Kritik

„Die Besessenen“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (DVD/Blu-ray)

Als in einer abgelegenen Villa die Hauslehrerin eines Abends spurlos verschwindet, bedeutet dies für Kate Mandell (Mackenzie Davis) die Chance eines Neuanfangs. Anstatt wie bisher eine Reihe von Kindern zu unterrichten, soll sie sich nun ausschließlich um die siebenjährige Flora (Brooklynn Prince) kümmern. Kurze Zeit später stößt auch ihr älterer Bruder Miles (Finn Wolfhard) hinzu, der eigentlich auf einem Internat lebt, jedoch aufgrund eines Zwischenfalls gehen musste. Auch Kate hat so ihre liebe Not mit den beiden Waisen, die nicht viel von Regeln halten und sich einen Spaß daraus machen, sie zu erschrecken. Doch der eigentliche Horror beginnt, als die junge Lehrerin immer wieder eigenartige Beobachtungen in dem riesigen Haus macht, für die es keine rationale Erklärung zu geben scheint …

Die 1898 erschienene Novelle The Turn of the Screw von Henry James gehört sicher zu den bekanntesten Werken des Horror-Genres – zumindest aber zu den am häufigsten adaptierten. So gab es Theaterversionen, sogar eine Opernvariante, dazu zahlreiche Filme, etwa Schloss des Schreckens aus dem Jahr 1961 oder der 2009 produzierte TV-Film. Mit Spuk in Bly Manor folgt noch eine Serienfassung des Horrorexperten Mike Flanagan. Da durfte man sich bei Die Besessenen im Vorfeld natürlich schon fragen, ob es unbedingt eine weitere Verfilmung brauchte. Gelohnt hat sich das Projekt im Nachhinein kaum, die Einspielergebnisse waren enttäuschend. Außerdem dürfte es kaum ein Horrorwerk dieses Jahr gegeben haben, das mehr vom Publikum gehasst wurde.

Ein echtes Horrorteam
Dabei waren die Voraussetzungen gar nicht schlecht. Mit Finn Wolfhard (Stranger Things, Es) wurde einer der begehrtesten Jungdarsteller in diesem Bereich engagiert. Regisseurin Floria Sigismondi drehte zuvor unter anderem Folgen von The Handmaid’s Tale und American Gods. Das Drehbuch wiederum stammte von den Zwillingsbrüdern Carey Hayes und Chad Hayes, die schon seit 30 Jahren Skripts für Horrorfilme schreiben, darunter beispielsweise Conjuring – Die Heimsuchung. An Erfahrung mangelt es dem Team daher wohl kaum. Zusammen mit einer bewährten Geschichte kann da doch eigentlich nichts mehr schief gehen, sollte man meinen. Und doch will das Ganze kaum aufgehen.

Die meisten werden sich in ihrer Kritik auf das Ende stürzen, das Anfang des Jahres für jede Menge entsetzter Gesichter sorgte. Das hat jedoch weniger mit herkömmlicher Spannung zu tun als vielmehr damit, dass man bei Die Besessenen zum Ende hin richtig was bieten wollte, um sich von der Vorlage und anderen Adaptionen zu unterscheiden. Doch die Wendung kommt nicht nur sehr abrupt und folgt recht plump einem Genreklischee. Sie führt auch zu nichts. Es spricht zwar nichts per se dagegen, ein Ende etwas offener zu gestalten und das Publikum zu eigenen Schlüssen zu zwingen – auch wenn das im Bereich die wenigsten wollen. Man sollte dann aber schon etwas an die Hand geben, mit dem man etwas anfangen kann, anstatt es vor die Füße werfen und den Eindruck zu erwecken, man wolle sich über Zuschauer und Zuschauerinnen lustig machen.

Ein stimmungsvolles Nichts
Doch selbst wenn man das bizarre Ende außer Acht lässt, ist Die Besessenen kein übermäßig guter Film. Das Setting an sich ist dabei natürlich schon atmosphärisch, das labyrinthartige Design, welches kaum Orientierungspunkte zulässt, verstärkt noch den Eindruck, auf dem Anwesen gefangen zu sein. Und auch die Außenbereiche laden zu ein bisschen Gothic Horror ein. Tatsächlich spannend wird der Film aber kaum. Zu oft verlässt sich Sigismondi auf einfallslose Jump Scares, die mindestens ebenso alt sind wie das zugrundeliegende Buch. Etwas im Spiegel zu sehen oder sich plötzlich schließende Türen sind so sehr Genrestandard, dass man höchstens als absoluter Neuling noch davon beeindruckt werden könnte.

Schade ist weiterhin, dass die psychologische Komponente so wenig hergibt. Die Frage, ob Kate tatsächlich etwas Übernatürliches sieht oder einfach nur psychisch angeknackst ist, wird in dem Film ungenügend vorbereitet. Bis das Blut gefriert zeigte vor bald sechzig Jahren, wie von der Mutter weitergegebenes Trauma, Labilität und allgegenwärtiger Terror in sich stimmiger gezeigt wird. Im Vergleich dazu ist Die Besessenen zu ungelenk, zu unentschlossen auch, wenn sich der Film nie ganz entscheiden kann, was er mit seinen Figuren anfangen soll. Das ist dann vielleicht nicht ganz so katastrophal, wie von manchen hingestellt, die unter dem Einfluss des Endes alles kurz und klein schlagen wollen. Überflüssig ist es hingegen schon.

Credits

OT: „The Turning“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Floria Sigismondi
Drehbuch: Carey Hayes, Chad Hayes
Vorlage: Henry James
Musik: Nathan Barr
Kamera: David Ungaro
Besetzung: Mackenzie Davis, Finn Wolfhard, Brooklynn Prince, Barbara Marten

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Die Besessenen
„Die Besessenen“ nimmt die berühmte Novelle von Henry James und versucht daraus etwas Eigenes zu machen. Während das inzwischen schon berüchtigte (Nicht-)Ende der häufigste Kritikpunkt an dem Film ist, enttäuschen auch die einfallslosen Jump Scares und die oberflächliche Psychologisierung der Figuren.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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