Die Agentin

„Die Agentin“ // Deutschland-Start: 29. August 2019 (Kino)

Thomas Hirsch (Martin Freeman) war es, der Rachel (Diane Kruger) immer wieder auf Missionen geschickt hatte, zuletzt ging es in den Iran. Doch dort lief es nicht so geplant, als sich die Mossad-Spionin in den Geschäftsmann Farhad (Cas Anvar) verliebte, ausgerechnet den Mann, der eigentlich ihre Zielperson war. Irgendwann verschwand sie, keiner wusste so recht wohin. Nun ist sie zurück, meldet sich mit einer kryptischen Nachricht am Telefon. Nicht nur für Thomas ist das eine heikle Situation. Der komplette Mossad ist in Aufruhr, verfügt Rachel doch über jede Menge kompromittierende Informationen, die um jeden Preis bewahrt werden müssen …

Geheimagenten hat es in Film und Fernsehen im Laufe der letzten Jahrzehnte natürlich nicht zu knapp gegeben, das Publikum ist schließlich immer dafür zu haben, wenn sich echte Helden in brisante Situationen begeben, aus denen sie sich wieder befreien mussten. Die Charaktere waren dabei mitunter sehr unterschiedlich, mussten meistens nur wenige Anforderungen erfüllen: männlich, weiß und gutaussehend, damit sie ganz nebenher noch ein paar Frauen um den Finger wickeln können. Frauen gab es in der Position eher selten, Figuren wie Emmal Peel aus Mit Schirm, Charme und Melone waren eine Ausnahme – und nicht einmal wirkliche Agentinnen.

Eine Agentin wie keine
Allein deshalb schon sticht Rachel aus dem Angebot hervor, zumal sie ganz anders ist als ihre berühmte Kollegin. Rachel hat keinen coolen Spruch auf den Lippen, ist allgemein alles andere als cool. Sie ist unscheinbar, trotz optischer Qualitäten, wirkt wie jemand, der nur ganz zufällig an einem Ort auftaucht, was zweifelsfrei der Arbeit als Agentin auch zugutekommt. Die Agentin verzichtet dann auch auf große Actionszenen. Wirklich brisant wird es in den knapp zwei Stunden nur selten. Und selbst wenn dann doch mal etwas auf dem Spiel steht, hält sich die Spannung in Grenzen, dafür werden die entsprechenden Momente von Regisseur Yuval Adler zu wenig in Szene gesetzt.

Die Adaption eines Romans von Yiftach Reicher Atir, der selbst früher für den israelischen Geheimdienst tätig war, ist sehr viel stärker an Rachel interessiert als an ihrer Arbeit. Dabei ist Die Agentin, das auf der Berlinale 2019 Weltpremiere hatte, kein Charakterporträt im eigentlichen Sinn. Denn das ist ja die Krux an diesem Beruf: Du darfst eigentlich niemand sein. Deine Aufgabe ist es, eine erfundene Person zu verkörpern, die es so gar nicht gibt, um andere damit zu täuschen. Was macht dies aber mit dir? Was wird aus einem Menschen, der kein Mensch sein darf und alles vor anderen verstecken muss?

Die Protagonistin als Fremdkörper
Die Agentin ist dann über weite Strecken auch mehr Drama als Thriller, der Titel wird da bei dem Publikum eventuell falsche Erwartungen wecken. Aber auch das Drama ist da eher zurückgenommen. Die Themen, die der Film verarbeitet, werden nur selten wirklich angesprochen. Vieles erschließt sich aus der Situation, nicht aus Dialogen. Das ist durchaus gewagt, überträgt die komplette Verantwortung dem Mienenspiel von Diane Kruger (Aus dem Nichts). Meistens funktioniert das ganz gut: Die Momente, in denen Rachel an sich und ihrer Aufgabe zweifelt, werden deutlich. Ebenso das Gefühl, nirgends wirklich hinzugehören. Wie viel bin ich bereit, für meine Aufgabe zu opfern? Wie gehe ich mit dem Tod unschuldiger Menschen um? Ist es das alles überhaupt wert?

Doch trotz der zweifelsfrei spannenden Themen, zwischenzeitlich zieht sich Die Agentin. Eben weil der Film auf Action verzichtet und die Konflikte von Rachel nicht nach außen trägt, gibt es nicht wirklich viel, womit das Publikum arbeiten kann. Eine Figur, die keinen Charakter haben darf und nicht viel zu tun bekommt: Das wird manche sicher langweilen, trotz der prominenten Besetzung. Daran ändert auch die etwas umständlich über Rückblenden erzählte Geschichte nichts, die zudem nicht alles beantwortet. Und doch ist die Romanadaption eine interessante Alternative zum Agenteneinerlei und hat ganz unabhängig von dem Szenario Gedanken und Fragen zu Identität auf Lager, über die es sich ein bisschen nachzugrübeln lohnt.



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Die Agentin
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Die Agentin
„Die Agentin“ erzählt in Rückblenden, wie sich eine Mossad-Spionin in eine Zielperson verliebt. Das ist weder so romantisch noch so spannend, wie es sich anhört. Der Film ist auch weniger Thriller als Drama, wenn im Mittelpunkt ein Mensch steht, der kein Mensch sein darf, und die damit verbundene Frage: Was genau macht das eigentlich mit dir, immer ein anderer zu sein?
6von 10

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