Kritik

Gott

„Gott“ // Deutschland-Start: 23. November 2020 (Das Erste) // 26. November 2020 (DVD)

78 Jahre ist Richard Gärtner (Matthias Habich) inzwischen, für sein Alter aber noch in guter Verfassung. Abgesehen von den kleineren Wehwehchen hat er keine körperlichen Beeinträchtigungen, leidet auch keine Schmerzen. Und doch: Er hat genug vom Leben. Seitdem seine Frau vor einigen Jahren gestorben ist, erscheint ihm die Welt leer und sinnlos. Zudem will er nicht wie sie vor dem Tod dahinsiechen müssen. Und so bittet er seine Hausärztin Dr. Brandt (Anna Maria Mühe), ihm ein Mittel zu verschreiben, mit dem er Selbstmord begehen kann. Da diese das aber nicht mit ihren Überzeugungen als Medizinerin in Einklang bringen kann, wird der Fall exemplarisch vor dem Ethikrat diskutiert. Dabei lässt die Vorsitzende (Barbara Auer) nicht nur Gärtner und Brand zu Wort kommen, sondern auch Anwalt Biegler (Lars Eidinger), Ärztekammerchef Sperling (Götz Schubert), Verfassungsrechtlerin Prof. Litten (Christiane Paul) und Bischof Thiel (Ulrich Matthes), die alle unterschiedliche Meinungen vertreten …

Ferdinand von Schirach ist ganz gerne mal dabei, wenn es um Grundsatzfragen des Rechtes geht und den Unterschied zum eigenen Rechtsempfinden geht. Letztes Jahr lief Der Fall Collini im Kino, bei dem ein Opfer zum Täter wurde, nachdem ihm zuvor Gerechtigkeit versagt geblieben ist. Bei Terror – Ihr Urteil ging es um die Frage, ob man ein entführtes Passagierflugzeug abschießen und damit unschuldiges Leben auslöschen darf, um andere Leben zu retten. Besonders perfide dabei: Der TV-Film verband die gerichtliche Debatte, ob das eine Heldentat oder Mord war, mit einer Befragung des Publikums, das selbst darüber entscheiden sollte, wie der Urteilsspruch am Ende ausfällt.

Darf man beim Selbstmord helfen?
In eine ähnliche Richtung geht nun auch Gott. Zwar findet die Debatte hier nicht vor einem Gericht statt, wie immer wieder betont wird. An der Machart ändert das aber wenig. Zwei Seiten treten auf, die um das für und wider von Selbstmord streiten, speziell die Hilfe zum Selbstmord. Ein Urteil des Verfassungsgerichtes kam im Februar dieses Jahres zum Schluss, dass diese Hilfe nicht verboten werden darf, da die Selbstbestimmung der Einzelnen ein Recht wäre, das ihnen Staat und Gesellschaft nicht nehmen dürfen. Doch wird aus einem fehlenden Verbot gleichzeitig ein Gebot? Sollten Ärzte und Ärztinnen dem Wunsch nachkommen? Und wo legt man die Grenze fest, was bei einer solchen Hilfe noch erlaubt ist?

Dass derart existenzielle und umfassende Fragen keine leichten Antworten mit sich bringen können, ist klar. Gott zeigt dann auch verschiedene Ansätze, wie man sich dem Thema annähern kann. Da gibt es einerseits den medizinische Zugang, andere argumentieren eher auf einer philosophischen Ebene. Und auch die Kirche hat einiges zu dem Thema zu sagen, widerspricht eine solche Handlungsfreiheit doch dem eigenen Anspruch, dass alles letztendlich in Gottes Hand zu liegen hat. Während die Befürworter und Befürworterinnen eines frei gewählten Todes die Selbstbestimmung über das eigene Leben an oberster Stelle sehen, ist für andere eine Einbindung in das Kollektiv wichtiger. Die These: Ein Mensch gehört sich eben nicht nur selbst.

Ein nüchterner Streit
Vereinbar sind die beiden Positionen nicht, weshalb die Diskussionen grundsätzlich nicht zu etwas führen können. Vielmehr besteht der Film oft darin, wie Lars Eidinger (Persischstunden) als arroganter Anwalt die Argumentation der anderen angreift, sich teils über sie lustig macht. Auch wenn hier keine Gerichtsverhandlung in dem Sinne gezeigt wird, so versuchen die Teilnehmenden doch zu „gewinnen“. Der persönliche Faktor kommt dabei recht kurz. Gärtner wird zwar zu Beginn exemplarisch vorgeschoben, damit die Diskussion nicht ganz so abstrakt ist. Dennoch bleibt Gott sehr auf Distanz, ist trotz des sehr menschlichen Themas keine Begegnung von Menschen, sondern von Ideen und Weltsichten. Eine Gegenüberstellung von Bullet Points, die sich nur als Spielfilm tarnt.

Das ist in erster Linie für ein Publikum interessant, das vielleicht selbst noch keine Position zu dem Thema gefunden hat oder zumindest offen genug ist, noch einmal andere Meinungen zu hören. Während beispielsweise die Beschäftigung mit der Religionsgeschichte nur die Erkenntnis befördert, dass die Kirche sehr willkürlich handelt und keiner Logik standhält, sind andere Einwände deutlich spannender. Da wird die Natur einer Gemeinschaft hinterfragt, aber auch davor gewarnt, dass neue Möglichkeiten Einflüsse auf die Erwartungen haben können. Besteht die Gefahr, dass aus einem „kann sterben“ ein „soll sterben“ wird? Und wie lässt sich festlegen, ob ein Leben lebenswert ist? Das neigt dann, wie so oft bei von Schirach, zur Vereinfachung und Populismus, bietet aber die Möglichkeit, sich etwas umfassender mit einem Thema auseinanderzusetzen, das ebenso schwierig wie bedeutsam ist.

Credits

OT: „Gott“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Ferdinand von Schirach
Kamera: Frank Griebe
Besetzung: Barbara Auer, Lars Eidinger, Matthias Habich, Ulrich Matthes, Anna Maria Mühe, Christiane Paul, Götz Schubert, Ina Weisse

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Gott
In „Gott“ wird vor dem Ethikrat diskutiert, ob Ärzte und Ärztinnen bei einem Selbstmord helfen sollten oder nicht. Die Auseinandersetzung ist dabei weniger ein Spielfilm, sondern vielmehr eine distanzierte, mitunter auch populistische Abarbeitung der unterschiedlichsten Ansichten, bietet aber die Grundlage für Diskussionen über ein schwieriges Thema.
6von 10

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