Kritik

Kriya

„Kriya“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Während seiner Arbeit als DJ trifft Neel (Noble Luke) eines Abends auf die wunderschöne Sitara (Navjot Randhawa), mit der er wenige Stunden später schon küssend in seinem Auto sitzt. Zwar will sie Sex mit ihm haben, doch keinesfalls im Auto, sodass die beiden auf Sitaras Vorschlag hin zu ihr nach Hause fahren. Dort angekommen sieht sich Neel rasch dazu gezwungen seine Pläne für den weiteren Verlauf des Abends drastisch zu ändern, denn Sitaras streng hinduistische Familie ist gerade dabei dem Familienoberhaupt die letzte Ölung zu geben. Als Neel, weil er offensichtlich nicht willkommen ist, gehen will, hält ihn Sitara davon ab und behauptet, er müsse bleiben, da sie und ihre jüngere Schwester Sara (Kanak Bhardwaj) in großer Gefahr seien. Ihre Mutter Tara Devi (Avantika Akerkar) ist jedoch strikt dagegen, dass der Fremde in ihrem Haus verweilt und bezeichnet ihn als „Gott des Todes“, wohingegen der hinduistische Priester (Sundhanva Deshpande) sich nicht an Neels Gegenwart zu stören scheint und ihn sogar in die einzelnen Rituale integriert. Je länger Neel sich bei der Familie aufhält, desto unwohler fühlt er sich in deren Gegenwart und leidet unter Visionen, in denen der Tote seinen Namen vor sich hin raunt und etwas von ihm will. Schließlich teilt ihm der Priester die Wahrheit über Sitaras Familie mit, die seit vielen Jahren von einem Fluch verfolgt wird.

Das Monster inmitten der Familie
Der neue Film des indischen Regisseurs Sidharth Srinivasan, der nun auf dem Fantasia Festival läuft, ist ein Horrorfilm mit religiösen Motiven, die im Hinduismus verankert sind. Ähnlich wie William Friedkins Der Exorzist oder jüngst Keith Thomas’ The Vigil – Die Totenwache sieht auch Srinivasan einen Bezug der Themen eines Films wie Kriya zur Welt, in der wir leben. In Interviews beschreibt er, wie die Idee zu dem Film aus einer sehr persönlichen Reaktion entstand auf religiösen Fundamentalismus und religiös motivierte Gewalt, vor allem vonseiten der Hindus in seiner Heimat. So ist Kriya vor allem eine Geschichte über die problematische Verbindung zwischen Religion und Glauben hin zu Geschlechterbildern und dem Patriarchat.

Vor allem einem westlichen Zuschauer wird vieles in Kriya sehr befremdlich vorkommen, besonders, da die Ausrichtung des Hinduismus, den die Familie im Film praktiziert, streng orthodox ist. Angeleitet von dem anwesenden Priester durchläuft man verschiedene Rituale, Routinen und Praktiken, die selbst den Figuren bisweilen merkwürdig vorkommen, sodass sich schnell der Eindruck verfestigt, man beobachte als Zuschauer keinesfalls eine traditionelle letzte Ölung, sondern eher eine Art Exorzismus. Besonders Neel, der durch seine Stellung als Außenseiter in mehrfacher Hinsicht die Perspektive des Zuschauers teilt, empfindet die Atmosphäre zunehmend als verstörend, was durch die Visionen, die er erlebt, noch verstärkt wird.

Insbesondere das Etablieren einer Atmosphäre des Unheimlichen, der Verdrehung des (für Neel) Normalen oder des Bekannten, macht den besonderen Reiz eines Films wie Kriya aus. Durch die Bilder Lakshman Anands und Karan Thapliyals verstärkt sich durch die Perspektive Neels der Eindruck einer verkehrten, einer zunehmend surrealen Welt, was zusätzlich durch den Lichteinsatz in vielen Szenen betont wird. Das Monster ist auch in Kriya keinesfalls eine Gewalt, die von außen her einbricht und die Familie infiziert, sondern es wurde in deren Mitte geboren.

Sich fügen, ohne zu verstehen
Darüber hinaus zeigt sich im Ablauf des Rituals einer Hierarchie sowie ein Machtkampf innerhalb der Familie. Der Fluch des Familienoberhauptes, dessen Aggression und Gewalt müssen beendet werden, was ironischerweise nur durch Hinzuziehen eines weiteren Mannes, des Priesters und später Neels, gelingen kann. Im Rahmen der Zeremonie haben sich die anderen, weiblichen Mitglieder des Haushalts zu fügen, sie müssen „sich fügen, ohne zu verstehen“, wie es der Priester an einer Stelle sagt. In diesem Rahmen ist von allen Darstellern insbesondere Navjot Randhawa zu nennen als eine junge Frau gefangen im Ablauf eines strengen Rituals, doch erfüllt von dem Drang, endlich frei zu sein von einem Fluch, der bereits ihr bisheriges Leben bestimmte.

Credits

OT: „Kriya“
Land: Indien, UK
Jahr: 2020
Regie: Sidharth Srinivasan
Drehbuch: Sidharth Srinivasan
Musik: Jim Williams
Kamera: Lakshman Anand, Karan Thapliyal
Besetzung: Noble Luke, Navjot Randhawa, Kanak Bhardwaj, Avantika Akerkar, Sundhanva Deshpande

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Kriya
4.25 (85%) 4 Artikel bewerten

Kriya
„Kriya“ von Sidharth Srinivasan ist ein äußerst interessanter Beitrag zum Sub-Genre des religiösen Horrors. Atmosphärisch dicht und gut gespielt verhandelt Srinivasan Geschlechterbilder und Hierarchien im Zwiespalt von Tradition und Emanzipation.
7von 10

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