Der Trafikant

„Der Trafikant“ // Deutschland-Start: 1. November 2018 (Kino) // 12. April 2019 (DVD/Blu-ray)

Aus ist es mit dem süßen Leben: Nach dem Tod seines Vaters soll der 17-jährige Franz Huchel (Simon Morzé) endlich etwas anfangen, sich nützlich machen. Und so schickt ihn seine Mutter Margarete (Regina Fritsch) fort ins ferne Wien, wo er in Zukunft beim Trafikanten Otto Trsnjek (Johannes Krisch) in die Lehre gehen soll. Das klappt überraschend gut, Franz versteht sich mit dem grimmigen alten Mann, der nur noch ein Bein hat. Und auch mit der Kundschaft kommt er klar, allen voran mit dem betagten Psychoanalytiker Sigmund Freud (Bruno Ganz), der den jungen Mann von Anfang an fasziniert. Nur eine schafft es, Franz noch mehr zu fesseln: die hübsche Anezka (Emma Drogunova), der er eines Tages begegnet, die im Anschluss aber spurlos verschwindet. Und noch ein weiteres Problem macht dem Jugendlichen zu schaffen, als Wien plötzlich unter der Kontrolle von Hitler steht.

Aufwachsen ist so gut wie nie wirklich einfach, da gibt es als junger Mensch einfach zu viele Baustellen. Da wollen das andere oder auch das eigene Geschlecht entdeckt werden, mindestens der eigene Körper, Hormone spielen verrückt, wenn der Alltag zum Ende der Welt wird. Ganz zu schweigen, dass man innerhalb dieses emotionalen Tohuwabohus ja auch noch im Idealfall nützlich sein soll, für die Zukunft planen soll. Was eine ziemliche Herausforderung ist, wenn man nicht einmal weiß, wer man in der Gegenwart ist.

Der ganz normale Jugendwahnsinn
All das spielt in Der Trafikant mit hinein. Der junge aus dem Dorf am Attersee reist in die Wiener Großstadt, wo er die Liebe und das Leben kennenlernt. Doch die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Seethaler ist mehr als nur das. So universell die Themen sind, die Franz umtreiben, so zeitlos seine Probleme, so sehr ist die Geschichte seines Erwachsenwerdens mit einem sehr dunklen Kapitel Wiens verbunden, als aus der weltoffenen Stadt ein Ort des Misstrauens wurde. Der Verfolgung und der Unterdrückung.

Regisseur und Co-Autor Nikolaus Leytner, sonst eher im TV-Bereich daheim, gelingt es auch ganz schön, diese beiden Seiten in Einklang zu bringen: das Alltägliche und die Ausnahmesituation. Franz bewahrt sich sowohl bei seiner Sehnsucht nach Anezka wie auch beim Umgang mit den Nazis seine jugendliche Naivität, ist oft mehr Kind als Mann. Nur dass für Kinder in Der Trafikant kein Platz ist, kein Platz für Unschuld. Düster geht es schon los, mit dem Tod des Vaters. Und trotz der kleinen schönen Momente, die das Geschehen immer wieder auflockern – der erste Abend mit seiner neuen Flamme geht schnell zu Herzen –, so schwingt doch immer das Unheil mit, schleichen sich Schatten ein, die mit der Zeit zunehmend größer werden und näherkommen.

Die Realität vor der Haustür
Dass Franz diese Gefahren nicht als solche erkennt, passt zu einem Film, der gerade auch angesichts seiner Thematik so seltsam entrückt wirkt, losgelöst von dem realen Leben. Immer wieder wird die Geschichte durch Traumsequenzen unterbrochen, wenn Franz doch mehr oder anders sein möchte, als er ist. Und selbst wenn Der Trafikant mal nicht darauf zurückgreift, ist das Drama von einer leicht surrealen Atmosphäre belebt. Ob am heimeligen See oder in dem Laden des Trafikanten, alles ist hier bewusst künstlich gehalten, durch Licht und Farbgebung entsteht der Eindruck, dass das alles gar nicht echt ist.

Und doch bricht das Leben hinein, bricht der Tod hinein: Der Beitrag vom Filmfest Hamburg 2018 erzielt auch deshalb eine so bittere Wirkung, weil es den Widerspruch zwischen den Träumen und der Realität gibt. Das ist gewöhnungsbedürftig. Mindestens. Aber eben auch sehenswert, unter anderem dank eines unbekümmert auftretenden Simon Morzé (Einer von uns), der den zwischen Kindheit und Erwachsenenalter gefangenen Lehrling gibt, charmant, neugierig, unsterblich verliebt und von einer geradezu fahrlässigen Hingabe zu anderen Menschen. Einer, der gerade dann lernt, was es heißt, ein Mensch zu sein, wenn die Welt ihre Menschlichkeit verloren hat.

Der Trafikant
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Der Trafikant
Harter Tobak aus Österreich: „Der Trafikant“ verbindet universelle Coming-of-Age-Geschichte mit dem Schrecken eines durch die Nazis besetzten Wiens, ist gleichermaßen alltäglich wie außergewöhnlich. Gerade die vielen surrealen Momente helfen dabei, das trotz eines unbekümmert auftretenden Hauptdarstellers so bittere Drama von der zahlreichen Konkurrenz abzuheben.
8von 10

Eine Antwort

  1. Martin Zopick

    Der Titel belegt, dass sich das Österreichische vom Deutschen durchaus unterscheidet. So wie er daherkommt, versteht ihn hierzulande keiner. Man ist zunächst von den eindrucksvollen Bildern – am Anfang unter Wasser – beeindruckt. Das verstärkt noch Regisseur Leytner und sein Kameramann Dunzendorfer (ein Vielfilmer und Alleskönner seit den 80er Jahren) durch immer wieder eingestreute Traumsequenzen. Die sind äußerst brillant und aussagekräftig und wechseln sich ab mit Wunschvorstellungen des Hauptdarstellers Franz (Simon Morzé). Wenn er z.B. beim benachbarten Fleischer, einem Denunzianten, in der Wurstküche steht, kann er dem schon mal in Gedanken die Hand in den Fleischwolf schieben. In Wahrheit reicht es nur zu einer Ohrfeige. Wir sind in Wien kurz vor dem Anschluss Österreichs 1938.
    Franz Huchel besteht jedes Mal auf der Anrede mit seinem Namen, wenn man ihn ‘Burschi‘ nennt. Auch die flatterhafte Anezka (Emma Drogunova) seine erste Liebe, begeht diesen Fehler, bevor sie sich mit einem Obersturmbandführer auf und davon macht.
    Was weiterhin an diesem Film so sehenswert ist, ist nicht nur das ganze Ensemble, angeführt von Bruno Ganz als Sigmund Freund oder der Mutter von Franz Margarete (fast nicht zu erkennen Regina Fritsch), die als Alleinerziehende ihr eigenen Päckle tragen muss oder Onkel Otto (das markante Gesicht von Johannes Krisch als Opfer) u.a., sondern die Ausstattung ist liebevoll und detailliert. Sie bringt die Atmosphäre rüber.
    Man kann den Plot sogar philosophisch-ideologisch sehen. Alle menschlichen Reaktionen auf die totalitären Zwangsmaßnahmen der Nazis kommen vor.
    Suizid (Michal-Tatort-Fitz), Emigration (Freud), Kollaboration (Anezka) und letztlich Franz der mutig Widerstand leistet. Während viele ihr Mäntelchen nach dem Wind drehen, nutzt Franz die Hose von Onkel Otto als Fahne…
    Das und der übrige Schluss machen den Trafikanten zu einem außerordentlich guten und wichtigen Film. Ein Lichtblick im dunklen Mainstream-Wald.

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