Kritik

Das Verhör in der Nacht

„Das Verhör in der Nacht“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (Arte) // 30. November 2020 (ZDF)

Eigentlich war Philosophie-Professorin Judith (Sophie von Kessel) bereits auf dem Weg zu ihren Eltern, um mit diesen Weihnachten zu feiern. Ihre Sachen sind gepackt, sie hat aus dem Hotel ausgecheckt. Doch wo ist das Taxi, das eigentlich vor der Tür auf sie warten sollte? Abbestellt, erklärt ihr Thomas (Charly Hübner), der auf einmal vor ihr steht und sich als Polizist ausgibt. Er habe nur ein paar Fragen, versichert er ihr, weshalb sie ihm, wenn auch zögerlich, zurück ins Hotel folgt. Doch aus diesen paar Fragen wird ein nervenaufreibendes Verhör, denn es stehen jede Menge Menschenleben auf dem Spiel – und es bleibt nur noch wenig Zeit …

Weihnachten im Fernsehen, das bedeutet meist Märchen, Liebesgeschichten oder Animation für die Kleinen. Doch es geht auch anders, wie Das Verhör in der Nacht vormacht. Hier wird das Fest der Liebe zum Schauplatz eines Kampfes, der viele Facetten enthält. Es ist ein Kampf der Ideologien und um die Legitimität von Gewalt. Es ist ein Kampf der Worte, wenn zwei Menschen darum ringen, wer die Deutungshoheit hat. Aber es ist auch ein persönlicher Kampf, der sich um Emotionen dreht, um Aufopferung und die Frage, was wir bereit sind für andere aufzugeben. Mit Weihnachten an sich hat das zwar weniger zu tun. Als Kulisse spielt es jedoch immer wieder mit ein, der Kontrast zwischen zeitlichem Setting und Inhalt könnte inhaltlich nicht größer sein.

Das Hotelzimmer als Bühne
Ausgedacht hat sich dieses Szenario der Autor Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt, Ich und Kaminski), auf dessen Theaterstück der Film basiert und der auch das Drehbuch geschrieben hat. Dass die Geschichte eigentlich auf einer Bühne zu Hause ist, das merkt man ihr zu jeder Zeit an. Zum einen spielt sich ein Großteil von ihr in dem Hotelzimmer ab, das zum Ort des Verhörs wird. Aber auch die Dialoge hören sich nur selten nach etwas an, was Menschen in der Realität von sich geben würden. Zum Teil ist das natürlich den Figuren als solchen geschuldet – von einer Philosophie-Professorin wird es fast schon erwartet, in anderen sprachlichen Sphären unterwegs zu sein. Zum Teil sind die Dialoge aber auch nur ein Mittel zum Zweck für die inhaltliche Auseinandersetzung, weshalb so manches hier aus dem Zylinder gezaubert wird, bei dem man sich fragt, wie es überhaupt da hinein gekommen ist.

Aber in Das Verhör in der Nacht geht es eben nicht darum, zwei Menschen in einer authentischen Situation zu zeigen, sondern sich mit ganz grundsätzlichen Fragen zu beschäftigen, illustriert an einem Beispiel. Das erinnert an diverse andere TV-Diskussionsfilme wie kürzlich Gott zum Thema Sterbehilfe oder Ökozid, in dem es um die Frage geht, ob ein mangelnder Klimaschutz Klagegrund ist. Hier nun stehen zwei Faktoren gegenüber, die schon seit Jahren im Streit miteinander sind: Freiheit und Sicherheit. Vor allem die Ausweitung von Überwachung im Folge der zahlreichen terroristischen Anschläge der letzten zwanzig Jahre wird immer wieder kontrovers diskutiert. Aber auch: Ist Gewalt gerechtfertigt, um weitere Gewalt zu verhindern?

Die Frage der abstrakten Bedrohung
Das Verhör in der Nacht bleibt in der Hinsicht jedoch vergleichsweise abstrakt, versucht auch nicht, das Publikum auf billige Weise zu manipulieren: Hier gibt es keine dramatische Musik oder einen Countdown, der bis zum Knall eifrig mitzählt. Das liegt auch daran, dass Kehlmann offen lässt, ob es diese Bedrohung überhaupt gibt, was die Maßnahmen noch einmal ambivalenter werden lässt. Selbst wer sich zu der Entscheidung durchringen konnte, dass Gewalt und die Aussetzung von Menschenrechten in manchen Situationen gerechtfertigt sind, wenn es um das Gemeinwohl geht, kommt hier in Rechtfertigungsnöte. Der Film gibt dem Publikum eben nicht den Freischein, einfach mal ein Auge zuzudrücken, nach dem Motto: Ist ja gut gegangen!

Das wird nicht unbedingt allen gefallen. Das Verhör in der Nacht behält trotz vereinzelter persönlicher Ausflüge eine distanziert-hypothetische Haltung bei, die zuweilen schon ins Surreale reicht. Anders als bei den obigen TV-Kollegen, die sich ebenfalls in erster Linie dem Diskurs verschrieben haben anstatt dem Narrativen, ist das hier aber durchweg spannend. Das ist in erster Linie ein Verdienst des Schauspielduos: Sophie von Kessel und Charly Hübner (Hausen) holen sehr viel aus dieser Duellsituation heraus, belauern sich, versuchen bei aller Konfrontation ihre Höflichkeit beizubehalten. Hier gibt es kein Geschrei, keine Good-Cop-Bad-Cop-Spiele, sondern ein ausgiebiges Spiel mit den Schatten, bei dem bis zum Schluss offen bleibt, wie weit Thomas gehen würde und ob Judith das ist, was ihr vorgeworfen wird.

Credits

OT: „Das Verhör in der Nacht“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Matti Geschonneck
Drehbuch: Daniel Kehlmann
Vorlage: Daniel Kehlmann
Musik: Nikolaus Glowna
Kamera: Judith Kaufmann
Besetzung: Charly Hübner, Sophie von Kessel

Bilder

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Das Verhör in der Nacht
In „Das Verhör in der Nacht“ befragt ein Polizist eine Philosophie-Professorin in einem Hotelzimmer, beim Versuch, viele Menschenleben zu retten. Die Diskussionen im Spannungsfeld von Sicherheit und Freiheit sowie der Rechtmäßigkeit von Gewalt sind zwar meistens eher hypothetisch bis abstrakt. Spannend ist der TV-Thriller aber auch so, vor allem dank des Schauspielduos, das viel aus der verbalen Duellsituation herausholt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

3 Responses

  1. Daniel Mehlmann

    Der Film klingt interessanter als das Endprodukt leider ist…Ich mag eigentlich Krimi-Kammerspiele im TV und Kino. Diese haben auch eine lange Tradition, die noch weit hinter Karmakars „Der Totmacher“ (1995), Lumets „The Offence“ (1973) oder Hitchcocks „Rope“ (1948) zurückreicht. Auch Friedrich Dürrenmatt hat ein paar philosophisch angehauchte Krimi-Kammerspiele für das Radio geschrieben. Originalität kann diese Form also wirklich nicht mehr beanspruchen, aber wenn es gut gemacht ist, wirkt es immer. Leider haben Regisseur und Drehbuchautor (Kehlmann selber) penetrant den Bühnen-Hintergrund des Stoffs durchscheinen lassen und alles theatralisch überhöht, was dem angestrebten Realismus (Breitscheidplatz-Attentat und Pariser Terror werden erwähnt) zuwiderläuft. Weder die Dialoge, noch die Besetzung können die letztlich trivialen Konflikte (Freiheit oder Sicherheit ? Was machen ein paar Terror-Tote, wenn Autos jedes Jahr 25.000 töten ? Nichts !) wirklich lebendig machen, weil alles wie der ‚frischen Tageszeitung‘ entnommen wirkt. Die Idee mit Philosophie-Professoren, die plötzlich Lust auf Terror kriegen hat Kehlmann wohl auch vom Fall Abimael Guzman in Peru entnommen, wo der Kampf zwischen Arm und Reich auch was bedeutete, nicht wie in Deutschland, wo es im Wesentlichen linke Poserei ist. John Malkovich hat mit der Verfilmung von Nicholas Shakespeares „The Dancer Upstairs“ (2002) einen guten Film daraus gemacht und es gab auch mehrere interessante Dokus darüber wie „Operation Victoria: The Fall of Shining Path“ (2011). Ich bin mir sicher, dass Daniel Kehlmann einige davon gesehen hat ? Nichts an diesem Produkt ist also künstlerisch gewagt oder neu, aber wenn es nicht in so einer abstoßenden ‚Berliner Schule‘ Ästhetik inszeniert wäre, wäre es sicher überzeugender gewesen. Was mir aber gefallen hat als Hobby-Erforscher des linken deutschen Terrorismus ist, dass man aus ihrem Ex-Ehemann und potentiellen Terroristen scheinbar einen Soziologen gemacht hat ? Tatsächlich ist es bemerkenswert wieviele der damaligen Rote-Armee-Fraktion-Mörder Soziologie studiert haben oder sich in ihrem Dunstkreis zur Lust am ‚gerechten Morden‘ erziehen ließen. Die Korrelation zwischen dem Fach Soziologie und Linksradikalismus, RAF und Terror ist verblüffend, wenn man sich Zahlen und Namen ansieht. Was noch verblüffender ist, aber leider in diesem Film nicht vorkommt, ist das nicht wenige der ‚Informellen Mitarbeiter‘ und Agenten des DDR-Auslandsgeheimdienstes Soziologie studiert haben. Meine Frage: Kann es sein, dass das nur scheinbar wissenschaftliche Universitätsfach Soziologie in
    Wirklichkeit eine getarnte Rekrutierungsstelle von Sozialisten in der BRD war ? Es wurden leider nur einige ‚akademische Mitarbeiter‘ als DDR-Spitzel enttarnt (Andrej Holm z.Bsp.), aber es waren wohl weit mehr. Über dieses Thema würde ich gerne ein Kammerspiel sehen, aber diesmal bitte die Soziologen auf den Vehörstuhl. Als Grundlage ist Hubertus Knabes „Die unterwanderte Republik“ ein solider Anfang. Danke.

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  2. Margot

    Ich fand den Film sehr interessant, die schauspielerischen Leistungen haben mich überzeugt und an den Fernseher gefesselt.
    Vielleicht war ich später dann müde, aber ich habe tatsächlich das Ende nicht verstanden.

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  3. Lieschen Müller

    Ich habe mir den Film angesehen ohne das Bühnenstück zu kennen. Großartig fand ich die beiden Darsteller, deshalb gelang es mir auch, mich auf die Dialoge bis zum Ende zu konzentrieren. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht allein darum ging, ein Attentat zu verhindern, sondern um die enorme Stärke der Frau, die es sie ertragen ließ, derartig und zu einem solchen Zeitpunkt befragt zu werden. Der einzig mögliche Anruf ging an ihren „Mittäter“, ihren Ex, der ihr dann auch noch eine Liebeserklärung durchs Telefon haucht. Also, für mich scheint es, dass diese Kraft oder Nervenstärke auf dieser Tatsache ihre Basis hat. Was das nun mit Verlässlichkeit zu tun hat, bleibe dahingestellt, wird aber irgendwie auch mit angeschnitten.

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