Kritik

Minjan

„Minjan“ // Deutschland-Start: 26. Februar 2021 (DVD)

Der 17-jährige David (Samuel H. Levine), Sohn einer russischen Einwandererfamilie, lebt in dem jüdisch geprägten New Yorker Viertel Brighton Beach. Nach dem Tod seiner Großmutter zieht er zu seinem Großvater Josef (Ron Rifkin) ins Seniorenheim, um seinen restriktiven Eltern zu entgehen. Langsam entdeckt David fortan im East Villiage seine Sexualität und versucht herauszufinden, wie er dies in Einklang mit seinem Glauben ausleben kann, ohne sich selbst zu verraten. Unterdessen lernt er Josefs Nachbarn Herschel (Christopher McCann) und Itzik (Mark Margolis), sowie den Barkeeper Bruno (Alex Hurt) kennen. Alle eröffnen ihm ganz neue Perspektiven der Liebe und des Lebens und stellen Davids Welt damit völlig auf den Kopf.

Das autobiographisch geprägte Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Eric Steel, das bereits auf der Berlinale Premiere feierte, basierte ursprünglich auf einer Kurzgeschichte von David Bezmozgis. Unter der Bedingung, die Verfilmung persönlich zu gestalten, ist Minjan ein queerer Coming-of-Age Film im Herzen von New York vor dem Hintergrund der Aids-Krise in den 80ern geworden, der die Entdeckung der Sexualität porträtiert, aber auch immer wieder in Konfrontation mit Vergangenheit, Verlust, Tradition und Religion geht.

Ein junger Mann sucht seinen Platz als doppelte Minderheit
Der bewundernde Blick Davids zu seinem Großvater Josef, als dieser ein Gebet spricht, verraten sofort, dass der junge Mann eine viel innigere Beziehung zu ihm hat als zum Rest seiner Familie und sich nach Zugehörigkeit sehnt. Deutlich wird die prekäre Situation etwas später, als David mit seinem Glauben hadert und gern auf eine staatliche Schule gehen will, seine Mutter ihn aus Sorge vor Prügel nicht gehen lassen möchte und sein Vater ihm aber direkt einen deftigen Schlag verpasst, als er zu rebellieren beginnt. Von seiner Mutter also bevormundet und eingeengt, von seinem Vater wenig beachtet und als Schwächling angesehen, ist der 17-jährige auf der Suche nach sich selbst und einen Platz in der Gesellschaft, wo er einerseits aufgrund seiner Konfession, anderseits aufgrund seiner Sexualität wissentlich trotzdem immer einer Minderheit angehören wird.

Sein Großvater, sowie die ältere Generation, die den Krieg und den Holocaust am eigenen Leib erfahren musste, spielen in Minjan eine gewichtige und tragende Rolle und bereichern David mit den Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnissen soweit, als dass er eigene Überlegungen und Überzeugungen formt und ihn hinsichtlich seines Verständnisses von Männlichkeit, Liebe und Beziehung sowie Religionszugehörigkeit und deren Ausübung prägen werden.

Das Spiel mit der Erotik
Die nachfolgenden Entscheidungen die David trifft, werden dabei von einer herausragenden Kameraarbeit und einem unvergleichlich charakterisierendem Score begleitet. Kameramann Ole Bratt Birkeland, der im letzten Jahr den Film Judy in beeindruckende Bilder zu fassen vermochte, hat ein feines Gespür für respektvolle Nähe und taktvolle Distanz und porträtiert Davids Unsicherheit, Neugier, Verlangen und Lebensmut mal verstohlen indirekt, mal als stiller entfernter Beobachter, manchmal sogar aus der Perspektive des jungen Mannes selbst. Dabei wird Davids Sexappeal so subtil in Szene gesetzt, dass der findige Zuschauer sehr wohl um dessen Ausstrahlung und Wirkung auf andere weiß, ehe es der junge Mann selbst bemerkt. Etwa wenn die Taxifahrer ihn im Spiegel mustern, oder Davids Hose soviel Haut um die Leiste preisgibt, dass sogar die Kamera ein paar mehr Sekunden auf dem Anblick verweilt. Mit dem geübten Blick fürs Detail, werden gleichwohl auch die ersten homoerotischen Erfahrungen mit Bruno ins Sinnliche, Verspielte übersetzt und sorgen für ein leichtes Knistern, nachdem der Regisseur zuvor viele Situationen der Phantasie des Publikums überlassen hat.

Durchweg brillant zeigt sich hierbei der Hauptdarsteller Samuel H. Levine (Empörung), der mit seiner nuancierten Darstellung ebenso auch nonverbal in der Lage ist den Zuschauer in den Bann zu ziehen. Musikalisch begleitet wird die sensible und einfühlsame Geschichte von Selbstfindung und Offenbarung dabei von Klarinette, Violine und Piano. Arrangiert von David Krakauer und Kathleen Tagg in eindrucksvollen Stücken, die dann nicht nur den gezeigten Kulturkreis passend einrahmen, sondern auch Davids Gemütszustand und Charakter auf akustischer Ebene erweitern, sogar preisgeben. Wenngleich Minjan auf allen Ebenen wirklich viel zu bieten hat, sogar dezent eingeflochtene Situationskomik, so sollte der Zuschauer etwas Geduld mitbringen, um am Ende mit einem eindringlichen Film belohnt zu werden, der nicht nur wegen Levine unbedingt sehenswert ist.

Credits

OT: „Minyan“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Eric Steel
Drehbuch: Eric Steel, Daniel Pearle
Vorlage: David Bezmozgis
Musik: David Krakauer, Kathleen Tagg
Kamera: Ole Bratt Birkeland
Besetzung: Samuel H. Levine, Ron Rifkin, Christopher McCann, Mark Margolis, Alex Hurt, Carson Meyer, Broke Bloom

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Minjan
„Minjan“ ist tiefgründig, sinnlich und betörend andersartig und punktet trotz seiner schweren und komplexen Themen mit einem beeindruckendem Cast und ästhetischen Bildern, die untermalt von einem exzellenten Score, eine wunderbare Geschichte vom Suchen und Finden des wahren Ichs, der Liebe und Männlichkeit erzählen.
9von 10

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