Kritik

7 Minuten

„7 Minuten“ // Deutschland-Start: 10. September 2020 (Kino) // 25. September 2020 (DVD)

Für den 55-jährigen Polizisten Jean (Antoine Herbez) bricht eine Welt zusammen, als er vom Tod seines Sohnes Maxime (Valentin Malguy) erfährt. Der hatte sich mit seinem Freund Kevin (Paul Arvenne) ein Hotelzimmer genommen. Und eben dort starben die beiden jungen Männer, mit einem Abstand von sieben Minuten. Doch was genau ist in diesen Minuten passiert? Und weshalb musste sein Sohn sterben? Um Antworten zu finden, beschließt Jean tiefer in die Welt seines Sohnes einzutauchen und stattet dafür auch dem Club Bisous einen Besuch ab, in dem dieser oft war. Dabei lernt er Fabien (Clément Naline) kennen, einen Freund Maximes, der sich bald zu ihm hingezogen fühlt …

Die späte Annäherung
Das Szenario kommt einem doch recht bekannt vor. In Stage Mother versuchte eine Frau ihren jüngst verstorbenen homosexuellen Sohn und dessen Welt näher kennenzulernen, verbringt viel Zeit in einem queeren Club und entdeckt dabei auch in sich neue Seiten. Drei Wochen später startet nun mit 7 Minuten ein weiterer Film in unseren Kinos, in dem ein Elternteil in die schwule Welt des verstorbenen Sohnes eintaucht. Ganz zu vergleichen sind die beiden Filme nicht. Dabei ist der Unterschied gar nicht so sehr, dass es hier der Vater ist, der sich dem Toten näher fühlen möchte. Auch die Beziehung ist eine ganz andere, sehr viel besser, zumindest legt das das letzte Telefongespräch näher, welches Maxime vor seinem Tod noch tätigte.

Doch so gut das Verhältnis auch gewesen sein mag: Wie gut kennt man einen anderen Menschen? Was wissen wir wirklich über ihn, selbst wenn wir Jahre mit ihm verbracht haben? Zumindest anfangs scheint 7 Minuten in diese Richtung gehen zu wollen, wenn sich Jean unter falschem Namen einen Platz in der Welt Maximes erschleicht. Dass Jean Polizist ist, macht die Ermittlungsarbeiten plausibel, zumal der Doppeltod rätselhaft wirkt. Um einen Krimi handelt es sich dabei jedoch nicht, Regisseur und Drehbuchautor Ricky Mastro hat dem Publikum gleich zu Beginn verraten, was geschehen ist, macht es also zu Komplizen, welche vor dem eigentlichen Protagonisten – dem Vater – einen Wissensvorsprung haben.

Die Suche nach Antworten
Wenig überraschend, wenn auch etwas enttäuschend, wird dieser spezielle Punkt der Wahrheitssuche also bald zu den Akten gelegt. 7 Minuten versucht gar nicht, aus der Tragik der Ereignisse wirklich Kapital zu schlagen. Darüber kann man sich wundern, es gut oder schlecht finden, so wie einen vieles an dem Film mit einem diffusen Gefühl zurücklässt. Was genau Mastro, der nach zahlreichen Kurzfilmen hier sein Langfilmdebüt gibt, mit dem Drama aussagen oder erreichen wollte, bleibt für die Menschen im Kinosaal genau unbegreiflich, wie es die Tat für Jean ist. Denn wenn der sich auf Fabien einlässt, nach und nach zu einem anderen Menschen wird, dann darf kräftig spekuliert werden, warum das nun geschieht.

Üblicherweise bedeuten solche Verwandlungen einer Figur in nicht mehr ganz jungen Jahren, dass diese schon immer Neigungen hatte und diese nicht ausleben konnte oder wollte. Das wäre im Fall eines Polizisten nicht einmal unplausibel. Und doch zeigt Jean keine Scheu während seiner Erkundungstour, ist getrieben aus einer Mischung von Trauer und Neugierde, sowie der Sehnsucht, seinem Sohn nahe zu sein. Das kann eben auch bedeuten, dessen Leben zu imitieren. Ob das nun erfolgreich ist oder nicht, das wird dabei nicht klar. Mastro verfolgt eine etwas elliptische Erzählweise, die vieles im Unklaren lässt. Der nicht einmal 80 Minuten lange Film lässt vieles unausgesprochen, ist auch nicht so kathartisch, wie es Filme solcher späten Annäherungen meistens sind. Das kann man dann unbefriedigend finden, vielleicht sogar ohne wirkliches Konzept. Aber es ist doch eine interessante Variation einer Geschichte, die man schon zu kennen glaubte.

Credits

OT: „7 Minutes“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 2020
Regie: Ricky Mastro
Drehbuch: Ricky Mastro
Musik: Alejandro Bonatto, Alan Marzin
Kamera: Luca Russo
Besetzung: Antoine Herbez, Clément Naline, Valentin Malguy, Paul Arvenne, Cedrick Spinassou, Robin Larroque

Bilder

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7 Minuten
„7 Minuten“ erzählt von einem Mann, der in die schwule Welt seines Sohnes eintaucht, der sich kurz zuvor das Leben genommen hat. Das Drama zeigt eine Annäherung, die sich bald vom Bekannten löst und stattdessen vieles unausgesprochen lässt. Das bleibt dann ohne Antworten, ist vielleicht unbefriedigend, aber doch auch irgendwie interessant.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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