Kritik

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

„The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Eigentlich führt die aus Rumänien stammende Maja (Noomi Rapace) ein schönes, ruhiges Leben in einem amerikanischen Vorort, zusammen mit ihrem Mann (Chris Messina) und ihrem Sohn Patrick (Jackson Dean Vincent). Doch diese Ruhe ist vorbei, als sie eines Tages zufällig Thomas (Joel Kinnaman) sieht. Der ist neu in der Stadt, kommt ihr aber erschreckend bekannt vor, meint sie doch in ihm jenen deutschen Soldaten wiederzuerkennen, der ihr und ihrer Schwester während des Zweiten Weltkriegs großes Leid zugefügt hat. Nur mühsam hatte sie die Albträume dieser Zeit in den Griff bekommen, nun scheint alles wieder von vorne anzufangen. Doch dieses Mal will sie nicht tatenlos zusehen, entführt ihn und sperrt ihn in ihrem Keller ein, wo er für seine Taten von damals gerade stehen soll …

Noomi Rapace scheint ein Faible für Figuren zu haben, die psychisch angeknackst sind und bei der Begegnung mit ihrem Trauma gerne einmal Grenzen überschreiten. Vergangenes Jahr spielte sie in Angel of Mine eine Mutter, die ihre verstorbene Tochter wiederzuerkennen meint und dabei zur Stalkerin wird. In The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit wird sie nun zu dem Opfer vergangener Gräueltaten, die Jahre später Rache und Genugtuung sucht, eine Gerechtigkeit für das ihr zugefügte Unrecht. Das ist nicht minder ambivalent, provoziert einerseits Mitgefühl, andererseits Schrecken, wenn sie in ihrem Schmerz auf einmal kein Halten mehr kennt.

Sag die Wahrheit!
Doch der naheliegendste Vergleich ist inhaltlich gesehen natürlich Der Tod und das Mädchen. Damals spielte Sigourney Weaver eine Frau, die als Oppositionelle während einer Militärdiktatur vergewaltigt und gefoltert wurde und Jahre später glaubt, ihrem damaligen Peiniger gegenüberzustehen. In beiden Fällen kommt es zu einer Entführung des Mannes, die Frauen wollen aus dem Gegenüber das Geständnis erzwingen, was sie ihnen angetan haben. Damals hatte dies jedoch mehr von einem Duell, von einem Katz-und-Maus-Spiel, das klaustrophobische Spannung erzeugte mit zwei Gegnern, die sich auf ihre Weise ebenbürtig sind. Bei der Theaterstück-Adaption ging es darum, wer am Ende die Oberhand haben wird.

The Secrets We Keep geht da in eine etwas andere Richtung, was auch damit zusammenhängt, dass die Figuren anders angelegt sind. Hatte Ben Kingsleys Figur damals noch tatsächlich etwas Bedrohliches, wirkt Joel Kinnaman (The Informer) dann doch eher wie ein konturloser Jedermann, den man für eine Kleinstadt-Kampagne angeheuert hat. Er ist nett, attraktiv, harmlos und völlig ohne jegliche Persönlichkeit. Rapace wiederum verkörpert ihre Rolle als jemand, der so traumatisiert und aus dem Gleichgewicht geraten ist, dass dieser die größere Gefahr darstellt. Der Film spielt dann auch lange mit der Möglichkeit, sie könne sich täuschen, hätte in ihrem Wahn einfach nur selbst ein Opfer gebraucht, um irgendwie die lange unterdrückten Erfahrungen verarbeiten zu können. Nicht um das Herausfinden von Wahrheit geht es, sondern um die Bestätigung einer Wahrheit, die für sie alternativlos bleibt.

Zwischen Fremd- und Eigenschuld
Der interessanteste Aspekt dabei ist, wie sich in diese Rachegelüste noch Selbstvorwürfe schmuggeln. Auch wenn The Secrets We Keep doch immer mal wieder B-Movie-Anleihen hat, ist Maja mehr als nur die typische Rape-and-Revenge-Protagonistin. So hat sie mindestens ebenso sehr damit zu kämpfen, dass sie den Zwischenfall überlebt hat, ihre Schwester aber nicht. Der Thriller ist daher nicht allein eine Auseinandersetzung mit der Schuld anderer, sondern auch der eigenen – oder dem, was als Schuld angesehen wird. Tatsächlich tief dringt Regisseur und Co-Autor Yuval Adler (Die Agentin) in diese Auseinandersetzung aber nicht ein, hält es dann doch lieber etwas plakativer, teils manipulativer. Er scheut sich auch nicht davor zurück, zahlreiche Klischees einzubauen, die einem das Gefühl vermitteln, man hätte den Film eigentlich längst schon gesehen.

So richtig spannend ist der Film dann leider auch nicht. Adler gelingt es nicht, aus dem bekannten Szenario wirklich mehr herauszuholen, Momente oder Dialoge zu schaffen, die bleibenden Eindruck hinterlassen oder auch tatsächlich moralisch fordern. Zudem kommt The Secrets We Keep manchmal kaum von der Stelle, wenn die Geschichte sich immer wieder auf Flashbacks stützt und sich dabei im Kreis dreht. Dafür gibt es schöne Bilder: Die idyllischen Heile-Welt-Aufnahmen des Amerikas der 50er Jahre stehen dabei in einem starken Kontrast zum düsteren Keller, der zum Symbolbild wird für all die Geheimnisse, Schmerzen und Traumata, die nach dem Krieg vergraben und verdrängt wurden.

Credits

OT: „The Secrets We Keep“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Yuval Adler
Drehbuch: Ryan Covington, Yuval Adler
Musik: John Paesano
Kamera: Kolja Brandt
Besetzung: Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Chris Messina, Amy Seimetz, Jackson Dean Vincent

Bilder

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The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit
In „The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit“ meint eine rumänische Auswanderin im Amerika der 1950er einen Peiniger aus dem Zweiten Weltkrieg wiederzuerkennen und will aus diesem ein Geständnis herauspressen. Am interessantesten ist der Film noch als Auseinandersetzung mit Schuld und als Symbol für unterdrückte Traumata. Als eigentlicher Thriller fehlt es dann aber doch an Spannung
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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