In Uncle Frank (seit 25. November 2020 auf Amazon Prime Video) spielt Paul Bettany einen Englischprofessor in den frühen 70ern, der in einer Hochschule in New York City unterrichtet und dessen Familie im Süden der USA nichts von seiner Homosexualität weiß. Als dessen Vater stirbt, tritt er zusammen mit seinem Partner und seiner Nichte die Reise in die Heimat an und muss sich dabei mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Wir haben uns mit dem Schauspieler über seine Rolle unterhalten, über ein nicht-authentisches Leben und was ihn mit seiner Familie verbindet.

Warum hast du die Rolle des Uncle Frank übernommen? Was hat dich an dem Film gereizt?
Ich bin seit Six Feet Under ein großer Fan von Alan Ball. Deswegen war ich sehr aufgeregt, als ich eine E-Mail erhalten habe, in der stand, dass Alan ein Drehbuch geschrieben hat und mir die Hauptrolle anbieten wollte. Mehr noch, ich hatte regelrecht Panik, weil ich der Typ bin, der das Glas immer als halb leer ansieht und deshalb keine großen Erwartungen hatte. Aber ich war sehr glücklich, als ich es gelesen habe, und finde, dass es sehr elegant geschrieben ist mit einer wirklich großartigen Wendung im dritten Akt. Die Schuld und die Scham von Frank, all die Gefühle, die am Ende herauskommen, die Geschichte ist mir sehr nahe gegangen. Ich war danach zwar immer noch nicht davon überzeugt, dass ich diese Rolle wirklich spielen sollte, habe mich aber darauf gefreut, mit Alan über das Buch und die Figur zu sprechen. Und es war ein wirklich tolles und ehrliches Gespräch darüber, ob und wie ich seine Vision für den Film umsetzen könnte.

Die Geschichte spielt vor fast 50 Jahren. Denkst du, dass sie in dieser Form auch heute noch erzählt werden könnte?
Ja, absolut. Solche Geschichten sind inzwischen seltener geworden, aber es gibt sie noch. Tatsächlich habe ich einen Freund, der in der Filmindustrie arbeitet und nach wie vor nicht geoutet ist. Frank ist ein Englischprofessor in New York City, der fast 50 Jahre alt ist. Bei ihm wäre es heute weniger glaubwürdig, dass er seine Homosexualität weiter verbirgt. Deswegen funktioniert seine Geschichte in diesem 70er-Jahre Setting besser. Mit seinem Film wollte Alan einerseits zeigen, wie weit wir in den letzten 50 Jahren gekommen sind, aber auch dass nach wie vor viel zu tun ist.

Was wären denn die nächsten Schritte? Was müsste man tun, damit dein Freund und andere nicht weiter ihre Homosexualität verleugnen müssen?
Das ist eine wirklich große Frage und ich bin nicht sicher, ob ich der Richtige bin, um sie zu beantworten. Aber ich denke zum Beispiel, dass es wichtig ist, in der Popkultur noch mehr Diversität abzubilden.

Indem man Filme wie Uncle Frank dreht, die das Thema Homosexualität aufgreifen.
Genau. Wobei ich denke, dass Uncle Frank nicht allein davon handelt, sondern vielmehr ein Film für alle ist, die ihr Leben aufgrund von gesellschaftlichen Normen oder Druck von außen nicht so ausleben können, wie sie es möchten. Das betrifft ja nicht nur Homosexuelle. Alan und ich haben uns sehr lange über dieses Thema unterhalten.

Dennoch hat ein Film wie Uncle Frank eine gewisse Zielgruppe. Was ist mit den Leuten, die diese Art Filme eben nicht schauen? Wie erreicht man die?
Uncle Frank ist ja nicht Brokeback Mountain, sondern ein Familienfilm. Der Film handelt von einer Familie, in der es sehr unterschiedliche Ansichten dazu gibt, wie jemand sein Leben zu leben hat, die am Ende aber diese Unterschiede überwindet. Alan wollte immer einen Wohlfühl-Familienfilm aus dem Stoff machen.

Frank hat versucht, eben diese Familie hinter sich zu lassen, ist dafür an das andere Ende des Landes gezogen. Dennoch ist der Einfluss immer noch da, trotz der großen Distanz und der vielen Jahre. Ein Teil ist geblieben. Wie groß ist der Einfluss deiner eigenen Familie auf dich? Wie sehr hat sie dich zu dem gemacht, der du bist?
Wahrscheinlich mehr, als ich jemals zugeben würde, im Guten wie im Schlechten. Ich wurde in London geboren und lebe jetzt selbst in New York City, bin also wie Frank damit weit weg von meiner Familie gezogen. Mein Vater war selbst homosexuell, hat sich aber erst mit 63 geoutet und vorher die ganze Zeit ein nicht authentisches Leben geführt. 20 Jahre hat er mit einem Mann verbracht, von dem ich denke, dass er die Liebe seines Lebens war. Als dieser Mann starb, weigerte sich mein Vater wegen seines katholischen Glaubens, über diese 20 Jahre Beziehung überhaupt zu reden. Als dann mein Vater starb, fand ich ihn seiner Tasche ein kleines Fläschchen mit der Asche seines Partners darin. Von dem Mann, um den er nicht einmal öffentlich trauern konnte. Ein solches Leben zu führen, das nicht authentisch ist, hat seinen Preis. Er hat so viel von sich verbergen müssen wegen seines Schamgefühls. Es gibt so viel in ihm, das wir nicht haben sehen dürfen. Ich habe ihn nie wirklich kennenlernen können, so wie er eigentlich war. Er war eine Ansammlung von Anekdoten, keine Geschichte. Und jetzt bin ich hier, spiele einen Mann in einer ganz ähnlichen Situation, stelle mir aber vor, wie anders das alles hätte anders enden können, besser, glücklicher. Insofern: Ja, meine Familie ist ein großer Teil von dem, der ich bin und von dem, was ich tue.

In Uncle Frank ist die Familie Grund für viel Leid, ist aber auch eine wertvolle Stütze, wenn sie zusammen findet. Könntest du uns zum Abschluss noch eine schöne Erinnerung an deine Familie nennen?
Ja, das kann ich, sogar zu meinem Vater! Er war sehr gut darin Geschichten zu erzählen. Das musste er wohl auch, um dieses Leben führen zu können. Auf diese Weise hat er überlebt. Auf jeden Fall erinnere ich mich daran, wie ich mit ihm in Spanien in einem Dinosaurier-Themenpark war. Und er war so gut darin, Geschichten dazu zu erzählen, dass mir das bis heute von ihm geblieben ist. Das ist etwas, wofür ich ihm noch immer dankbar bin.

Zur Person
Paul Bettany wurde am 27. Mai 1971 in London, England geboren. 1990 begann er eine dreijährige Ausbildung am Drama Centre London. Nach mehreren Theaterproduktionen gab er sein Filmdebüt mit einer Nebenrolle im Holocaust-Drama Bent (1997) nach dem gleichnamigen Stück. 2001 folgte mit Ritter aus Leidenschaft seine erste größere Hollywoodproduktion. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen A Beautiful Mind (2001), The Da Vinci Code – Sakrileg (2006) sowie diverse Teile aus dem Marvel Cinematic Universe, wo er als J.A.R.V.I.S. bzw. Vision zu hören und sehen war.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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