Wendezeit
© rbb/ARD/Volker Roloff

Wendezeit

Wendezeit
„Wendezeit“ // Deutschland-Start: 2. Oktober 2019 (DVD)

West-Berlin, 1989: Saskia Starke (Petra Schmidt-Schaller) führt ein ganz normales Leben, ist glücklich mit Richard (Harald Schrott) verheiratet, hat mit ihm zwei Kinder. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Eigentlich arbeitet sie als Agentin für die CIA, wovon aber niemand etwas wissen darf. Und noch viel weniger darf man wissen, dass Starke gleichzeitig für die Stasi arbeitet, die sie seinerzeit geschickt beim Klassenfeind eingeschleust hat. Ihr Leben als Doppelagentin hat sie dabei erstaunlich gut in Griff. Bis mächtig Ärger droht: Die DDR ist gerade im Begriff sich aufzulösen und ihre über Jahre gepflegte Tarnung droht sich aufzulösen. Und das bedeutet Lebensgefahr, schließlich ist ihr eine Anklage wegen Verrat in dem Fall ziemlich sicher …

Der Fall der Mauer ist bald 30 Jahre her. Das ist nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch um sich zu erinnern. Nicht ohne Grund erscheinen derzeit reihenweise Filme, die sich mit der DDR bzw. der Wende auseinandersetzen. Im Kino starten hierfür das Liebesdrama Zwischen uns die Mauer und der Animationsfilm Fritzi – Eine Wendewundergeschichte. Im Fernsehen mag man es ein wenig brisanter, weshalb die DDR den Thriller Wendezeit ins Rennen schickt. Auch hier dürfen wir dabei sein, wenn Ost-Deutschland implodiert. Nur dass das bei den Figuren nicht unbedingt Jubelarien auslöst.

Fiktion und Wahrheit
Die Geschichte selbst ist dabei fiktiv, Saskia Starke hat es in der Form nicht gegeben. Einen wahren Kern hat der Film aber schon. So wurden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stasi tatsächlich von Verfolgern zu Verfolgten, auch die Geheimnisse rund um das Buchenholz-Spionagearchiv basieren auf tatsächlichen Ereignissen. Um eine allzu wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema handelt es sich bei Wendezeit aber natürlich nicht. Die Hintergründe werden auf ein Minimum beschränkt bzw. auf Diskussionen ausgelagert, die im Rahmen des Themenabends stattfinden. Stattdessen soll hier kräftig gezittert werden, wenn die Protagonistin im Begriff ist, alles zu verlieren.

Um einen reinen Politthriller handelt es sich bei dem Eröffnungsfilm des Festivals des deutschen Films 2019 jedoch nicht. Vielmehr versuchte sich Drehbuchautorin Silke Steiner an einer Mischung aus einem solchen mit einem Drama. Denn es geht eben nicht allein darum, wie hier eine Agentin versucht, sich aus einem Schlamassel zu befreien. Es geht auch um den Privatmenschen, der sich wider besseren Wissens doch in seine Zielperson verliebt hat, aus der arrangierten Beziehung irgendwann eine echte wurde. Das erinnert an den vor einigen Wochen gestarteten Kollegen Die Agentin, der ebenfalls den Zwiespalt eine Spionin mit Geheimidentität zeigte, wenn Berufliches und Privates sich überlappen, gar nicht mehr genau zu sagen ist, was nun wahr, was konstruiert.

Wohin gehöre ich?
Wendezeit versucht da aber noch ein wenig weiterzugehen. Hier sind es eben nicht nur zwei Teile eines Lebens, die heftig aufeinandertreffen. Es sind auch zwei Systeme. Aufgewachsen im Sozialismus, jetzt aber im westlichen Lebensstil zu Hause, ist Starke irgendwo zwischen diesen beiden Welten und Anschauungen gefangen. Glaubt noch immer an die Prinzipien des Sozialismus, selbst wenn die DDR gescheitert ist. Das macht sie irgendwo auch zu einer tragischen Figur, für die es keinen echten Platz zu geben scheint. Die zwar alles hat und doch auch nichts – was von Petra Schmidt-Schaller (Leanders letzte Reise) auch ganz ansprechend gespielt wird.

Die wirklich großen Emotionen ruft Wendezeit dann aber doch nicht hervor. Dafür ist das alles ein bisschen zu brav, zu bieder, zu konventionell. Auch wenn im Land das große Chaos ausbricht, hat man hier das Gefühl, dass alles streng nach Vorschrift geht und jeder Baustein seinen ihm zugeschriebenen Platz bekommen hat. Cineastischer Sozialismus gewissermaßen. Das reicht dann aus, um sich einen gemütlichen Abend daheim vor dem Fernseher zu machen. Wirklich mehr ist hier jedoch nicht drin. Dafür sind die Figuren dann doch nicht interessant genug, auch der Nervenkitzel ist eher ein wenig gedeckt. Für tatsächliche Diskussionen rund um die Wende ist das ohnehin nicht genug.



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In „Wendezeit“ wird eine DDR-Doppelagentin vom Fall der Mauer eiskalt erwischt und muss nun ihre Entlarvung befürchten. Der Film ist dabei einerseits Politthriller, gleichzeitig aber auch Porträt einer Frau, die zwischen zwei Systemen gefangen ist. Das kann man sich ganz gut ansehen, ist letztendlich aber zu brav, um wirklich große Emotionen hervorrufen zu können.
6
von 10