Kritik

Albträumer

„Albträumer“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Für die 17-jährige Rebekka (Sarah Mahita) bricht eine Welt zusammen, als sich ihr Bruder Dennis (Andreas Warmbrunn) das Leben nimmt. Eine Erklärung gibt es für sein Verhalten nicht, es wird nicht einmal darüber gesprochen. Dafür wurde schnell ein Schuldiger ausgemacht: Vincent (Béla Gabor Lenz). Mit ihm war Dennis am besagten Tag zusammen, er muss es auch gewesen sein, der ihn dazu überredet hat – davon sind zumindest Rebekkas Eltern überzeugt. Als sie später anfängt, Zeit mit ihm zu verbringen, sind diese dann auch entsetzt und wollen ihr unter allen Umständen den Umgang verbieten. Doch die Jugendliche hält an diesen Treffen fest. Nicht allein, dass sie auf diese Weise mehr über ihren verstorbenen Bruder erfährt. Sie entwickelt zudem nach und nach Gefühle für Vincent …

Wie mit dem Tod eines geliebten Menschen umgehen? Diese Frage wird die meisten irgendwann einmal im Laufe ihres Lebens beschäftigen, besonders wenn es sich um einen sehr plötzlichen Tod handelt, man sich auf diesen also nicht vorbereiten konnte. Einer der schlimmsten dieser plötzlichen Tode ist, wenn sich die Person selbst getötet hat. Das bedeutet nicht nur den Verlustschmerz, sondern auch quälende Fragen nach dem „warum“, oft verbunden mit Selbstvorwürfen. Schließlich besteht immer die Ungewissheit, ob man diesen Selbstmord nicht hätte irgendwie verhindern können, ob man selbst genug getan hat.

Die Flucht vor der Wahrheit
Albträumer handelt von einer solchen Situation, wenn der Selbstmord eines Jugendlichen eine Familie und die Dorfgemeinschaft erschüttert. Das geht hier jedoch weniger mit Introspektion und Selbstzweifeln einher. Stattdessen schildert Regisseur und Co-Autor Philipp Klinger bei seinem Spielfilmdebüt, wie sich eben niemand wirklich mit dem Thema auseinandersetzen will. Anstatt sich näher mit den Gründen zu befassen, wird die Schuld kollektiv dem Außenseiter zugeschoben, weil das natürlich sehr viel bequemer ist. Ansonsten tröstet man sich mit den üblichen Floskeln, die Menschen gerne in schwierigen Situationen um sich werfen.

Das ist einerseits plausibel, an manchen Stellen auch effektiv. Gerade die Vorbereitung einer Trauerzeremonie für den Verstorbenen wird zur Farce, die nichts mit Dennis und seinem Leben mehr zu tun hat. Allerdings verpasst es Albträumer selbst mehr zu diesem Umfeld zu bringen. Die Eltern von Rebekka werden ausschließlich durch ihre Ablehnung und das Ringen um eine heile Fassade charakterisiert, ohne dass dabei auch deren Innenleben gezeigt würde. Sie bleiben selbst zu schematisch, zu oberflächlich, um dem Thema gerecht zu werden. Das Drama wirkt immer mal wieder zu künstlich, zu weit weg von den Menschen – was bei einem Film, der eben hinter die Fassade eines solchen Trauerprozesses blicken will, nicht ganz glücklich ist.

Der Drang zum Rätsel
Das hängt auch damit zusammen, dass der Film sich darauf versteift, den Selbstmord als Mysterium darstellen zu wollen. Schon die Einführung von Vincent zu Beginn der Geschichte zeigt ihn als rätselhafte Randgestalt, die so unwirklich rüberkommt, als wäre er ein Gespenst. An diesen und an anderen Stellen wäre weniger mehr gewesen, Albträumer lässt da schon die notwendige Natürlichkeit vermissen. Deutlich spannender ist, wenn das Drama, das bei den Hofer Filmtagen 2020 Premiere feierte, sich tatsächlich den Gefühlen zuwendet, anstatt nur vorsichtig drumherum zu schleichen.

Das betrifft einerseits Vincent, der sich seinen Erinnerungen an diesen Tag stellen muss, der für ihn selbst zu einem Trauma wurde und damit allein gelassen wurde. Aber es gibt auch die eine oder andere bewegende Szene, wenn die beiden Jugendlichen den Zugang zum Verstorbenen suchen, durch das Anschauen seiner Bilder, das Hören der Musik oder die Annäherung zwischen ihnen selbst. Albträumer schlägt hierbei sogar leicht versöhnliche Töne an, wenn Klinger ihnen mögliche Wege aus der Finsternis zeigt. Das Ergebnis ist zwar nicht immer ganz überzeugend, aber doch ein engagiertes Plädoyer dafür, sich mit eben dieser Finsternis auseinanderzusetzen, sich den Schmerzen zu stellen und gemeinsam eine Heilung zu suchen.

Credits

OT: „Albträumer“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Philipp Klinger
Drehbuch: Philipp Klinger, Simon Thummet
Musik: Francesco Wilking, Patrick Reising
Kamera: Adrian Langenbach
Besetzung: Sarah Mahita, Béla Gabor Lenz, Stephan Szász, Birge Schade, Andreas Warmbrunn, Gustav Schmidt

Trailer

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Albträumer
In „Albträumer“ versucht eine Jugendliche, den Selbstmord ihres Bruders zu verarbeiten, indem sie sich mit einem Außenseiter trifft, der Schuld an der Tragödie haben soll. Der Film ist ein engagiertes Drama, das dazu aufruft, sich der Finsternis zu stellen und offen damit umzugehen, bleibt dabei aber selbst teilweise zu sehr an der Oberfläche und neigt dazu, etwas zu konstruiert zu sein.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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