Kritik

Winterreise

„Winterreise“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino)

Wie bildet man etwas ab, das es nicht gibt? In Spielfilmen wird zu dem Zweck gerne mal der Computer angeworfen: Erlaubt ist, was täuscht. Bei Dokumentarfilmen ist das hingegen schon ein wenig schwieriger, die maßgeblich ja davon leben, eine Realität aufzeigen zu wollen. Das zeigt sich besonders bei historischen Themen, bei denen es oft zwangsläufig keine passenden Aufnahmen gibt. In solchen Fällen müssen die Filmemacher*innen meist auf ein paar Tricks zurückgreifen, sofern sie nicht ausschließlich Interviewszenen zeigen wollen – die oft verpönten Talking Heads. Eine davon ist das sogenannte Reenactment, eine Nachstellung von Szenen, meist mithilfe von Schauspielern.

Inszenierte Gespräche
Dass Schauspieler jedoch Interviewszenen nachstellen, das ist schon eine sehr ungewöhnliche Entscheidung. Aber Winterreise ist in mehr als einer Hinsicht ungewöhnlich. Zugrunde liegt dem Werk das Buch Die unauslöschliche Symphonie: Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte von Martin Goldsmith. Der US-Moderator hatte darin Gespräche mit seinem inzwischen verstorbenen Vater George festgehalten. Gespräche über dessen Jugend, als dieser – damals noch unter dem Namen Günther Goldschmidt – als Jude in Deutschland lebte. Lange hatte er sich dagegen gesträubt, über seine Erfahrungen zu sprechen und über seine Familie, die im Dritten Reich ermordet wurden. Bis der Sohn ihn irgendwann dazu drängte.

Winterreise packt diese Gespräche nun in Bilder. Der 2019 verstorbene berühmte Schweizer Schauspieler Bruno Ganz (The House That Jack Built, Der Trafikant) übernahm in seinem letzten Film die Rolle des alten Vaters, der sich angetrieben durch den Sohn langsam öffnet. Die Geschichten, die er zu erzählen hat, sind größtenteils die üblichen Geschichten des Grauens aus dieser Zeit. Wenn Goldschmidt all dies hinter sich lassen wollte, ein neues Leben in einer neuen Heimat suchte, unter einem neuen Namen, dann ist dies gut nachzuvollziehen. Die Darstellung von Ganz verleiht den Erinnerungen noch eine zusätzliche Tiefe, wenn Alltagsbeschreibungen unweigerlich zu dem Albtraum führen, der gleichzeitig kollektiv und persönlich ist. Hier windet sich jemand angesichts einer Vergangenheit, die er lange verdrängt hat.

Musik als trügerischer Zufluchtsort
Interessant sind dabei die Ausführungen zu dem Kulturbund Deutscher Juden, dem Goldschmidt seinerzeit angehörte. Der begabte Musiker – er studierte Flöte – fand darin ein Zuhause, eine Möglichkeit des Ausdrucks, fand auch seine große Liebe und spätere Ehefrau. Doch das Glück war trügerisch und nicht von Dauer, denn die Organisation wurde von den Nationalsozialisten zur Kontrolle der jüdischen Künstler und Künstlerinnen genutzt, aber auch als Propagandamittel. Als im Dritten Reich dann die Pläne offiziell wurden, sämtliches jüdisches Leben zu vernichten, war dies nicht mehr notwendig. Für eine Weile jedoch spendete der Verbund Hoffnung, wurde zu einer kleinen Oase inmitten des Schreckens. Winterreise gelingt es dabei gut, die Zwiespältigkeit einer Vereinigung aufzuzeigen, die Gutes wollte, aber für Böses genutzt wurde.

Der Filmessay, der unter anderem auf dem DOK.fest München 2020 lief, ist deshalb in zweifacher Hinsicht sehenswert. So ergänzt er die bekannten Rückblicke auf jüdisches Leben im Dritten Reich um eine künstlerische Komponente. Er ist aber auch formal interessant, wenn das Reale und das Fiktive sich überschneiden, historische Aufnahmen mit neuen Auftritten gekreuzt werden, verschiedene Ebenen sich überlagern. Das Regie-Duo Anders Østergaard und Erzsebet Racz hat mit Winterreise einen interessanten Zugriff geschaffen, der einerseits sehr persönlich ist und schmerzhafte Erinnerungen enthält, aber doch sehr viel mehr als das ist.

Credits

OT: „Vinterrejse“
Land: Dänemark, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Anders Østergaard, Erzsebet Racz
Drehbuch: Anders Østergaard, Martin Goldsmith
Besetzung: Bruno Ganz, Leonard Scheicher
Kamera: Henner Besuch

Bilder

Trailer

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Winterreise (2019)
„Winterreise“ ist ein dokumentarischer Filmessay, der historische Aufnahmen mit nachgestellten Interviewszenen verbindet. Die Erinnerungen an jüdisches Leben im Dritten Reich sind dabei gleichzeitig persönlich und doch universell, mit einem besonderen Fokus auf das Schicksal von Künstlern und Künstlerinnen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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