Kritik

The Oak Room

„The Oak Room“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Eigentlich wollte Barkeeper Paul (Peter Outerbridge) seine Kneipe schließen, da sich wohl niemand mehr bei dem Blizzard, der draußen wütet, zu ihm hin verirren wird, als auf einmal die Tür aufgeht. Er traut seinen Augen nicht, denn vor ihm steht Steve (RJ Mitte), der Sohn seines besten Freundes, der ihm nicht nur eine ganze Menge Geld schuldet, sondern schon seit langer Zeit verschollen war. Paul ist alles andere als gastfreundlich zu ihm, konfrontiert ihn bereits kurz nachdem er an der Bar Platz genommen hat, mit seinen Schulden, den finanziellen wie auch den emotionalen seinem mittlerweile verstorbenen Vater gegenüber. Doch Steve reagiert ausweichend und will Paul lieber eine Geschichte erzählen. Die soll mehr wert sein als alles Geld, was er ihm schulde, verspricht er, da sie auch Paul betreffe, was dieser mit einem geringschätzigen Lächeln abtut. Dennoch lässt er Steve gewähren, der ihm von einem Zwischenfall in der Kneipe The Oak Room erzählt, die mehrere Meilen entfernt liegt. Eines Abends, als ein ähnlicher Schneesturm wütete wie der jetzt, kehrte auch dort gegen Feierabend ein Fremder (Martin Roach) ein, der den Barkeeper (Ari Millen) um ein letztes Bier bitte, da er nun schon seit Stunden im Schnee herumläuft, nachdem sein Wagen wegen einer Reifenpanne liegengeblieben ist. Auch diese beiden haben sich eine Geschichte zu erzählen, die zu einem bewegenden Moment in der Kindheit des Barkeepers zurückgeht. Mit der Zeit erkennen sowohl die Protagonisten dieser Geschichte wie auch Steve und Paul, nicht nur die Zusammenhänge der einzelnen Figuren und Erzählstränge, sondern auch, welche gefährlichen Konsequenzen diese für sie innehalten.

Mehr als 1000 Wörter wert
Auch wenn hierzulande die Produktionen von Black Fawn Films immer noch direkt im Heimkino veröffentlicht werden, hat sich die kanadische Produktionsschmiede über die Jahre einen gewissen Status unter Genrefans erarbeitet. Ihr neuestes Projekt The Oak Room, welches zurzeit auf dem Fantasia Filmfest läuft, stammt von Regisseur Cody Calahan, der bereits mit der Antisocial-Reihe und Let Her Out auf diversen Festivals von sich reden machte. In The Oak Room erzählt er im Prinzip eine Geschichte darüber, warum wir überhaupt Geschichten erzählen und erfinden, inwiefern diese unser Leben widerspiegeln, unsere Sünden aber auch unsere größten Ängste.

Ähnlich wie bei Quentin Tarantinos The Hateful 8 wählt Calahan für The Oak Room ein minimalistisches Set, in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt. Wie einige der Figuren bisweilen witzeln, klingt es fast schon etwas klischeehaft, wenn man mit dem Satz beginnt „Ein Mann ging in eine Bar“, wobei so gut wie jede Geschichte der Figuren mit eben jener Phrase beginnt. Die einzelnen Figuren des Drehbuchs von Peter Genoway wollen erzählen, nicht nur, um sich die Zeit zu vertreiben und weil es die Situation, wie bereits erwähnt, erfordert, sondern, weil sie es müssen. Ihre Geschichten sind „mehr als 1000 Wörter wert“, ergeben im Kontext der Gesamthandlung ein wichtiges Puzzleteil, dessen Rolle sich erst mit der Zeit erschließt, dem Zuschauer wie auch den Charakteren.

Immer wieder verweist die Inszenierung auf die Parallelen zwischen den einzelnen Erzählsträngen, auf jenes große Ganze, was sich erschließt. Das Motiv der Uhr, des Sturms, aber auch ein kleines Detail wie ein Bierdeckel können eine gewichtige Rolle spielen innerhalb einer Geschichte, in welcher die Figuren ebenso sehr ihr Geschick als Erzähler beweisen können, wie auch von ihrer Schuld, ihren Verletzungen und ihrer Angst berichten.

Geschichten, die der Schnee schreibt
Jedoch muss man, wie bei jeder Geschichte achtgeben, wer hier eigentlich erzählt und vor welchem Hintergrund. Was zunächst als eine Art Ablenkungsmanöver diente, ist nun etwas Banales und umgekehrt, denn hier wird nicht zuletzt auch die Wahrheit verdreht oder verfeinert, wie es eine der Figuren sagt, denn letztlich möchte niemand eine Geschichte hören, die langweilt oder nicht zum Punkt kommt. Erst recht nicht, wenn man wohl dank des Schneesturms eine ganze Weile lang eingesperrt ist.

Wie schon bei seinen vorherigen Projekten beweist Calahan sein Gespür für die Inszenierung eines Raumes. Mittels effektvoller Lichtgebung sowie Jeff Mahers Kameraführung wird das minimalistische Setting abwechslungsreich inszeniert und erhält mit der Zeit jene Bedeutung, jenes für die Charaktere entscheidende, was die Spannung erhöht und die Bedeutung der einzelnen Enthüllungen in der Handlung betont.

Credits

OT: „The Oak Room“
Land: Kanada
Jahr: 2020
Regie: Cody Calahan
Drehbuch: Peter Genoway
Musik: Steph Copeland
Kamera: Jeff Maher
Besetzung: Coal Campbell, Nicholas Campbell, RJ Mitte, Amos Crawley, Avery Esteves, David Ferry, Peter Outerbridge

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The Oak Room
„The Oak Room“ von Cody Calahan ist ein effektvoll gemachter, atmosphärisch dichter Thriller. Die minimalistische Ausgangssituation clever ausnutzend entsteht ein spannendes Geflecht von Geschichten, deren Bedeutung sich erst mit der Zeit ergibt.
7von 10

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