ideale Vorlage für beste Prime Time Unterhaltung sah. Und so wurde der Fall dramaturgisch neu aufgerollt und als Krimidreiteiler unter dem Titel Das Geheimnis des Totenwaldes unters Volk gebracht.

Der Titel ist natürlich schon etwas reißerisch, klingt nach einer Bild-Überschrift. Dabei geht die Bezeichnung nicht auf die Marketingabteilung der öffentlich-rechtlichen Sender zurück. Vielmehr hatte sich der Name Totenwald schon zuvor in den Medien etabliert, was sicher mit ein Grund dafür war, dass der Forst lange von Leuten gemieden wurde, aus Angst, dem Mörder in die Hände zu fallen. In der Serie zumindest geschieht dies aber nicht. Es handelt sich hier eben nicht um einen Thriller, bei dem alle paar Minuten jemand getötet wird. Zwar geht es hier brutal los, doch im Anschluss behandelt die Geschichte vorrangig zwei andere Punkte als die Furcht vor dem Mörder.

Der eine ist, klar, die Suche nach eben diesem. In drei 90-minütigen bzw. sechs 45-minütigen Folgen begibt sich die lokale Polizei auf Spurensuche, verhört ganz klassisch Verdächtige und mögliche Zeugen, sichert Beweise und stellt Hypothesen auf. Nur dass dies hier über einen sehr langen Zeitraum geht, die Serie erstreckt sich wie das Vorbild über drei Jahrzehnte. Das ist eine Menge, zumal in Das Geheimnis des Totenwaldes die Fortschritte überschaubar sind. Immer wieder kommt es zu Rückschlägen, landen Untersuchungen in der Sackgasse, auch weil Beteiligte schlampig arbeiten, kein wirkliches Interesse haben oder es zu Kompetenzfragen kommt – schließlich arbeitet Thomas Bethge für die Hamburger Polizei und hat bei den Niedersachsen deshalb nichts zu sagen. Zumindest teilweise ist die Serie dann auch die Geschichte eines nahezu skandalösen Versagens.

Die Geschichte der Opfer
Drehbuchautor Stefan Kolditz, der zuvor unter anderem an diversen Tatort-Folgen und dem Film So viel Zeit gearbeitet hat, geht es aber weniger darum, einfach nur die damaligen Ermittlungen kritisieren zu wollen. Wichtiger sind ihm die Figuren, die darin verwickelt sind. Das betrifft einerseits die Angehörigen, die mit der Ungewissheit leben müssen, was mit Barbara geschehen ist oder im Fall ihres Ehemanns ständig unter Verdacht stehen. Es betrifft aber auch die Polizei als solches. Die für die Serie hinzugedichtete Anne Bach steht zwar in keinem Bezug zu den Personen des Falles, darf aber als Symbol für Sexismus in der Polizei auftreten. Die lange Geschichte von Das Geheimnis des Totenwaldes ist deshalb mehr als nur ein Krimi. Stattdessen handelt es sich hier auch im ein Langzeit-Gesellschaftsporträt, das im Schatten einer viel älteren Vergangenheit steht, von Rollenbildern und Erwartungen erzählt, die ein Gefängnis sein können.

Das Ergebnis ist durchaus spannend. Selbst wer den Kriminalfall verfolgt hat und deshalb weiß, wie dieser ausgeht, kann sich daran erfreuen, wie Regisseur Sven Bohse (Wendezeit) hier ein Dorf, eine Gegend, gewissermaßen ganz Deutschland seziert und hinter der heilen Fassade ein paar Abgründe entdeckt. Hinzu kommt, dass der Schauplatz sehr atmosphärisch ist, man selbst ohne die Bezeichnung als Totenwald leichte Beklemmungsanfälle bekommt. Ganz ohne Klischees geht das zwar nicht, an der einen oder anderen Stelle wurde zudem etwas dicker aufgetragen. Im Rahmen der oft etwas eintönigen TV-Krimis, mit denen man überschwemmt wird, ist Das Geheimnis des Totenwaldes aber auf alle Fälle einer der sehenswerteren Vertreter.

Credits

OT: „Das Geheimnis des Totenwaldes“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Sven Bohse
Drehbuch: Stefan Kolditz
Kamera: Michael Schreitel
Besetzung: Matthias Brandt, Karoline Schuch, August Wittgenstein, Silke Bodenbender, Nicholas Ofczarek, Jenny Schily, Hanno Koffler, Anne Werner, Janina Fautz, Hildegard Schmahl, Mirco Kreibich

Bilder

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Das Geheimnis des Totenwaldes
„Das Geheimnis des Totenwaldes“ erzählt frei nach einem wahren Krimifall von zwei Doppelmorden und einem Vermisstenfall, welche über Jahrzehnte die Polizei beschäftigte. Die Serie funktioniert dabei einerseits wie ein klassischer Krimi, ist aber auch Gesellschafts- und Zeitporträt, wenn hier die Figuren sehr viel mehr im Vordergrund stehen, als es oft bei solchen Werken der Fall ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Robert Heines

    Habe den Film gerade komplett gesehen, da ich alle Teile aufgenommen habe und ärgere mich gerade über einige Handlungsstränge, die zeitlich verschiedene Ereignisse behandeln und NICHTS miteinander zu tun haben. Da ich selbst in der Nähe der Ortschaften Lüneburg-Adendorf- Brietlingen wohne, kann ich mich noch sehr gut an den Fall erinnern. So ist es nicht richtig, dass der Auftragskiller von St. Pauli, Werner („Mucki“) Pinzner etwas von dem Verschwinden von Birgit Meier wußte, wie uns im ersten Teil des 3 Teilers vorgespielt wird und Herr Sielaff in die schwierige Situation kommt, die Mordanklage gegen ihn (Pinzner) fallen zu lassen im Austausch von angeblichen Informationen zu seiner Schwester. Wie im Film dann auch dargestellt wird, entscheidet er sich dagegen und Werner Pinzner begeht während einer Vernehmung im Polizeipräsidium ein Massaker, in dessen Verlauf der leitende Staatsanwalt, seine Ehefrau und er sich selber erschießt. Das aber passiert (fast auf den Tag) genau 3 Jahre vorher, nämlich am 29.7.1986. Birgit Meier verschwindet aus Brietlingen-Moorburg in der Nacht vom 14.8 auf den 15.8.1989. Weiterhin wurde Wichmann, damals von einem Kripo Beamten angerufen (nicht von seiner Frau, wie im Film dargestellt), mit der Bitte eine verschlossene Tür zu öffnen, zu dem er nur den Schlüssel habe, weilman gerade sein Haus durchsuche und die Tür nicht beschädigen wollte

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