Kritik

Black Box Amazon Prime Video

„Black Box“ // Deutschland-Start: 6. Oktober 2020 (Amazon Prime Video)

Es grenzt an ein Wunder, dass Nolan (Mamoudou Athie) seinen schweren Unfall überlebt hat. Seine Frau ist dabei gestorben, er selbst wurde auch für hirntot erklärt. Und doch ist er wieder da. Nur, erinnern kann er sich an nichts, nicht an den Unfall, nicht an seine Familie oder auch wer er selbst war. Zwar versuchen seine Tochter Ava (Amanda Christine) und sein bester Freund Gary (Tosin Morohunfola) alles, um ihm wieder auf die Spur zu helfen – doch ohne Erfolg. Im Gegenteil: Während Nolan vergeblich versucht, wieder Arbeit zu finden oder sich an etwas zu erinnern, wird er von seltsamen Albträumen verfolgt. Da lernt er Lilian (Phylicia Rashad) kennen, die im selben Krankenhaus arbeitet wie Gary und ihm verspricht, mittels Hypnose sein Gedächtnis wieder zurückzuholen. Tatsächlich haben die Sitzungen mit ihr Erfolg, mehr Erfolg, als ihm lieb ist …

Der Albtraum der Amnesie
Gedächtnisverlust ist mal wieder schwer im Kommen. Apples erzählte durchaus mit Humor von einer Pandemie, durch die Menschen alles vergessen und mühsam neue Erinnerungen aufbauen. In Trauma – Der Fall Adam Belmont lernen wir einen Polizisten kennen, der sich irgendwann selbst die Frage stellt, ob er vor seiner Amnesie nicht ein Selbstmörder war. Black Box geht nun noch einmal in eine etwas andere Richtung, wenn einem Familienvater nach einem Unfall nichts mehr geblieben ist von seiner Vergangenheit. Während solche Szenarien meistens stark mit einem Mystery-Faktor arbeiten, das Publikum zusammen mit den Betroffenen herausfinden muss, was geschehen ist, da scheint hier die Sache an und für sich klar zu sein. Schließlich ist der Vorfall, der zum Gedächtnisverlust geführt hat, gut dokumentiert. Auch das Leben davor ist nach wie vor vorhanden in den Menschen aus Nolans Umfeld, in den Bildern, die überall an der Wand hängen.

Doch warum dann diese seltsamen Albträume? Während der Amazon Prime Video Film Black Box in der ersten Hälfte auch als Drama durchgeht über den Versuch eines Mannes, sein zerstörtes Leben wieder zusammenzusetzen, da macht Regisseur und Drehbuchautor Emmanuel Osei-Kuffour von Anfang an klar, dass da etwas Finsteres, Böses in den Schatten lauert, in dem vorher noch Nolans Gedächtnis war. Bis zum Schluss hält er diese Balance aus Tragik und Schrecken aufrecht. Wobei der Schrecken dabei verschiedene Formen annimmt. Es ist einerseits der klassische Genreschrecken, wenn der Protagonist es mit monströsen Kreaturen zu tun bekommt. Es ist aber auch der Schrecken, verloren in seinem eigenen Körper zu sein, niemanden mehr wiederzuerkennen, sich selbst nicht mehr zu kennen.

Erinnerungen als Teil der Identität
Das geht auch mit den Fragen einher, die obige Kollegen gestellt haben: Wie sehr bin ich von den Erfahrungen und Erinnerungen meines bisherigen Lebens geprägt? Was bleibt übrig, wenn ich diese herausnehme? Solche Überlegungen bleiben zwar praktisch zwangsläufig ohne eine echte Antwort, da alternative Ausprägungen nun einmal kaum empirisch zu überprüfen sind, so lange wir keine Möglichkeit der Parallelwelten finden. Aber es macht doch immer wieder Spaß, über so etwas nachzugrübeln. Dass etwas anders ist in Nolan seit seiner Amnesie, daran lässt Black Box schließlich keinen Zweifel. Nicht nur er selbst, auch Tochter Ava erlebt diesen Horror, als sie ihn zwischendurch nicht mehr wieder erkennt, was sich mal in Persönlichkeitsänderungen äußert, aber auch in kleinen Details.

Das ist eine ganze Weile durchaus sehenswert. Die Dynamik zwischen Vater und Tochter ist schön, Mamoudou Athie (Underwater – Es ist erwacht, Uncorked) liefert eine gute Leistung als gequälter Irrender, auch die vereinzelten Horrorsequenzen machen Stimmung. Gerade die Auftritte des Verrenkungskünstlers Troy James verleihen den entsprechenden Szenen eine sehr bizarre, furchteinflößende Atmosphäre. Gegen Ende hin geht Black Box dann aber doch ein wenig die Luft aus. Die Tricks wiederholen sich zu stark, das Rätsel wird etwas früh aufgelöst, Osei-Kuffour verlässt sich im Zweifel auf Konventionen – man weiß dann eben doch, was als nächstes passiert. Aber auch wenn der starke Ersteindruck sich nicht ganz halten lässt, so ist der Film doch ein solides Debüt des Regisseurs mit einer stark emotionalen Komponente.

Credits

OT: „Black Box“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Emmanuel Osei-Kuffour
Drehbuch: Emmanuel Osei-Kuffour, Wade Allain-Marcus, Stephen Herman
Musik: Brandon Roberts
Kamera: Hilda Mercado
Besetzung: Mamoudou Athie, Phylicia Rashad, Amanda Christine, Tosin Morohunfola

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Black Box
In „Black Box“ verliert ein Mann durch einen Unfall sein Gedächtnis und plagt sich gleichzeitig mit seltsamen Albträumen herum. Der Film ist vor allem anfangs stark, wenn er die Balance aus Tragik und Horror hält. Zum Ende hin geht ihm aber die Luft aus und bemüht zu viele Konventionen.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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