Kritik

Legally Declared Dead

„Legally Declared Dead“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

In seiner Firma ist Yip (Carlos Chan) einer der besten Versicherungsvertreter, der nicht nur sehr ambitioniert ist, sondern auch keine Probleme damit hat, Klienten mit eher zweifelhaftem Ruf wie Gangster oder Drogendealer zu vertreten. Diese Abgebrühtheit macht ihn zum richtigen Kandidaten für die Versicherung des geistig behinderten Chu Chung-taks (Anthony Wong), einem schon lange bekannten Klienten der Firma, der zusammen mit seiner Frau Shum Chi-ling (Karena Lam) vor vielen Jahren eine hohe Lebensversicherung für sie beide sowie ihren Stiefsohn abschloss. So vermutet Yip einen weiteren großen Auftrag, als er sich, nach dessen Anruf, zu Chus Heim aufmacht, einem heruntergekommem Haus am Stadtrand, doch wird er böse überrascht, als er die Leiche Chus Sohn in dessen Zimmer vorfindet. Die nach kurzer Zeit eintreffende Polizei kann von dem völlig verstörten Chu sowie seiner Frau nur noch deren Aussage aufnehmen, er habe Selbstmord begangen. Während für die Polizei schnell zu den Akten gehört, kommen Yip mehr und mehr Zweifel an Chus Aussage, besonders da dieser keine Zeit verliert und nach der Auszahlung der Lebensversicherung fragt. Chu wird mit der Zeit immer aufdringlicher, erwartet Yip bei dessen Eintreffen in der Firma und lauert ihm sogar privat noch auf, sodass Yip schließlich die Untersuchung des Falles um dessen Stiefsohn in die eigene Hand nimmt. Allerdings ist die Wahrheit hinter dem Todesfall sehr viel komplizierter, als es sich selbst Yip gedacht hat, doch als er die Gefahr erkennt, in die er sich und seine Freundin (Kathy Yuen) gebracht hat, ist es schon zu spät.

Gute Absichten
Bereits drei Mal wurde der Roman The Black House des Japaners Yusuke Kishi verfilmt, einmal sogar in seinem Heimatland. Die Adaption Yuen Kim-wais, der hiermit sein Spielfilmdebüt als Regisseur hinlegt, verlagert die Handlung nach Hongkong und führte 2019 mehrere Wochen lang die Kinocharts an, was nicht zuletzt auch der hochkarätigen Besetzung zu verdanken ist. Legally Declared Dead, der nun auf dem Fantasia Festival läuft, ist vordergründig ein Thriller, besitzt aber viele Elemente, die ihn gleichfalls dem Horrorgenre zuordnen, doch vor allem erzählt er eine Geschichte über Einsamkeit, Isolation und darüber, wie gute Intentionen oft auf gefährliche Irrwege führen können.

Im Rahmen der Geschichte ist schon alleine die Wahl des Protagonisten interessant. Anders als bei vielen Thrillern, in denen Polizisten oder Detektive im Zentrum der Handlung stehen, ist der von Carlos Chan gespielte Yip eine eher zwiespältiger, moralisch ambivalenter Charakter. Angetrieben von seinen Ambitionen und definiert von einem problematischen Opportunismus, den er auf Nachfrage hin als „gute Absichten“ bezeichnet, sieht er keine Probleme darin, auch Gangster zu betreuen, während seine Kollegen ängstlich das Weite suchen. Carlos Chan spielt eindrucksvoll einen Mann, der gelernt hat, seine Moral auszustellen, wenn es der Firma dient, eine Eigenschaft, für die ihn sein Chef lobt, doch der durch den scheinbar offensichtlichen Betrug von einem Mann wie Chu zunächst in seiner professionellen Ehre und dann in seinem Gefühl der Sicherheit schwer verletzt wird.

Der Weg in die Hölle
Ebenfalls ambivalent, aber aus anderen Gründen, ist ein Charakter wie Chu, den Anthony Wong, bekannt aus zahlreichen Werken Johnnie Tos, mit einer kryptischen, eindrucksvollen Präsenz spielt. Ähnliches gilt für Karena Lams Figur, die, wie ihr Gatte, behindert ist und von daher schon rein äußerlich eine Einheit von Außenseitern zu der glatten Welt von Yips Firma bildet. Verdammt dazu in den Randbezirken der Stadt, einem abbruchreifen Haus in einer desolaten Gegend zu leben, ist ihre Bedürftigkeit mehr als deutlich und die Unnachgiebigkeit, mit der Yip dem Tod ihres Stiefsohns nachgeht, unverständlich. Ein Zuschauer, der aber gut im Lesen von Symbolen ist, die Yuen Kim-wai immer wieder in seinem Film einstreut, wird schnell merken, dass irgendwas an dieser Fassade, der von Chu sowie der von Yip nicht stimmt.

Yuen Kim-wai inszeniert seinen Film als ein Verwirrspiel, das an vielen Stellen starke Bezüge zu den Werken des Film Noir sowie der Tradition des Thrillers im Kino Hongkongs aufweist. Neben den atmosphärischen Bildern sowie der Lichtgebung, spielt hierbei insbesondere die Musik Yusuke Hatanos und Timo Jaegers eine wichtige Rolle, unterstreicht die Ambivalenz der Figuren sowie das Abgründige der Handlung, welche Yip immer mehr zu verschlingen droht und ihn geradewegs in die Hölle zu bringen scheint.

Credits

OT: „Legally Declared Dead“
Land: Hongkong
Jahr: 2019
Regie: Kim-wai Yuen
Drehbuch: Kim-wai Yuen
Musik: Yusuke Hatano, Timo Jaeger
Kamera: Ronnie Ching
Besetzung: Carlos Chan, Anthony Wong, Karena Lam, Kathy Yuen

Trailer

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Legally Declared Dead
„Legally Declared Dead“ von Yuen Kim-wai ist ein technisch und erzählerisch sehr solider Thriller, der sich besonders durch seine Besetzung sowie seine Atmosphäre auszeichnet. Neben dem wirkungsvollen Spannungsaufbau zeichnet sich die Geschichte durch ihr düsteres Menschen- und Weltbild aus, bewegt sich in gesellschaftlichen Abgründen und hinterfragt die Ehrlichkeit guter Absichten mancher Menschen.
8von 10

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