Kritik

Stage Mother

„Stage Mother“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (Kino)

Bislang lief bei Maybelline (Jacki Weaver) alles eigentlich immer in geordneten Bahnen, zumindest nach außen hin führt sie ein aufrechtes, schönes, normales Leben in einer texanischen Kleinstadt. Doch diese Idylle wird zerstört, als sie einen Anruf erhält und erfährt, dass ihr Sohn Ricky an einer Überdosis Drogen gestorben ist. Kontakt hatten sie vorher schon jahrelang nicht mehr gehabt, seitdem er sich als schwul geoutet hatte. Um ihm wenigstens im Tod noch einmal nah zu sein, beschließt sie, gegen den Willen ihres Mannes, nach San Francisco zu fliegen, wo seine Beerdigung stattfinden soll. Dabei lernt sie nicht nur seine beste Freundin Sienna (Lucy Liu) kennen, sondern auch seinen Partner Nathan (Adrian Grenier), mit dem er zusammen eine Drag-Club geleitet hat …

Es gehört immer ein bisschen dazu, dass Eltern und Kinder irgendwann ihre Konflikte austragen müssen, wenn es darum geht, den weiteren Lebensweg zu entscheiden. Während die Eltern lernen müssen loszulassen und dem Nachwuchs eigene, möglicherweise falsche Entscheidungen zuzugestehen, muss Letzterer in mühevoller Arbeit erst einmal herausfinden, wer er genau ist und was er will. In den meisten Fällen renken sich solche Unabhängigkeitskämpfe wieder ein, wenn erst einmal die Differenzen überwunden wurden und neue Perspektiven sich bieten. Doch was, wenn diese Differenzen so groß sind, dass sie nicht überwunden werden können? Wenn da Weltansichten aufeinanderprallen, die einfach nicht kompatibel sind?

Streit um Homosexualität
Stage Mother erzählt von einer derart unüberbrückbaren Differenz. Dabei ging es bei dem Krach nicht darum, welcher Berufsweg eingeschlagen wird oder auf welche Uni man gehen will. Im Zentrum des Streits stand die Homosexualität des Sohnes, für die es in einer texanischen Kleinstadt einfach keinen Platz gibt. Sonderlich originell ist das natürlich nicht. Ob es nun die Herkunft ist, die Flucht in die LGBT-Hochburg San Francisco oder auch das Leiten einer Schwulenbar, in der nur Drag Queens zu Konservenmusik auftreten – der Film suhlt sich in allen möglichen Klischees rund um queeres Leben, hat auch nicht vor, bei diesen auch mal mehr zu machen, Alternativen aufzuzeigen oder etwas zu hinterfragen.

Insgesamt ist der Film bei allem Bekenntnis zu einer freien Selbstentfaltung selbst sehr konventionell geworden. Dass Maybelline beispielsweise nach dem Tod ihres Sohnes sich diesem nachträglich annähern wird, das ist ebenso obligatorisch wie die Annäherung an die Leute aus dem Leben Rickys. Regisseur Thom Fitzgerald versucht noch nicht einmal, an diesen Stellen vielleicht ein paar Umwege oder Stolpersteine einzubauen. Bemerkenswert ist an dem Ablauf der Geschichte lediglich, wie reibungslos das alles vonstattengeht, wie konturlos die texanische Obermutti dabei bleibt. Sie kümmert sich um alle, weiß wie man den Club rettet und bringt ganz nebenbei noch das Leben der diversen Drag Queens in Ordnung.

Ein Wohlfühlmärchen für alle
Diese Mutlosigkeit und der Verzicht auf echte Konflikte ist natürlich schade, lassen Stage Mother mehr zu einem Hollywood-Märchen werden als einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit den angesprochenen Themen. Da hätte doch mehr getan werden müssen, gerade auch in Hinblick auf die Charaktere. Dafür wird die Tragikomödie ein Publikum ansprechen, das sich nach ein bisschen Wohlfühl-Unterhaltung sehnt, gerade in Zeiten, in denen viel auf Konfrontation gegangen wird. Die Geschichte um ein konservatives Provinz-Hausmütterchen, das die schillernde Welt ihres drogensüchtigen Drag-Sohns in ihr Herz aufnimmt, wird auch bei den Zuschauern und Zuschauerinnen das eine oder andere bewegen. Gerade das Finale ist eine bewusst kitschige, aber eben auch ergreifende Mutter-Sohn-Vereinigung, wie man sie in der Form wohl noch nie gesehen hat.

Aber schon vorher gibt es immer mal wieder schöne sowie witzige Momente. Jacki Weaver (Silver Linings, Stoker – Die Unschuld endet), die hier mit einen sehr breiten texanischen Akzent auftritt, ist wunderbar als Frau, die in eine ihr völlig fremde Welt eintritt und erst einmal völlig überfordert ist. Lucy Liu hat ebenfalls einige unterhaltsame Szenen, wenn sie hier eine alleinerziehende Mutter darstellt, die sich irgendwie durchs Leben kämpft. Für die männlichen Figuren blieb da leider nicht viel Humor übrig, die definieren sich vielmehr über ihre Probleme, was sie automatisch weniger interessant macht. Schade ist auch, dass man Ricky immer wieder nur durch Nebensätze kennenlernen darf, er zwar irgendwie im Mittelpunkt von allem steht, dabei jedoch ein Phantom bleibt.

Credits

OT: „Stage Mother“
Land: Kanada
Jahr: 2020
Regie: Thom Fitzgerald
Drehbuch: Brad Hennig
Musik: Warren Robert
Kamera: Thomas M. Harting
Besetzung: Jacki Weaver, Lucy Liu, Adrian Grenier, Mya Taylor, Allister MacDonald, Oscar Moreno, Jackie Beat

Bilder

Trailer

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Stage Mother
In „Stage Mother“ fährt eine konservative Hausfrau aus einer texanischen Kleinstadt nach San Francisco, um dort ihren verstorbenen Drag-Queen-Sohn zu begraben. Der Film erzählt dabei von einer Annäherung zweier grundverschiedener Welten, was zwar etwas zu reibungslos und konventionell geschieht, dafür aber diverse witzige und bewegende Momente bereithält.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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