Kritik

Asia

„Asia“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Als alleinerziehende Mutter versucht Asia (Alena Yiv) sich und ihre Tochter Vika (Shira Haas) mit ihrem Job als Krankenschwester zu ernähren. Nebenbei hilft sie einer Bekannten bei der Pflege einer Bewohnerin in ihrem Apartmentblock, kommt meist sehr spät nach Hause, um dann einige wenige Stunden noch mit ihrer Tochter zu verbringen, welche meist die Nachmittage mit ihren Freunden in Skaterparks oder in Stadtparks verbracht hat. Mutter und Tochter verstehen sich trotz des stressigen Jobs der Mutter nach wie vor gut, doch es hängt ein Schatten über ihnen, denn um Vikas Gesundheit ist es nicht gut bestellt. Immer wieder ist die junge Frau krank oder hat einen Anfall, weil sie verbotenerweise Alkohol getrunken oder geraucht hat. Nach einem besonders schweren Anfall muss Vika dann doch ins Krankenhaus, wo der behandelnde Arzt Asia die Hiobsbotschaft vermittelt: ihre Tochter wird noch weiter abbauen, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage sein wird, selbstständig zu atmen. Asia beginnt nun ihren Urlaub zu nehmen, ihre Schichten im Hospital aufzuteilen, um nun für ihre Tochter da zu sein und mit ihre die vielleicht letzten Monate ihres Lebens zu verbringen.

Zur Mutter werden
Nach zwei international gefeierten Kurzfilmen legt Regisseurin Ruthy Pribar mit Asia, der nun im Programm des Filmfestivals Mannheim-Heidelberg vertreten ist, ihr Langfilmdebüt vor, das bereits mit dem Nora Ephron Preis auf dem Tribeca Film Festival geehrt wurde. In dem intimen Mutter-Tochter-Drama geht es vor allem um die Verantwortung, die man für anderen Menschen hat und diese wahrzunehmen, wie Pribar in ihrem Statement zum Film beschreibt. Es ist ein Projekt, welches von der Biografie der Regisseurin stark inspiriert wurde, vom Sterben ihrer Schwester, der Trauer um den Verlust aber auch von der Hilflosigkeit, die man als Angehöriger empfindet.

Speziell die Hilflosigkeit ist eines der zentralen Themen der Geschichte und vielleicht eine der schlimmsten Erfahrungen in einem Leben wie dem, welches Asia führt. Gewohnt anderen Menschen zu helfen, die sich nicht mehr alleine helfen können, übernimmt sie im übertragenen Sinne eine Funktion, die gerade ihre Tochter mehr denn je benötigt. Die beiden Leben, die Asia gerade in dessen erster Hälfte zeigt, wirken wie Erzählungen von zwei Frauen, die sich nur für wenige Momente begegnen, sich über ihren Tag austauschen, nur um sich dann wenig später wieder voneinander zu verabschieden. Beide Leben sind definiert von einem Anspruch auf Unabhängigkeit, von einem Alter, in welchem es normal ist, diese zu entdecken und einzufordern und von einem Job, der diese ermöglicht.

Hier zeigt sich eine besondere Stärke von Pribars Film, nämlich seine Prägnanz. Während sich andere Dramen im Elend, im Zuteilen von Opferrollen und langen Wortgefechten zwischen den Protagonisten ergehen, braucht es bei Pribar noch nicht einmal 90 Minuten und oft nur wenige Einstellungen, um das zum Verständnis nötige auszusagen. Die bereits erwähnten Leben der beiden Protagonistinnen und was diese ausmacht, wird in wenigen, sehr aussagekräftigen Bildern definiert, bei denen meist wichtig bleibt, was gezeigt oder verschwiegen wird. Wenn Vika das Angebot ihrer Freundin, einen Schluck aus der Wodkaflasche zu nehmen, zuerst ablehnt und dies dann doch wenige Moment später tut, sagt dies mehr als tausend Worte über das, was in dem Teenager vorgeht.

Von Starken und Schwachen
Es gibt noch ein anderes Element, welches Asia von vielen anderen Produktionen unterscheidet, nämlich das Zulassen von Schwäche als Stärke zu erkennen. Während Hilflosigkeit und Schwäche, sowohl körperliche wie auch emotionale, keinen Platz haben im Leben der beiden Frauen, ist es die Krankheit Vikas, die beide wieder zueinander bringt. Stärke bedeutet Leben, bedeutet hinauszugehen, Sex zu haben, zu tanzen und zu lernen, wie man Skateboard fährt, doch als dies nicht mehr geht, eröffnet dies eine wichtige Verbindung zwischen Mutter und Tochter.

Besonders hervorzuheben sind in Asia ganz besonders Alena Yiv und die aus Unorthodox bereits bekannte Shira Haas. Nicht nur sind die beiden Schauspielerinnen wegen ihrer Ähnlichkeit ein überzeugendes Mutter-Tochter-Gespann, es gelingt ihnen auch glaubhaft und sehr berührend die Annäherung dieser beiden Frauen zu spielen, die Schwäche zulassen müssen, um wieder zueinander zu finden.

Credits

OT: „Asia“
Land: Israel
Jahr: 2020
Regie: Ruthy Pribar
Drehbuch: Ruthy Pribar
Musik: Karni Postel
Kamera: Daniella Nowitz
Besetzung: Alena Yiv, Shira Haas, Tamir Mulla

Bilder

Trailer

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Asia
"Asia" ist ein intimes, berührendes Mutter-Tochter-Drama. Dank seiner formalen Prägnanz und den überzeugenden Darstellern gelingt Regisseurin Ruthy Pribar ein starkes Drama, welches seinen Zuschauer erschüttert und packt bis zu seinen letzten Minuten.
8von 10

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