Kritik

„Futur Drei“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Zwischen Partys, Popkultur und Grindr-Dates wächst Parvis (Benjamin Radjaipour) als Sohn einer aus dem Iran stammenden Familie in Hildesheim auf. Nach einem Ladendiebstahl muss er in einem nahegelegenen Flüchtlingsheim Sozialstunden ableisten und wird dort als Übersetzer eingesetzt. Dort trifft er auf das iranische Geschwisterpaar Amon (Eidin Jalali) und Banafshe (Banafshe Hourmazdi). Die drei freunden sich an und eine sensible Dreierbeziehung entsteht, in der nach und nach klar wird, dass die Zukunft der Jugendlichen sehr unterschiedlich geprägt sein wird.

2019 bei dem First Steps Award mit dem Titel Bester Spielfilm und 2020 während der Berlinale gleich mit zwei Teddy Awards ausgezeichnet (ebenfalls für den Besten Spielfilm), ist Futur Drei ein souveränes und selbstbewusstes Regiedebüt des 1994 geborenen Faraz Shariat. Der autobiographisch geprägte Film, der generationsübergreifend von post-migrantischen Lebenserfahrungen in der deutschen Provinz erzählt, stellt sich bewusst der Frage nach Heimat, Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung und Identitätsfindung, aber auch der schmerzlichen Erfahrung von Ausgrenzung, Sehnsucht und unerfüllten Träumen.

Es geht auch ohne Klischees
Futur Drei ist dabei junges deutsches Kino, das sich klar gegen übliche Konventionen und Klischees in der filmischen Darstellung von Migranten und PoC positioniert und mit alten Seherfahrungen bricht, wenngleich Popkulturreferenzen und Schnelllebigkeit als Wiedererkennungswert dienen und damit repräsentativ für eine Jugendkultur werden, die in vielerlei Hinsicht irgendwo im „Dazwischensein“ steckt. Der Regisseur lässt für diesen diffusen Zustand verschiedene Stilmittel subtil und mit Leichtigkeit ineinanderfließen. Mal unbeschwert sommerlicher Coming-of-Age, mal intensiv bunter Partytrip, ein andermal fast traumartig oder dokumentarisch. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen dabei nahtlos und greifen dabei die eigenen sehr unterschiedlichen Erfahrungen auf, die Shariat und seine Eltern gemacht haben.

Während Parvis Deutschland als seine Heimat wahrnimmt, so scheint er dennoch nirgendwo so richtig dazuzugehören. Dass der junge Mann immer wieder auf seine Wurzeln reduziert wird, sorgt nicht nur bei ihm für Enttäuschung und Verunsicherung, sondern auch für Frustration, die sich auch auf das Publikum niederschlägt. Der Regisseur greift dafür stilistisch ein weiteres Mal in die Trickkiste und setzt den Fokus und den Schnitt unmerklich gelenkt ein, dass der Zuschauer erst hinterher sich selbst ertappt, in Schubladen gedacht zu haben. So etwa gleich zu Beginn als Parvis von seinen Eltern auf Farsi zum Geburtstag gratuliert wird, er ein wenig später gefragt wird, wo er denn eigentlich herkommt und der Sprung vom Rave ins elterliche Eigenheim nicht nur den nächsten Tag einläutet, sondern die Frage sogleich mit aller Deutlichkeit beantwortet. Es sind gerade diese mehrfach vorkommenden Momente, die sehr persönlich als auch allgemeingültig zeigen, wie sich Menschen mit alltäglicher und existenzieller Fremdheit konfrontiert sehen. In Parvis Fall ist die Sache noch komplizierter, da er zunächst auch als Gleichgesinnter im Flüchtlingsheim angesehen wird, er aber nicht den Mut hat dem zu widersprechen. Parvis erliegt im Laufe der  Erzählung immer wieder der Fremdkonstruktion seiner Identität und kann am Ende vielleicht gar nicht genauso sagen wer oder „was“ er ist. Das Glück des einen ist das Leid des anderen wie sich letztendlich auch in der Dreierkonstellation mit Amon und Banafshe zeigen wird.

Zwischen Alltagsrassismus und Hoffnung
Neben den Differenzerfahrungen, die die Jugendlichen machen, zeigt Futur Drei auch den stetigen Alltagsrassismus, der sich ziemlich prägnant in einer Szene zeigt, als Parvis dolmetschen soll, aufgrund des Dialektes aber keine Möglichkeit hat, der Frau bezüglich ihrer Abschiebung zu helfen, dabei von Beamten aber noch unter Druck gesetzt wird. Bewusst wird der Zuschauer in die Lage des jungen Mannes gebracht, indem man die Untertitel dessen was gesagt wird für alle Beteiligten einfach weglässt. Neben den unbequemen Momenten, geht Futur Drei aber auch behutsam mit den Menschen um, sucht stetig den Kontakt, lässt sie mahnend, aber auch verzweifelt wissend, dass es für sie in diesem Land vielleicht keine Zukunft geben wird, in  die Kamera blicken.

Futur Drei lebt von den nahbaren menschlichen Momenten. Dabei besonders hervorzuheben sind die Eltern von Parvis bzw. dem Regisseur Shariat. Dass die eigenen Eltern auch hier ihre Geschichte erzählen dürfen, schlägt einmal mehr einen sensiblen Bogen zur Realität, in der Generationen Heimat auf ganz unterschiedliche Weise wahrnehmen und das Verständnis von Fremdartigkeit und Hoffnung ganz andere Dimensionen annimmt.

In das Geflecht aus Identitätsfindung schafft es Futur Drei aber auch ebenso einfühlsam und bedacht eine queere Liebesgeschichte aufzubauen, die insbesondere wegen Benjamin Radjaipour und Eidin Jalali zum Mitfühlen und Mitfiebern einlädt. Sanfte Bilder, stehlende Blicke des zaghaften Kennen- und Liebenlernens, versprühen einen unvergleichlichen Charme der beiden Jungdarsteller, der in der Geschichte trotz aller Widrigkeiten und schmerzhaften Erfahrungen, Hoffnung, Zuversicht und Lebensfreude hervorbringt. Ein starkes Debüt das den deutschen Film nachhaltig verändern könnte.

Credits

OT: „Futur Drei“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Faraz Shariat
Drehbuch: Faraz Shariat, Paulina Lorenz
Musik: Jakob Hüffel, Säye Skye, Jan Günther
Kamera: Simon Vu
Besetzung: Benjamin Radjaipour, Banafsche Hourmazdi, Eidin Jalali, Mashid, Nasser, Abak Safaei-Rad, Jürgen Vogel

Bilder

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Das junge talentierte Ensemble sowohl vor als auch hinter der Kamera, versteht es den Zeitgeist einer transkulturellen Jugend, die ihren Platz im Leben und auf der Welt noch sucht, auf die Leinwand zu bannen. Dabei debütiert „Futur Drei“ tiefgründig voller Stolz und Selbstvertrauen mit einem lauten „WIR SIND DIE ZUKUNFT“.
8von 10

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