Kritik

Brot und Blumentopf A Moment of Innocence Nun o goldun

„Brot und Blumentopf“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Der bekannte iranische Regisseur Mohsen Makhmalbaf möchte einen Film machen über ein Erlebnis aus seiner Jugend, welches ihn bis heute beschäftigt. Als Siebzehnjähriger attackierte er während einer Anti-Schah-Demo einen Polizisten und wurde daraufhin für längere Zeit eingesperrt. Eigens für das Projekt gelingt es Makhmalbaf und seinem Team jenen Beamten von damals (Mirhadi Tayebi) zu finden, der nun aber nicht mehr im Dienst ist und nun beim Dreh mitwirken soll. Angetan von dem Vorhaben des Regisseurs zeigt sich der Mann sehr engagiert, erlebt aber schon bald seine erste Enttäuschung, als beim Casting für sein jüngeres Ich die Entscheidung von Regisseur und den Produzenten auf einen naiven jungen Mann (Ali Bakshi) fällt, dem er noch nicht einmal ähnelt, wie er sagt. Doch trotz seiner Proteste steht die Meinung des Regisseurs und es wird mit der Vorbereitung jener Schlüsselszene begonnen. Während sich der Ex-Polizist mit dem jungen Darsteller herumärgert, ihm versucht das Verhalten eines Gesetzeshüters beizubringen sowie seine damaligen Lebensumstände näherzubringen, trifft sich Makhmalbaf mit dem Darsteller (Ammar Tafti), der sein jüngeres Ich spielen soll. Beim eigentlichen Dreh jedoch kommt es zu Konflikten zwischen Regisseur und dem Polizisten von damals und auch die jungen Darsteller können sich trotz langer Vorbereitung nicht mit der Szene anfreunden.

Momente der Unschuld
Während seiner Jugend war Mohsen Makhmalbaf aktives Mitglied einer militanten Gruppe, die sich gegen die Politik des Shah im Iran zu Wehr setzte. Bei einer Demonstration geschah eben jenes Ereignis, welches den Kern von Brot und Blumentopf darstellt, ein Projekt, für das es Makhmalbaf tatsächlich gelang jenen Polizisten von damals ausfindig zu machen und zu besetzen. Wie so viele seiner Werke wurde auch dieses in Makhmalbafs Heimat verboten, gelangte aber über Umwege ins Ausland, wo es von vielen Kritikern gefeiert wurde und als einer der besten Filme des Regisseurs bis heute gilt.

Im englischsprachigen Ausland übersetzte man den persischen Titel „Nun o Goldun“ mit „A Moment of Innocence“ (Ein Moment der Unschuld), was nicht nur ein poetischer, sondern auch passenderer Titel für dieses semi-autobiografische Drama ist. Denn im Kern der Handlung steht, wie in vielen Werken Makhmalbafs, die Unschuld und deren Verlust, ausgehend von einem besonders prägenden Moment in der Geschichte der Figuren. Auch wenn das Ereignis, welches Brot und Blumentopf beschreibt, von dem realen Ereignis an einigen Stellen abweicht, ist es dennoch ein Übergang hin zur Sünde, ein Abschied von der jugendlichen Unschuld, welches beide Figuren, sowohl den Polizisten wie auch den Angreifer prägt und auf Jahre hinweg beschäftigt.

Interessant ist nicht zuletzt, wie Makhmalbaf die Sichtweisen auf die Figuren verschwimmen lässt und damit auf das Ereignis an sich. Insbesondere die Figur, die Mirhad Tayebi (jener Polizist von damals) spielt, beschäftigt die Perspektive auf das Ereignis, auf seiner Person, wie diese gespielt und gezeigt wird, sehr und wird zu einem Hauptstreitpunkt zwischen ihm und dem Rest der Crew. Immer wieder betont er, nicht als Bösewicht dargestellt werden zu wollen oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. An diesen wie an vielen Stellen fällt eine Unterscheidung zwischen realer und gespielter Figur schwer, vor allem, wenn es darum geht, wie der Ablauf jenes Ereignisses wahrgenommen und damit gewertet wurde.

Das junge und das gegenwärtige Ich
Ungleich spannender ist, wie Makhmalbaf jenen Konflikt inszeniert, der sich zwischen den damaligen Akteuren und ihren jugendlichen Darstellern, ihren jungen „Ichs“ abzeichnet. Die Abläufe, Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften werden ihnen auferlegt, wonach sie gehorchen und ihre Bestes geben, die Szene zu spielen, was aber nie gut genug zu sein scheint und zum Scheitern verurteilt ist. Gerade das Darstellen der Attacke ist für Makhmalbafs junges „Ich“ eine emotionale Herausforderung, eine Bluttat, die, wenn auch gespielt, nicht seiner Natur entspricht. Hier zeigt sich abermals eine Parallele zu der eigentlichen Tat, stellt alleine das Spiel für den Jugendlichen schon einen Verlust der Unschuld dar.

Auf formaler und erzählerischer Ebene kreiert Makhmalbaf ein Verwirrspiel mit seinem Zuschauer. Stets vermischen sich die einzelnen Ebenen und Charaktere, das Spiel mit der Fiktion, was den Akt der Verarbeitung jenes Ereignisses zu einer Unmöglichkeit macht.

Credits

OT: „Nun o goldun“
Land: Iran
Jahr: 1996
Regie: Mohsen Makhmabaf
Drehbuch: Mohsen Makhmalbaf
Musik: Majid Entezami
Kamera: Mahmoud Kalari
Besetzung: Mirhadi Tayebi, Mohsen Makhmalbaf, Ali Bakshi, Ammar Tafti, Maryam Mohamadamini

Filmfeste

Locarno Film Festival 1996
Toronto International Film Festival 1996
International Film Festival Rotterdam 1997
Locarno Film Festival 2020

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Brot und Blumentopf
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Brot und Blumentopf
Mohsen Makhmalbafs „Brot und Blumentopf“ ist ein erzählerisch forderndes Drama über die Verarbeitung eines für den Filmemacher prägenden Ereignisses. Formal minimalistisch angelegt und ambivalent, zeigt die Geschichte sowohl die Möglichkeiten als auch die Unwahrscheinlichkeiten eines solchen Vorhabens an und wird zu einer filmischen Parabel auf den Verlust der Unschuld im Leben eines Menschen.
8von 10

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