Kritik

Sieben Seven

„Sieben“ // Deutschland-Start: 23. November 1995 (Kino) // 14. Juli 2006 (DVD)

Nur noch wenige Tage sind es, dann hat es Detective Summerset (Morgan Freeman) endlich hinter sich und kann seinen lang ersehnten Ruhestand antreten. Doch der Endspurt fordert ihm noch einmal alles ab. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass er den nervtötenden Detective Mills (Brad Pitt) im Schlepptau hat, der mit seiner Ehefrau Trace (Gwyneth Paltrow) gerade erst in die Stadt gezogen ist, ereignet sich auch noch ein überaus bizarrer Todesfall: Ein stark übergewichtiger Mann hat so lange weitergegessen, bis sein Magen geplatzt ist. Es ist jedoch nicht der widerliche Anblick, der Summerset zusetzt. Vielmehr ist es die Ahnung, dass da jemand nachgeholfen hat. Jemand, der noch sehr viel mehr vorhat …

Inzwischen gilt David Fincher als einer der besten Regisseure, wenn es um das Genre des Thrillers geht. Ob sein Kultfilm Fight Club oder Gone Girl – Das perfekte Opfer, er versteht es meisterhaft, Spannung zu erzeugen. Dabei waren die Anfänge des US-Amerikaners wenig erfolgversprechend. Nachdem er zuvor Werbeclips und Musikvideos gedreht hatte, wurde ihm mit Alien 3 gleich zum Spielfilmdebüt ein richtig schwerer Brocken anvertraut. Die Einspielergebnisse waren zwar beachtlich, Fans und Kritiker waren jedoch alles andere als beeindruckt von dem Film. Fincher selbst distanzierte sich später auch von seinem Erstling, beklagte sich über Einmischungen durch das Studio, welche seine Vision behinderten.

Spannender Thriller mit bizarren Morden
Dafür gelang ihm mit dem drei Jahre später gestarteten Sieben ein großer Wurf. Bei einem Budget von 33 Millionen Dollar spielte die Geschichte um einen Serienmörder, der sich die sieben Todsünden als Vorlage genommen hat, weltweit das Zehnfache wieder ein. Nennenswerte Preise erhielt der Thriller zwar nicht, an dessen Qualität lag dies jedoch nicht. Das von Andrew Kevin Walker (Sleepy Hollow) verfasste Drehbuch funktioniert quasi als Blaupause für all die Serienmörder, die mit ihren Werken etwas aussagen wollen und daher die Tat bzw. den Tatort mit einer beträchtlichen Theatralik ausstatten. Einfach nur töten ist zu wenig, dem Publikum soll schließlich was geboten werden.

Zu sehen gibt es in Sieben ohnehin mehr als genug. Selbst wenn das Polizistenduo sich mal nicht über eine auf ebenso grausame wie surreal zugerichtete Leiche beugt, ist der Film ausgesprochen düster. Er muss dabei nicht einmal in Gewölben oder Verliesen spielen: David Fincher zeigt die amerikanische Großstadt als einen anonymen Ort, in dem es nie wirklich sonnig ist, Regen das Erscheinungsbild prägt, alles ein bisschen trüb ist. Das passt natürlich zu der Geschichte: Der unbekannte Täter schwingt sich auf zum Bestimmer über Leben und Tod, über Recht und Unrecht. Die Welt, so will er alles wissen lassen, ist zu einem unmoralischen Sündenpfuhl verkommen, der bestraft werden muss, wachgerüttelt werden muss.

Planlos zum Ziel
Die eigentliche Ermittlung ist dabei zu vernachlässigen. Sieben ist einer dieser Filme, bei denen der Täter der Polizei immer ein paar Schritte voraus ist. Tatsächlich laufen Summerset und Mills nur von Tatort zu Tatort, ohne dass man das Gefühl hätte, sie würden irgendwie vorankommen. Der Spannung tut das nicht wirklich einen Abbruch, da jeder Mord so einzigartig ist und man eine Weile braucht, um diese zu verarbeiten. Wer sich jedoch hier klassische Krimiarbeit verspricht, der geht eher leer aus. Es gibt schlicht zu wenig Stoff, über den man nachgrübeln könnte. Summerset wird zwar als brillanter Kopf porträtiert, viele Beweise liefert er dafür aber nicht. Mills wiederum glänzt mehr durch Enthusiasmus als durch Effektivität.

Dafür sind beide gut gespielt. Morgan Freeman als graue Eminenz und Brad Pitt als Heißsporn, das funktioniert prima als Kontrast, sie streiten und ergänzen sich – wie in den vielen Buddy Movies, nur ohne jeglichen Humor. Vor allem zum Ende hin setzt Sieben die beiden auch gewinnbringend ein, bei einem Finale, das so fordernd und finster ist, wie man es in Hollywood nur selten sieht. Selbst wenn die Denkanstöße des Täters und des Films zu einer verkommenen Gesellschaft nicht wirklich lange nachhallen, die letzten Minuten, nervenaufreibend und emotional, tun es dafür umso mehr.

Credits

OT: „Seven“
AT: „Se7en“
Regie: David Fincher
Drehbuch: Andrew Kevin Walker
Musik: Howard Shore
Kamera: Darius Khondji
Besetzung: Brad Pitt, Morgan Freeman, Gwyneth Paltrow, Kevin Spacey

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1996 Bester Schnitt Richard Francis-Bruce Nominierung
BAFTA Awards 1996 Bestes Original-Drehbuch Andrew Kevin Walker Nominierung

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Sieben
3.92 (78.46%) 13 Artikel bewerten

Sieben
„Sieben“ ist einer der Klassiker im Bereich gestörte Serienmörder, wenn ein Mister X Menschen tötet und sich dabei von den sieben Todsünden inspirieren lässt. Die eigentliche Ermittlung ist weniger erwähnenswert, auch die Denkanstöße sind eher schwach. Dafür ist der düstere Thriller hoch spannend, sehr atmosphärisch und gut gespielt, die Morde so bizarr, dass man sich noch lange an sie erinnert.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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