Kritik

Uncle Frank Amazon Prime Video

„Uncle Frank“ // Deutschland-Start: 25. November 2020 (Amazon Prime Video)

Gut war das Verhältnis von Frank Bledsoe (Paul Bettany) zu seinem Vater (Stephen Root) nicht gerade, der Kontakt wurde auf ein Minimum reduziert. Doch als dieser 1973 stirbt, lässt sich Frank, der als Literaturprofessor an einer New Yorker Universität arbeitet, dazu überreden, den weiten Weg in den Süden der USA zurückzulegen, wo seine Familie lebte. Auch seine 18-jährige Nichte Beth Bledsoe (Sophia Lillis) ist mit dabei, die seit Kurzem selbst in New York City studiert und schon immer zu ihrem Onkel Frank aufblickte. Das bedeutet für sie, nicht nur mehr Zeit mit ihm zu verbringen, sondern auch dessen Partner Walid „Wally“ Nadeem (Peter Macdissi) kennenzulernen, von dem niemand in der Familie etwas wissen durfte …

Es ist ein Szenario, das immer wieder gerne in Filmen aufgegriffen wird: Der Tod eines Menschen führt dazu, dass dessen Angehörige aus allen Teilen des Landes zusammenkommen und sich nun mit der eigenen Vergangenheit und unausgesprochenen Gefühlen auseinandersetzen müssen – siehe etwa Manchester by the Sea. Zumindest in Teilen ist das bei Uncle Frank genauso, wenn hier das Familienoberhaupt verstirbt und dessen Sohn die lange Reise nach Hause antritt, an das er nicht unbedingt die positivsten Erinnerungen hat. Dass dies mit seiner Homosexualität zusammenhängt, das ahnt man früh. Allgemein war Frank immer einer, der anders war, der nicht so ganz in die Familie passte und allein deshalb schon große Faszination auf Beth ausübte.

Lange Fahrt ohne Entwicklung
Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit findet in dem Amazon Prime Video Titel Uncle Frank aber etwas anders statt, als man es aus solchen Filmen gewohnt ist. Anstatt wie üblich die Geschichte mit der Rückkehr zu beginnen, hebt sich Regisseur und Drehbuchautor Alan Ball (American Beauty, Six Feet Under) die Begegnung für den Schluss auf. Stattdessen ist sein Drama über weite Strecken ein Roadmovie, der Frank, seinen Freund und die Nichte quer durch die USA reisen lässt. Die Entscheidung ist sicher ungewöhnlich: Oft wird dieses Genre dazu verwendet, um entfremdete Figuren einander näherzukommen. Hier sind es jedoch Figuren, die sich bereits nahestehen, was dazu führt, dass zwischenmenschlich die übliche Entwicklung ausbleibt.

Schade ist dabei vor allem, dass die Beziehung von Beth und Frank nicht so wirklich weiter entwickelt wird. Die Geschichte wird aus der Perspektive der 18-Jährigen erzählt, die gleich zu Beginn auch verrät, wie groß der Einfluss ihres Onkels auf sie ist – obwohl sie offensichtlich nicht viel von ihm weiß. Diese Schwärmerei rückt aber in den Hintergrund, wenn der Film zunehmend die dunklen Seiten des Idols beleuchtet, welche neben einer immer schwelenden Alkoholsucht vor allem das schwierige Verhältnis zum Vater bedeutet. In Flashbacks erfahren wir mehr darüber, Ball nutzt Gespräche und zufällige Szenen, um einen Verarbeitungsprozess des Traumas anzustoßen. Für Familie bleibt da kein Platz mehr.

Schön, aber wenig konsequent
So ganz geht dieses Konzept nicht auf, da oft nicht klar ist, was Uncle Frank denn nun genau sein und sagen möchte. Vor allem der Mittelteil ist doch ziemlich ziellos geraten, irgendwo zwischen Drama und Komödie, zwischen Trauma und Alltag, zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Abgesehen von den sich langsam mehrenden Hinweisen, was zwischen Frank und seinem Vater vorgefallen ist, kommt der Film, der auf dem Sundance Film Festival 2020 Weltpremiere hatte, kaum mehr voran. Er lässt sich Zeit, genießt die Aussicht auf das sommerliche Amerika der frühen 1970er, unterbrochen durch die nicht sonderlich subtilen Rückblicke, die viel Melodram hineinbringen, aber wenig echtes Gefühl. Gerade Beth und damit Sophia Lillis (Es, Gretel & Hänsel) wird viel zu wenig benutzt, wenn sie nur noch ein verschüchterter Fremdkörper auf dem Beifahrersitz ist.

Dafür legt der Film beim Schlussspurt noch einmal kräftig zu und gibt dem Ensemble die Möglichkeit zu glänzen. Hauptaugenmerk liegt dabei natürlich auf Paul Bettany (Solo: A Star Wars Story), der den unverarbeiteten Schmerz durchleben muss. Wobei Ball diese Abgründe nicht zu tief werden lassen will. Stattdessen hat er ein Wohlfühldrama gedreht, das den Zusammenhalt der Familie betont und nicht ohne Grund pünktlich zu Thanksgiving von Amazon ins Programm aufgenommen wurde. Denn hier gibt es von allem ein bisschen, von Licht und Schatten, von Nähe und Distanz, ohne das Publikum überfordern zu wollen. Das kann man dann mutlos finden, gerade zum Ende hin, enthält aber doch einige schöne und emotionale Momente, die gerade in Zeiten wie diesen sehr befreiend sein können und wieder Mut machen für die Zukunft.

Credits

OT: „Uncle Frank“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Alan Ball
Drehbuch: Alan Ball
Musik: Nathan Barr
Kamera: Khalid Mohtaseb
Besetzung: Paul Bettany, Sophia Lillis, Peter Macdissi, Judy Greer, Steve Zahn, Lois Smith, Margo Martindale, Stephen Root

Bilder

Trailer

Interviews

Uncle Frank Amazon Prime VideoIst Homophobie bei Jugendlichen heute noch ein Thema? Und welche Bedeutung hat Familie für sie? Diese unds weitere Fragen haben wir Schauspielerin Sophia Lillis in unserem Interview zu Uncle Frank gestellt. Mit Hauptdarsteller Paul Bettany haben wir unter anderem über die Themen eines nicht-authentischen Lebens und Diversität im Film gesprochen.

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Uncle Frank
„Uncle Frank“ begleitet einen homosexuellen Literaturprofessor, der zusammen mit seinem geheimen Partner und seiner Nichte die lange Reise nach Hause antritt, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen. Der Film mischt dabei Familiendrama und Roadmovie, will gleichzeitig Abgründe aufzeigen und doch Mut machen. Das Ergebnis ist teilweise schön, teilweise aber auch ziellos und vernachlässigt die Beziehung zwischen Onkel und Nichte.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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