Kritik

Wie viele andere auch protestierte die Schülerin Chiara gegen die Politik von Macron, lehnte seine Reformen ab und machte ihren Unmut kund, indem sie groß an die Wand schrieb, er solle zurücktreten. Doch dieser Einsatz bleibt nicht folgenlos. Sie wird auf die Polizeiwache mitgenommen, dort verhört. Wenige Stunden später ist sie tot. Wie konnte das geschehen? Warum musste Chiara sterben? In ihrem Umfeld herrscht Fassungslosigkeit, Familie, Freunde, Schüler, Lehrer, keiner kann verstehen, was das alles bedeutet. Und je mehr sie darüber nachdenken, miteinander diskutieren, umso stärker wird die Wut …

An Krisen mangelt es derzeit auf der Welt nicht gerade. Neben dem alles beherrschenden Corona-Virus treibt vor allem die drohende Klimakatastrophe auf die Barrikaden. Hinzu kommen die ganzen Kriege oder auch die Konflikte zwischen einzelnen Nationen, bei denen so sehr mit dem Feuer gespielt wird, dass schnell ein Flächenbrand entstehen kann. Doch man muss gar nicht den Blick in die Ferne schweifen lassen. So gefährlich diese großen Problemfelder sind, ebenso gefährlich ist, wie in vielen Ländern, selbst solchen, bei denen man es nie erwartet hätte, die Gesellschaft auseinanderbricht: Sowohl innerhalb der Bevölkerung wie auch beim Umgang mit Behörden und Politik nehmen die Reibungen zu, stehen sich einzelne Seiten unversöhnlich gegenüber.

Trauer und Fassungslosigkeit
In Frankreich mag man weit von den totalitären Anwandlungen anderer Staaten entfernt sein. Doch auch dort sind die Entwicklungen bedenklich. Die Gelbwesten-Proteste beherrschten über Wochen das Geschehen, lähmten immer wieder Paris. Die Vorstädte, in denen Perspektivlosigkeit und Kriminalität eine gefährliche Verbindung eingegangen sind, gleichen Pulverfässern, wie Die Wütenden – Les Misérables und andere Filme vor Augen geführt haben. The Seeds We Sow greift diese Entwicklungen auf und erzählt von einem Mädchen, das in diese Konflikte hineingezogen wurde und dafür mit ihrem Leben bezahlen musste. Der Vorfall selbst wird dabei jedoch nicht gezeigt. Wir erfahren auch nie, was wirklich vorgefallen ist.

Regisseur und Drehbuchautor Nathan Nicholovitch hätte daraus eine Art Thriller machen können, in dem die Leute versuchen, die Wahrheit aufzudecken und den Staat anzuprangern – etwa in die Richtung von The Report. Doch darum geht es ihm gar nicht. Er gibt relativ wenige Erklärungen. Man erfährt auch nur zum Teil, wer Chiara als Mensch war und was sie angetrieben hat. Vielmehr zeigt der Film in erster Linie, wie die Menschen im Anschluss versuchen, damit umzugehen. Längere Szenen zeigen Angehörige und sonstige Leute aus dem Umfeld bei der Beerdigung oder bei Mahnwachen, wo sie ihren Schmerzen und ihren Kummer hinausschreien.

Die gefährlichen Folgen der Sprachlosigkeit
Und doch ist The Seeds We Sow, welches in der Independent-Sektion von Cannes, ACID genannt, 2020 Weltpremiere gehabt hätte, kein reguläres Trauerdrama. Nicholovitch führt uns vor Augen, wie wichtig der Dialog innerhalb einer Gesellschaft ist und wie groß die Gefahren sind, wenn eben dieser ausbleibt. Wenn ein einfacher, harmloser Protest solche gravierenden Folgen haben kann, dann stimmt da etwas Grundsätzliches nicht. Denn in nur 77 Minuten entwickelt dieses Ereignis eine Eigendynamik, die zwar nicht die gewaltigen Ausmaße annimmt, wie es bei Black Lives Matter der Fall war, aber doch in eine ähnliche Richtung gehen könnte.

Was dem Film selbst dabei fehlt, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung. Vieles, von dem Protest Chiaras bis zu der Person selbst, wird nie ganz greifbar. The Seeds We Sow ist ein Film, der durch die dokumentarische Inszenierung zwar nah bei den Figuren und Ereignissen ist, dabei jedoch zu theoretisch bleibt. So als würde man sich Nachrichten im Fernsehen anschauen. Das zusammen mit Schülern und Schülerinnen einer Oberschule entstandene Drama regt damit durchaus zum Nachdenken an, sowohl zu unserem Demokratieverständnis wie auch dem Umgang mit dem Politischen, dringt jedoch nie zum Kern durch.

Credits

OT: „Les Graines que l’on sème“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Nathan Nicholovitch
Drehbuch: Nathan Nicholovitch
Kamera: Florent Astolfi
Besetzung: Ghaïs Bertout-Ourabah, Clémentine Billy, Marie Clément, David D’ingéo, Kamla Errounane, Yhadira Fabat-Delis, Alicia Fleury, Maëlys Gomez, Luna Lafaye, Célia Lazla, Chloé Lemeur

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The Seeds We Sow
„The Seeds We Sow“ erzählt von einer Jugendlichen, die gegen die Politik ihres Landes protestierte und dabei ums Leben kam. Das Drama befasst sich wenig damit, wie es zu allem kommen konnte, sondern zeigt auf, welche weiteren Auswirkungen dieser Vorfall hat. Das ist interessant und regt zum Nachdenken an, bleibt aber zu theoretisch und verzichtet auf eine direkte Auseinandersetzung.
6von 10

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