Kritik

Raggie

„Raggie“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Die sechsjährige Ruby ist todunglücklich, als sich die Sommerferien dem Ende zuneigen. Denn das bedeutet, dass ihr älterer Bruder Mark zurück in die Schule gehen und deshalb keine Zeit mehr für sie haben wird. Doch bevor es soweit ist, fertigt er ihr zum Trost aus Lumpen eine Puppe an, mit der sie spielen kann. Ruby nimmt diese auch dankbar an, sieht in ihr eine neue beste Freundin. Zu ihrer großen Überraschung hat das Spielzeug jedoch ungeahnte Kräfte und plaudert munter drauflos. Noch verwirrender ist nur, dass sie offensichtlich die einzige ist, die ihre Stimme hören kann. Aber egal, man kann auch zu zweit Spaß haben! Dabei ist Ruby nicht bewusst, dass sie sich dadurch zunehmend von Mark entfremdet …

Ein Familienabenteuer aus einer anderen Zeit
Ein bisschen nostalgisch darf man schon sein beim Anschauen von Raggie. Auch wenn es keinen zeitlichen Kontext für die Geschichte gibt, so ist doch klar, dass der Animationsfilm inhaltlich aus einer anderen Zeit stammt. Im gesamten Film gibt es keine Alltagstechnik, keine sozialen Medien. Stattdessen steht ein Mädchen im Mittelpunkt, ihre Freundschaft zu einer Puppe, das Verhältnis zu ihrem Bruder. Da werden Abenteuer erlebt, indem man die Welt da draußen erkundet. Fantasie spielt eine sehr große Rolle. Das hat auch mit der Vorlage zu tun: Der Film basiert auf einem Kinderbuch von Eno Raud aus den 1960ern, das früher mal unter dem Titel Flickerl in Deutschland erhältlich war. Und damals war vieles eben noch anders.

Wobei Raggie nicht allein ein idealisierendes Relikt vergangener Zeiten sind. Die in dem Film angesprochenen Themen sind vielmehr zeitlos, lassen sich im Grunde auch auf die Gegenwart übertragen. Oft geht es in dem Film um Einsamkeit und Zurückweisung. Erst ist es Ruby, die sich durch den Weggang ihres großen Bruders alleine fühlt und offensichtlich keinen Freundeskreis hat, der diesen Verlust auffangen würde. Aber auch Mark sehnt sich nach geschwisterlicher Nähe. Interessant ist, wie die Geschichte sich später quasi umkehrt, es nun Mark ist, der sich verlassen fühlt, nachdem Ruby nur noch Augen für die Puppe hat.

Eine Puppe auf Abwegen
Zumindest in der ersten Hälfte ist die dänisch-estnische Coproduktion ein schöner Familienfilm, der einfühlsam von zwischenmenschlicher Dynamik erzählt, von dem Wunsch nach Anschluss und Geborgenheit. Die Puppe selbst ist während dieser Zeit in erster Linie ein Symbol für die Annäherung und Entfremdung der Geschwister. Von daher ist es schon schade, wenn sich im späteren Verlauf der Fokus stark verschiebt und auf einmal die Puppe selbst im Mittelpunkt steht. Was zuvor ein leiser Film war, sucht nun stärker das Abenteuer und erhöht noch einmal den Fantasy-Aspekt. Das ist einerseits verständlich, um bei der jungen Zielgruppe noch Spannung zu erzeugen. Und es führt schon das Thema fort, indem das belebte Spielzeug seine eigene Verantwortung in der Welt erkennt. Dennoch bricht die Geschichte an der Stelle etwas auseinander und verliert das Wesentliche aus den Augen.

Dafür ist Raggie visuell aus einem Guss. Der Film entstand zwar am Computer, orientiert sich vom Look aber an klassischen Zeichentrickfilmen. Das ist technisch sauber, wenn auch eher schlicht, gefällt durch die Designs und die freundliche Farbgebung. Zusammen mit den positiven Grundaussagen und den regelmäßigen, eingängigen Liedern gibt es daher schon genügend Gründe, warum der auf zahlreichen Festivals gezeigte Film – darunter das Schlingel Filmfest 2020 – für Eltern ein Blick wert sein sollte, die für ihren Nachwuchs unbedenklichen, dabei aber nicht banalen Stoff suchen. Zudem ist das Werk angenehm kurz gehalten, gerade einmal 75 Minuten dauert der Ausflug in eine Kindheit, die alltäglich und außergewöhnlich zugleich ist.

Credits

OT: „Sipsik“
Land: Dänemark, Estland
Jahr: 2020
Regie: Karsten Kiilerich, Meelis Arulepp
Drehbuch: Karsten Kiilerich, Aina Järvine
Vorlage: Eno Raud
Musik: Liina Sumera, Ewert Sundja

Bilder

Trailer

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Raggie
In „Raggie“ bekommt ein Mädchen von ihrem älteren Bruder eine selbst gemachte Puppe, die sprechen kann – aber nur wenn sonst niemand dabei ist. Der schlicht gehaltene Animationsfilm, der auf einem älteren Kinderbuch basiert, ist über weite Strecken ein schöner, einfühlsamer Film über das Verhältnis zweier Geschwister, bevor die Geschichte im letzten Drittel unnötig vom Weg abkommt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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