Kritik

Ausgrissen

„Ausgrissn!“ // Deutschland-Start: 13. August 2020 (Kino) // 3. Dezember 2020 (DVD)

Eine Zeit lang gab es im Kino kaum eine Möglichkeit ihnen zu entkommen: Reisedokus. Ob die Leute nun allein unterwegs waren (Anderswo. Allein in Afrika) oder mit Familien (Zwei Familien auf Weltreise), mit einem Motorrad durch die Gegend fuhren (Egal was kommt) oder auf dem Sattel eines Fahrrads die Welt erkundeten (Besser Welt als Nie)  – sie alle fühlten sich berufen, die eigenen Erfahrungen mit der Kamera festzuhalten und auf diese Weise mit den Leuten daheim zu teilen. Diese inflationäre Zweitverwertung der eigenen Erlebnisse kann man als Erweiterung des eigenen Horizonts gut finden oder aus Prinzip schon ablehnen, wenn auf einmal jeder für sich in Anspruch nimmt, eine Geschichte erzählen zu haben. Die Filme erfreuen sich aber einer anhaltenden Beliebtheit, weshalb es nicht verwundert, dass bald nach der virenbedingten Zwangspause neue in unsere Kinos kommen.

Ausgrissn! versucht auf zwei Weisen, sich von dem großen Angebot ähnlich angelegter Filme emanzipieren zu können und mit etwas Eigenständigkeit zu punkten. Die eine ist bereits in dem Untertitel „In der Lederhosn nach Las Vegas“ versteckt. Hier geht es eben um zwei bayerische Burschen – die Brüder Julian und Thomas Wittmann –, die gemeinsam den alten Traum von Amerika verfolgen, indem sie mit ihren Mopeds über die Highways tuckern, das Endziel Las Vegas vor den Augen. Die US-Glitzermetropole und betonte regionale Identität im Süden Deutschlands, klar dass bei sowas Welten aufeinanderprallen. Der Dokumentarfilm will mit diesen Culture-Clash-Elementen auch spielen, gerne unter Zuhilfenahme von Klischees.

Reden über den Film
Der zweite Einfall: Um den Dokumentarfilm herum wurde eine Art Rahmengeschichte hinzugefügt, in der die beiden nach ihrem gemeinsamen Abenteuer ihre Aufnahmen vor Publikum zeigen. Genauer haben sie sich eine – natürlich bayrische! – Wirtschaft ausgesucht, um so den anderen von ihren Erlebnissen erzählen zu können. Das heimische Publikum darf auf diese Weise noch ein bisschen einer Verarbeitung des Gezeigten beiwohnen, wenn Gäste wie Angestellte der Wirtschaft alles fleißig kommentieren und ganz grundsätzlich über die Vor- und Nachteile solcher Begegnungen diskutieren. Außerdem gibt es Gastauftritte, etwa von Roland Hefter und Monika Gruber.

Ob es solche eher künstlichen Elemente braucht, um eine Reisedoku interessant zu machen, darüber kann man sich streiten. Nicht allein, dass sie dem Inhalt nicht wirklich etwas hinzuzufügen haben, von der etwas humorvolleren Ausrichtung einmal abgesehen. Die Brüder Wittmann verpassen es zudem, diese Punkte auch wirklich konsequent zu nutzen. Lederhosen und Mopeds bilden natürlich einen schon witzigen Kontrast zu dem, was sonst so in den USA unterwegs ist. Nur hätte dann noch mehr kommen müssen, eine wirkliche Auseinandersetzung mit Identität. Aber es bleibt eben eine Kuriosität ohne inhaltlichen Mehrwert, da nicht näher auf die Themen eingegangen wird. Gleiches gilt für die anschließenden Diskussionen in der Wirtschaft, die über ein paar Allgemeinplätze nicht hinauskommen.

Persönliche Begegnungen auf der Straße
Interessanter wird es, wenn Ausgrissn! gar nicht erst versucht, das Rad neu zu erfinden, sondern sich auf das konzentriert, was solche Filme ausmacht: die Begegnungen und Eindrücke, die man unterwegs sammelt. Gerade das Zusammentreffen mit einem doch irgendwie unheimlichen Rocker der Hells Angels, der mit nicht wenig Pathos den gefährlichen Geist der Freiheit heraufbeschwört, gehört zu den Höhepunkten des Films. Hier wird Culture Clash nicht einfach behauptet, sondern tatsächlich gezeigt. Gleiches gilt für die sprichwörtliche Waffenverrücktheit, die auf ein hiesiges Publikum immer etwas verstörend wirkt. Gleichzeitig ist die Reise durch das Land gar nicht das Abenteuer, das sie sich im Vorfeld ausgemalt haben, wie sie in einem der ruhigeren Momente erzählen.

Von denen hätte es gern noch mehr geben dürfen, tatsächlich authentische Szenen, die einen auf eine Reise mitnehmen, uns aufzeigen, was es mit den beiden jungen Männern macht. Dafür sind diese sympathisch, was bei einem solchen Werk schon mal die halbe Miete ist. Man sieht ihnen gerne dabei zu, wie sie durch die Gegend fahren, Leute treffen und sich fragen, was sie da eigentlich sollen. Zudem gibt es in Ausgrissn! schöne Bilder, die einem die derzeitigen Reiseeinschränkungen etwas erträglicher machen. Wer also in der Stimmung ist für eine weitere Doku über eine Fahrt durch die Welt, kann mit dieser unterhaltsamen, wenngleich eher oberflächlichen sich die Zeit vertreiben.

Credits

OT: „Ausgrissn!“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Julian Wittmann
Drehbuch: Julian Wittmann
Musik: Ulrich Wiedemann

Bilder

Trailer

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Ausgrissen!
In „Ausgrissen!“ fahren zwei bayrische Brüder mit ihren Mopeds durch die Welt, auf der Reise nach Las Vegas. Die Doku spielt dabei mit Culture-Clash-Elementen und versucht sich durch eine fiktive Rahmenhandlung auszuzeichnen. Die besten Szenen sind aber die, wenn die zwei einfach anderen Leuten begegnen und ihre Erfahrungen direkt teilen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Peter Huber

    Mischung aus Dokumentation und Fiktion, ein bayerisches Roadmovie. Für mich zu viele skurrile Typen aus Amerika, zu wenig schöne Bilder.

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