Kritik

Moloch

„Moloch“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Arte)

Als eines Tages ein Mann mitten in der Stadt in Flammen aufgeht, stehen die Behörden vor einem Rätsel. Wie kam es dazu? Hat er sich selbst angezündet oder war es doch eher Mord? Auch die Gerichtsmedizin findet darauf keine Antwort, widersprechen die Spuren doch allem, was ihr bekannt ist. Für Louise (Marine Vacth), die als Praktikantin bei einer Zeitung arbeitet, könnte dies die ersehnte Chance sein, endlich einmal als Journalistin anerkannt zu werden – wozu ihr auch jedes Mittel recht ist. Bei ihren Recherchen trifft sie auf Gabriel (Olivier Gourmet), der Therapeut des Opfers, von dem sie sich weitere Hinweise erhofft. Doch die Zeit drängt. Denn es wird nicht bei diesem einen Opfer bleiben …

Frankreich und Belgien bringen wir filmisch gesehen gerne mit ganz großen Romanzen oder auch charmanten Komödien in Verbindung. Dabei hat es zuletzt auch einige sehr interessante Stoffe aus dem Genreumfeld gegeben. Gerade Arte scheint einiges in der Hinsicht zu investieren und präsentiert eine Serie nach der anderen, die mit ungewöhnlichen Szenarien begeistern. In dem mysteriösen Es war einmal ein zweites Mal konnte ein Mann durch einen Karton in die Vergangenheit reisen, um dort einer Beziehung eine zweite Chance zu geben. Das düstere Krimidrama Dérapages – Kontrollverlust war hingegen mehr mit der Realität beschäftigt und zeigte anhand eines Langzeitarbeitslosen die diversen Schattenseiten unserer Gesellschaft.

Zwischen Mystery und Gesellschaftskritik
Moloch ist nun eine Art Mischung aus beidem. Zum einen gibt es den großen Mystery-Faktor, wenn anfangs kräftig darüber gerätselt werden darf, was es mit diesen spontanen Feuern auf sich hat, denen völlig unerklärlich Menschen zum Opfer fallen. Gleichzeitig befasst sich die Serie aber auch mit gesellschaftlichen Missständen, mit Schuld und Sühne, mit Fragen der Gerechtigkeit. Dass es sich bei dem ersten Fall nicht um einen Selbstmord handelt, wird relativ bald klar. Denn wo ein Toter ist, da kommen noch mehr hinzu. Und auch dass hinter der Wahl der Opfer kein Zufall steckt, wird sich das Publikum schnell zusammenreimen können. Sonst gäbe es schließlich keine Geschichte zu erzählen – zumal der aus der Bibel entnommene Titel Bezug nimmt auf bewusste Brandopfer.

Der religiöse Aspekt hält sich dabei jedoch in Grenzen. Vielmehr erinnert die Serie teils frappierend an Die Brücke – Transit in den Tod. In beiden Fällen gibt es medienwirksame Tode, gibt es Missstände, auf die aufmerksam gemacht werden soll, ein Katz-und-Maus-Spiel, dazu ein Wechselspiel von Polizei und Medien. Dieses Mal steht jedoch keiner der offiziellen Ermittler im Mittelpunkt. Diese Ehre wird einem Psychologen und einer angehenden Journalistin zuteil. Interessant ist dabei vor allem Letztere, da Louise schon früh eine Skrupellosigkeit an den Tag stellt, die man eigentlich bei der Gegenseite vermuten würde. Da wird betrogen und gelogen, andere Menschen ausgenutzt, auch vor Drohungen scheut die junge Frau nicht zurück. Teilweise ist sie so unangenehm bis abscheulich, dass man sich insgeheim fragt, wann sie denn mal in Flammen aufgeht.

Der ruhige Abstieg in die Abgründe
Die Serie ist dabei durchaus spannend. Das hängt jedoch mehr mit der Neugierde zusammen, was denn hinter allem steckt, weniger mit den Ereignissen an sich. Actionszenen sind hier rar gesät, brenzlige Situationen ebenfalls. Regisseur und Co-Autor Arnaud Malherbe arbeitet mehr mit einer diffusen Bedrohung, dem Gefühl, dass irgendwo da draußen etwas oder jemand sehr Gefährliches lauert. Dabei lässt er sich gut Zeit. Er zieht es vor, langsam die Hintergrundgeschichten auszubreiten, sowohl die der Opfer wie der beiden Hauptfiguren, die – so muss es in dem Bereich einfach sein – selbst ein paar Abgründe und Traumata mit sich herumtragen. Während bei Gabriel diese aber bedeuten, dass er sich sehr zurückzieht, geht die psychisch angeknackste Louise zum Angriff über.

Es ist dann auch diese Kombination aus düster-mysteriöser Stimmung und menschlichen Abgründen, welche der Serie ihren Reiz verleiht. Die eigentliche Geschichte ist hingegen weniger die Stärke. Zwar werden die Fragen in Moloch beantwortet, es gibt auch keinen dieser unverschämten Cliffhanger, wie man sie bei der Konkurrenz so findet. Wer seine Hoffnungen aber allein auf das Ende setzt, der könnte enttäuscht sein. Wobei es dort einiges zu sehen gibt, so wie der Mystery-Thriller allgemein immer wieder sehenswerte Bilder hat. Gerade der Kontrast zwischen der sonst blau-grau-schwarz-dominierten Optik und den Brandszenen ist wirkungsvoll, wenn sich nicht nur auf den Gesichtern der Figuren Entsetzen widerspiegelt. Sich hier auf Spurensuche zu begeben, bedeutet sich dem Horror von etwas hinzugeben, das nicht reinpasst, das es nicht geben darf und genau damit so fordert.

Credits

OT: „Moloch“
Land: Belgien, Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Arnaud Malherbe
Drehbuch: Arnaud Malherbe, Marion Festraëts
Musik: Flemming Nordkrog
Kamera: Christophe Nuyens
Besetzung: Olivier Gourmet, Marine Vacth, Arnaud Valois, Marc Zinga, Alice Verset, Laurent Capelluto

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Moloch
In „Moloch“ suchen eine Journalistin und ein Psychologe die Gründe für eine Reihe rätselhafter Todesfälle um Menschen, die plötzlich in Flammen aufgehen. Die Serie fesselt dabei durch die mysteriöse Stimmung, die düsteren Bilder und die menschlichen Abgründe, die sich immer wieder auftun. Die eigentliche Geschichte wird dabei schnell zur Nebensache.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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