Kritik

Exorzismus 2.0 The Cleansing Hour

„The Cleansing Hour“ // Deutschland-Start: 20. August 2020 (DVD/Blu-ray)

Ihr Traum vom großen Durchbruch in Hollywood hatten Drew (Kyle Gallner) und Max (Ryan Guzman) schon aufgegeben, als sie schließlich auf eine sehr lukrative Idee kamen, ihrem Ziel doch noch ein Stück näherzukommen. Unter dem Titel „The Cleansing Hour“ übertragen die beiden regelmäßig getürkte Exorzismen für ein mittlerweile sehr breites Publikum und vor allem Max, der als Priester in den Videos auftritt, ist der Ruhm sichtlich zu Kopf gestiegen. Während sein Freund sich vor allem um seinen Ruf und seine weiblichen Bewunderer kümmert, sorgt Drew für die technische Ausstattung und versendet regelmäßig die Fanartikel, zu denen neben Weihwasser und Kruzifixen auch andere religiöse Artefakte gehören, natürlich alle unecht. Gerade Drews Verlobte Lane (Alix Angelis) stört sich an dieser Arbeitsverteilung unter den beiden Freunden und versucht Drew davon zu überzeugen, Max endlich fallen zu lassen, da dieser ihn nur ausnutzt. Fürs Erste jedoch bleiben Max und Drew zusammen und bereiten sich auf einen weiteren Stream vor, bei dem Lane, weil eine Darstellerin nicht auftaucht, als Besessene einspringen muss. Allerdings entwickelt sich der Dreh zu einer ganz neuen Erfahrung für die beiden, denn nach einiger Zeit stellt sich wirklich heraus, dass Lane von einem mächtigen Dämon besessen ist, der sich einen Spaß daraus macht, den Schwindel der beiden vor ihrem Publikum aufzudecken. Nun müssen die beiden Freunde beweisen, dass sie tatsächlich das Zeug zum Exorzieren haben.

Live und authentisch
Bevor man sich einem Projekt widmet und Zeit in dieses investiert, sollte man sicherstellen, dass es sich um eine Geschichte handelt, die einen wirklich am Herzen liegt. Diesem Motto folgte Cutter Damien LeVeck unter anderem, als er beschloss vom Schneidetisch zum Regiestuhl zu wechseln, zunächst bei Kurzfilmen und schließlich bei seinem ersten Langfilm The Cleansing Hour, oder Exorzismus 2.0, wie der dämliche deutsche Titel lautet. Basierend auf seinem eigenen Kurzfilm, den er mittels einer Kickstarter-Kampagne finanzierte, entschloss sich LeVeck die Welt, die Themen und die Figuren näher zu beleuchten und erweiterte die Handlung des Kurzfilms auf 90 Minuten. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist im Kontext einer Independent-Produktion aus dem Horrorgenre nicht nur sehr solide, sondern behandelt jenen Geltungs- und Egowahn im Internet, dieses Suchen nach Authentizität in einer Welt, in der so vieles unecht ist.

Die Erfahrung von Authentizität steht im Fokus von The Cleansing Hour. Wie schon in Daniel Stamms Der letzte Exorzismus (2010) ist dies aber nur ein Schein, eine Hülle und Illusion, an der sich ein Publikum auf der Suche nach einer echten Erfahrung sehnt. Für Figuren wie Drew und Max wird sie gleichsam zur Abhängigkeit, nicht nur aus finanzieller Hinsicht, sondern aus persönlicher, denn gerade Max wird Opfer der eigenen Illusion und geradezu süchtig nach dem Bild des tapfer sich gegen Dämonen stellenden Priesters sowie dem Ruhm, der damit einhergeht. Die teils eingeblendeten User-Kommentare, wie man sie bei einem Live-Stream kennt, spiegeln diesen Willen zu glauben, zu erfahren und an etwas teilzuhaben, was man als echt empfindet, auch wenn die Illusion für jeden ersichtlich ist.

Reinwaschen und Teufelsaustreibung
Jene Aspekte, die LeVecks Film von der Vielzahl durchschnittlicher Produktionen, gerade aus dem Bereich des Indie-Horrors, abheben, sind die Charaktere sowie die Effekte. In Verbindung mit dem Erlebnis des Glaubens zeigt die Geschichte zwei Männer, die nicht nur den Glauben an Echtheit verloren haben oder sich wie Max der Illusion hingeben, sondern auch den Glauben an sich selbst. Der Prozess der Teufelsaustreibung wird innerhalb der Handlung eine Konfrontation mit den eigenen Dämonen, dem eigenen Trauma und einer zwingenden Erkenntnis, vor der sich beide Figuren fürchten.

Wenn auch spärlich gesät, sind gerade die Effekte, bedenkt man die Rahmenbedingungen vieler unabhängiger Produktionen, sehr beachtlich. Speziell das Finale von The Cleansing Hour kann sich nicht nur schauspielerisch, sondern auch optisch sehen lassen.

Credits

OT: „The Cleansing Hour“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Damien LeVeck
Drehbuch: Damien LeVeck, Aaron Horwitz
Musik: Juliette Beavan, Sean Beavan
Kamera: Jean-Philippe Bernier
Besetzung: Ryan Guzman, Kyle Gallner, Alix Angelis, Chris Lew Kum Hoi, Daniel Hoffmann-Gill, Emma Holzer

Bilder

Trailer

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Exorzismus 2.0
„Exorzismus 2.0“ oder „The Cleansing Hour“ von Damien LeVeck ist ein solider Horrorfilm. Durch gute Effekte und Darsteller gelingt es dem Film, sich von der Masse an Produktionen auf diesem Gebiet abzuheben und sogar dem ausgetretenen Exorzismus-Horror noch ein paar neue Aspekte abzugewinnen.
6von 10

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