Kritik

Kokon

„Kokon“ // Deutschland-Start: 13. August 2020 (Kino)

Endlich Sommer! Das bedeutet Sonne und Freibad, Partys mit Freunden, die schon mal die ganze Nacht gehen können. Doch für die 14-jährige Nora (Lena Urzendowsky) wird es kein Sommer wie jeder andere sein. Sie wird langsam erwachsen, bekommt ihre erste Periode und muss sich plötzlich mit Gefühlen herumplagen, die sie selbst nicht so zuordnen kann. Während sie bislang eigentlich immer im Fahrwasser ihrer älteren Schwester Jule (Lena Klenke) und deren Clique unterwegs war, beginnt sie nun, die Welt auf ihre eigene Weise zu erkunden. Mit dabei: Romy (Jella Haase), eine neue Schülerin, die für sie bald mehr ist als eine ganz normale Freundin …

Wer bin ich? Wer will ich sein? Wer kann ich überhaupt sein? Das sind Fragen, die uns unser ganzes Leben lang begleiten, mal mehr, mal weniger bewusst. Ob wir als Kind eine erste Persönlichkeit entwickeln, uns als Jugendliche von den Eltern lösen, später vielleicht in eine Midlife-Crisis hineinrutschen oder uns nach dem Ende des beruflichen Lebens noch einmal neu definieren müssen – es gibt praktisch immer einen Anlass, sich selbst zu hinterfragen. Während all diese Abschnitte filmisch aufgearbeitet werden, rein quantitativ steht dann doch die jugendliche Selbstfindung unangefochten an erster Stelle. Der Grund dafür dürfte sein, dass sich nahezu jeder darin irgendwie wiederfinden kann. Die mit diesem Alter verbundenen Herausforderungen und Konflikte kennen die meisten, gleich wo oder wann sie aufwachsen.

Eine Erfahrung für alle
Kokon ist dann auch einer dieser Filme, die von einer sehr universellen Qualität sind. Dass das Coming-of-Age-Drama im heute spielt, das sieht man zwar immer wieder mal bei dem Umgang mit den sozialen Medien, die einen großen Einfluss auf das Leben der jungen Protagonisten und Protagonistinnen haben. Berlin als Schauplatz ist ebenfalls eine wichtige Komponente, wenn der kulturelle Schmelztiegel den Hintergrund bilden für eine Clique, in der praktisch jeder mitmachen kann. Doch trotz des spezifischen Settings, zeitlich wie geografisch gesehen, hat die Geschichte um eine erwachende 14-Jährige immer etwas Entrücktes an sich. Als würde hier nicht nur eine Figur den Prozess mitmachen, sondern mit ihr all die jungen Menschen vor ihr und nach ihr.

Schon in ihrem Spielfilmdebüt Looping hatte sich Regisseurin und Drehbuchautorin Leonie Krippendorff mit einer weiblichen Selbstfindung auseinandergesetzt. Dort bildete jedoch eine psychiatrische Anstalt den Rahmen, was weniger der Erfahrungswelt der meisten Menschen entsprechen dürfte. Damals wurde die Nähe dreier Frauen zu einer Möglichkeit, der Enge zu entkommen und etwas zu haben, das nur ihnen selbst gehört. In Kokon ist der Radius um einiges größer. Mit jedem Schritt durch das von einer Sommerhitze bedrückte Berlin wird deutlich, wie weit die Welt ist, wie unübersichtlich das Labyrinth aus Häuserschluchten, aber auch das Labyrinth aus Gefühlen, die oftmals nicht so klar sind, dass sie einem den Weg weisen könnten. Da heißt es ausprobieren, sich zwischendurch vielleicht auch mal verirren und dabei herbe Enttäuschungen mitmachen zu müssen.

Eine entspannte Entdeckungsreise
Das meiste davon ist aber ganz unspektakulär. Wenn sich Nora am Anfang den Arm bricht, was der Auftakt für den etwas anderen Sommer sein wird, dann hat Kokon schon eine der dramatischsten Szenen hinter sich. Das bedeutet nicht, dass später alles ganz wunderbar laufen würden, das Zwischenmenschliche ist immer für hässliche Erfahrungen gut. Krippendorff schildert dies jedoch nicht so, als würde dabei gerade die Welt untergehen. Wo andere Jugenddramen gerne mal richtig in die Vollen gehen und sich im Unglück suhlen, da bleibt der Film, der in der Sektion Generation der Berlinale 2020 Premiere hatte, hoffnungsvoll. Nicht einmal die homosexuellen Gefühle werden problematisiert. Das Publikum darf hier zusammen mit der Hauptfigur auf eine Erkundungstour gehen, mit staunenden Augen die Welt begreifen und das Schöne im Abfall finden.

Dass dies so gut und mitreißend funktioniert, ist gerade auch dem überwiegend weiblichen Ensemble zu verdanken. Während Jella Haase dank Filmen wie Fack ju Göhte und Das perfekte Geheimnis den größten Starfaktor mitbringt und deswegen besonders die Aufmerksamkeit auf sich zieht, so sind es doch ihre Kolleginnen, die zu einer echten Entdeckung werden. Lena Urzendowsky und Lena Klenke, die beide auch in der Serie How to Sell Drugs Online (Fast) mitspielen, funktionieren wunderbar als Geschwisterpaar und zeigen das spezielle Verhältnis zwischen genervtem Widerstand und Zusammengehörigkeit. Gerade Urzendowsky empfiehlt sich hiermit für weitere Auftritte, wenn sie anfangs schüchtern und verletzlich, danach zunehmend selbstbewusst die Welt zu ihrer eigenen macht. Eine Welt, die geprägt ist von anderen Menschen, von deren Erwartungen und Gefühlen, und doch immer individueller wird.

Credits

OT: „Kokon“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Leonie Krippendorff
Drehbuch: Leonie Krippendorff
Musik: Maya Postepski
Kamera: Martin Neumeyer
Besetzung: Lena Urzendowsky, Jella Haase, Lena Klenke, Elina Vildanova, Anja Schneider

Bilder

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Kokon
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Kokon
In „Kokon“ entdeckt eine Jugendliche sich, ihren Körper und ihre Gefühlswelt neu, als sie sich auf eine Selbstsuche begibt und in eine andere Schülerin verliebt. Das ist gleichzeitig universell und individuell, eine angenehm unspektakuläre und fantastisch gespielte Coming-of-Age-Geschichte, die das Besondere im Alltag sucht.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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