Kritik

After Truth

„After Truth“ // Deutschland-Start: 3. September 2020 (Kino)

Der Schock saß tief bei Tessa (Josephine Langford), als sie herausfand, dass Hardin (Hero Fiennes Tiffin) nur aufgrund einer Wette mit ihr zusammen war. Einen Monat liegt das schon zurück und Tessa ist fest entschlossen, das Kapitel hinter sich zu lassen und jeglichen Kontakt zu vermeiden. Da trifft es sich ganz gut, dass sie eine Praktikumsstelle bei einem bedeutenden Buchverlag erhalten hat und sich erst einmal um ihren beruflichen Traum kümmern kann. Turbulent geht es gleich los, sie rasselt mit ihrem neuen Kollegen Trevor (Dylan Sprouse) zusammen, und ehe sie es sich versieht, ist sie auf einer rauschenden Party mit lauter wichtigen Leute. Doch dann steht plötzlich Hardin vor ihr und all die unterdrückten Gefühle gewinnen wieder Oberhand …

Auch wenn die Kritiken verheerend waren, an den Kinokassen war After Passion ein beachtlicher Erfolg. Knapp das Fünffache des Budgets wurde wieder eingespielt, allein in Deutschland waren rund eine Millionen Menschen in den Lichtspielhäusern, um die Liebesgeschichte zwischen dem Mädchen aus gutem Hause und dem Bad Boy zu verfolgen. Dass dabei reihenweise Klischees verbraten wurden, störte das Zielpublikum weniger. Hier durfte noch von einer großen, wenngleich sehr dramatischen Liebe geträumt werden, die beide für immer verändern wird – sofern sie es denn zulassen. Und da sich in einem solchen Fall bevorzugt alle selbst im Weg stehen, endete das Ganze so, dass eine Fortsetzung dringend her musste.

Der erste Eindruck trügt
Nun ist sie da, heißt im Deutschen After Truth und setzt nahtlos da an, wo der erste Teil aufgehört hat. Der Einstieg ist noch vergleichsweise sympathisch, wenn der Film mit der eigenen Austauschbarkeit spielt und offen zugibt, dieselbe Geschichte wie alle anderen zu erzählen. Dummerweise wird dieses Eingeständnis aber gleich wieder einkassiert. Ärgerlich ist zudem erneut, dass man sich hier in die Nähe großer Klassiker der Literaturgeschichte gesellt, unter anderem die Brontë-Schwestern und Jane Austen zitiert werden, vielleicht in der Hoffnung, dann kultivierter zu wirken, als man ist. Mit hochgeistiger Lektüre hat das hier natürlich nichts zu tun. Vielmehr ist die Adaption der Buchreihe von Anna Todd in Hinblick auf das Drehbuch eine der größten Frechheiten, die man sich dieses Jahr antun darf.

Dabei sieht es zeitweise so aus, als würde After Truth tatsächlich eine Verbesserung gegenüber dem Erstling darstellen. So gibt es einige süße Momente mit dem wankelmütigen Paar, wenn mal ausnahmsweise nicht versucht wird, alles zu problematisieren. Außerdem ist der zynisch-distanzierte Trevor eine echte Bereicherung für das Figurenensemble, da er tatsächlich witzig ist. Anlässe zum Lachen gibt es auch in den Szenen, in denen er nicht zu sehen ist. Bedauerlicherweise handelt es sich dabei jedoch fast durchgehend um unfreiwillige Komik, wenn mal wieder grauenvolle Dialoge jeglichen Glauben an die Menschheit im Kein ersticken. Wobei die dialogfreien Stellen nicht wirklich besser sind, da diese – aus Angst vor der Stille – immer mit Musik totgeprügelt werden. Gefühlt darf man sich alle fünf Minuten darauf einstellen, dass irgendwelche Powerpop-Belanglosigkeiten oder Herzschmerz-Balladen drohen.

Inhaltliche Zumutung am laufenden Band
Richtig schmerzhaft ist aber, wie Todd, die zusammen mit Mario Celaya den Roman in ein Drehbuch umgewandelt hat, das Publikum mit unnötigen Eskalationen und an den Haaren herbeigezogenen Zufälligkeiten traktiert. Natürlich werden kompromittierende Nachrichten immer dann empfangen, wenn nur der andere mit dem Handy allein ist. Es gibt in After Truth missverständliche Situationen, die so dämlich sind, dass man sich fragt, wie die Figuren überhaupt das Säuglingsalter überstanden haben. Willkürlich verhalten sich sowieso alle. Und wenn gar nichts mehr hilft, wird eben noch mal ein Trauma aus dem Hut gezogen oder eine dramatische Zuspitzung bemüht, für die man sich selbst als blutiger Anfänger in Grund und Boden schämen müsste.

Immerhin: Hero Fiennes Tiffin, der beim ersten Mal noch dazu verdammt war, sehr bemüht cool auszusehen, darf hier ausgiebig seine Gesichtsmuskeln trainieren und unerwartet hysterisch werden. „Sei nicht so melodramatisch, Hardin“, sagt seine Mutter an einer Stelle zu ihm. „Jawoll“, möchte man ihr hinterherrufen. Außerdem gibt es mehr von seinem Körper zu sehen, After Truth gibt sich an mehreren Stellen sehr verrucht, mehr als beim letzten Mal, ohne dabei zu explizit werden zu wollen – man will ja schließlich die US-Teenies nicht überfordern. Wer also einfach nur ein hübsches Paar sehen möchte, das sich abwechselnd liebkost und anschreit, der bekommt hier ausgiebig Gelegenheit dazu, da trifft Seifenoper auf Nachmittags-Trash-TV. Mit tatsächlichen Menschen oder Gefühlen hat das hier hingegen nichts zu tun. Die Chance, bei einer derart toxischen Beziehung mal wirklich Stellung zu beziehen, wird natürlich nicht genutzt. Denn das wäre nicht romantisch – oder das, was Todd als romantisch verkaufen will.

Credits

OT: „After We Collided“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Roger Kumble
Drehbuch: Anna Todd, Mario Celaya
Vorlage: Anna Todd
Musik: Justin Burnett
Kamera: Larry Reibman
Besetzung: Josephine Langford, Hero Fiennes Tiffin, Louise Lombard, Dylan Sprouse, Candice King, Charlie Weber

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After Truth
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After Truth
„After Truth“ macht da weiter, wo der Vorgänger aufgehört hat – leider. An manchen Stellen zeigt die Darstellung einer jungen toxischen Beziehung, dass sie mehr hätte sein können. Stattdessen gibt es aber erneut Klischees ohne Ende, grausame Dialoge, erzwungene Zufälligkeiten und eine dramatische Überspitzung, die einen daran zweifeln lässt, dass die Leute hinter dem Film jemals mit einer realen Welt und wirklichen Menschen zu tun hatten.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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